Document Number: JJT_20200930_OGH0002_0150OS00028_20M0000_000
ECLI: ECLI:AT:OGH0002:2020:0150OS00028.20M.0930.000
Case Number: 15Os28/20m
Application Type: Justiz
Court: OGH
Decision Date: 1601424000000
Word Count: 1582

Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat am 30.Â SeptemberÂ 2020 durch den SenatsprÃ¤sidenten des Obersten Gerichtshofs Hon.-Prof.Â Dr.Â Kirchbacher als Vorsitzenden sowie den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Mag.Â Lendl und die HofrÃ¤tinnen des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Michel-Kwapinski, Mag.Â FÃ¼rnkranz und Dr.Â Mann in Gegenwart der Dr.Â Ondreasova als SchriftfÃ¼hrerin in der Strafsache gegen M***** S***** und andere Angeklagte wegen des Verbrechens der schweren gemeinschaftlichen Gewalt nach Â§Â 274 AbsÂ 1 StGB Ã¼ber die Nichtigkeitsbeschwerde der Staatsanwaltschaft gegen das Urteil des Landesgerichts Innsbruck als SchÃ¶ffengericht vom 22.Â OktoberÂ 2019, GZÂ 36Â HvÂ 51/19f-106, nach AnhÃ¶rung der Generalprokuratur in nichtÃ¶ffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Nichtigkeitsbeschwerde wird zurÃ¼ckgewiesen.
Text
GrÃ¼nde:
Mit dem angefochtenen Urteil wurden nachgenannte Angeklagte gemÃ¤ÃŸ Â§Â 259 ZÂ 3 StPO vom wider sie erhobenen Vorwurf freigesprochen, sie hÃ¤tten am 27.Â OktoberÂ 2018 in I***** im bewussten und gewollten Zusammenwirken mit weiteren, zumindest sieben nicht identifizierten MittÃ¤tern, und zwar M***** S*****, P***** K*****, A***** L*****, F***** G*****, S***** Gu*****, M***** St*****, H***** P*****, E***** M*****, R***** PÃ¼***** und A***** F***** jeweils als AnhÃ¤nger des FC W***** I*****, und G***** Ki*****, F***** E*****, R***** Fi*****, D***** H*****, A***** He*****, H***** Kr*****, E***** Me*****, R***** Sc*****, D***** Sch*****, A***** Z*****, M***** W*****, S***** Sw***** und G***** L***** jeweils als AnhÃ¤nger des FK A***** W*****, wissentlich an einer Zusammenkunft vieler Menschen (â€žzumindest 50Â Personenâ€œ), die darauf abzielte, dass durch ihre vereinten KrÃ¤fte schwere KÃ¶rperverletzungen (Â§Â 84 StGB) begangen werden, teilgenommen, wobei es tatsÃ¤chlich zu solchen Gewalttaten, nÃ¤mlich zu versuchten schweren KÃ¶rperverletzungen nach Â§Â§Â 15, 84 AbsÂ 4 StGB gekommen ist, indem sie sich im Vorfeld zu einem FuÃŸball-Bundesligaspiel des FC W***** I***** und des FK A***** W***** Ã¼ber den Aufenthalt der jeweils anderen AnhÃ¤ngerschaft informierten, wobei sich die Angeklagten M***** S*****, P***** K*****, A***** L*****, F***** G*****, S***** Gu*****, M***** St*****, H***** P*****, E***** M*****, R***** PÃ¼***** und A***** F***** als AnhÃ¤nger des FC W***** I***** vereinbarungsgemÃ¤ÃŸ in einem Lokal trafen, sich gemeinsam in einer Gruppe mit weiteren, nicht identifizierten Personen in die Innenstadt begaben, weil sie wussten, dass es dort zu einem Aufeinandertreffen mit den AnhÃ¤ngern des FK A***** W***** kommen werde, sich teilweise mit Sturmmasken und Kapuzen vermummt dem Lokal â€žT*****â€œ nÃ¤herten, in welchem die Angeklagten F***** E*****, R***** Fi*****, D***** H*****, A***** H*****, H***** Kr*****, E***** M*****, R***** Sc*****, D***** Sch*****, A***** Z*****, M***** W*****, S***** Sw*****, G***** Ki*****, G***** L***** und weitere, unbekannte AnhÃ¤nger des FK A***** W***** verabredungsgemÃ¤ÃŸ und in Erwartung des Eintreffens der weiteren Angeklagten aufhielten, sich dort ebenfalls maskierten, Handschuhe Ã¼berzogen und Kampfstellungen einnahmen, wobei es in weiterer Folge zwischen den insgesamt zumindest 50Â Personen vereinbarungsgemÃ¤ÃŸ zu gegenseitigen FaustschlÃ¤gen und FuÃŸtritten auch gegen bereits am Boden liegende Personen kam, glÃ¤serne Aschenbecher, Metalleimer, BlumentrÃ¶ge, Tische und hÃ¶lzerne StÃ¼hle, GlÃ¤ser und GetrÃ¤nkedosen wuchtig und auch in KopfhÃ¶he und aus kurzer Distanz aufeinander geworfen wurden und mit einem Regenschirm auf einen Kontrahenten eingeschlagen wurde.
Das Erstgericht ging im Wesentlichen davon aus (USÂ 5Â ff), dass am 27.Â OktoberÂ 2018 in I***** AnhÃ¤nger des FC W***** I***** und AnhÃ¤nger des FK A***** W***** vor dem Lokal â€žT*****â€œ aufeinander trafen. Es hatten sich jeweils 15Â bis hÃ¶chstens 20Â AnhÃ¤nger des I***** und des W***** FuÃŸballvereins zusammengeschlossen, um mit den Fans des jeweils gegnerischen Vereins zu raufen. Die beiden Gruppen wollten ihre KrÃ¤fte nicht vereinen, um AuÃŸenstehende zu attackieren oder um SachbeschÃ¤digungen zu begehen, es ging ausschlieÃŸlich darum, ihre KrÃ¤fte in einer wechselseitigen SchlÃ¤gerei zu messen. Nach der Ãœberzeugung des Gerichts kam es zu einer SchlÃ¤gerei mit â€žtumultuÃ¶senâ€œ Szenen, bei welchen die Fangruppen aufeinander zustÃ¼rmten, sich schlugen, traten und mit GegenstÃ¤nden warfen. Adressaten der TÃ¤tlichkeiten waren nur die gegnerischen Fans, keine AuÃŸenstehenden (USÂ 8).
Eine Feststellung des Inhalts, dass einer der Angeklagten bei dieser SchlÃ¤gerei jemand anderen vorsÃ¤tzlich oder fahrlÃ¤ssig am KÃ¶rper verletzte oder jemanden angriff (oder dazu beitrug) und es dabei auch nur ernstlich fÃ¼r mÃ¶glich hielt und sich damit abfand, den Gegner am KÃ¶rper zu verletzen, wurde vom Erstgericht abgelehnt (USÂ 6, 9 und 13). Ebensowenig sah es sich zur Feststellung in der Lage, dass ein Teilnehmer der SchlÃ¤gerei durch diese schwer verletzt wurde oder durch die gegnerische Einwirkung eine lÃ¤nger als 24Â Tage andauernde GesundheitsschÃ¤digung oder BerufsunfÃ¤higkeit davontrug (USÂ 7Â ff). Dass F***** G***** seine (leichte) Verletzung und M***** St***** seine (schwere) Verletzung â€“ wie von ihnen behauptet (ONÂ 20 SÂ 3; ONÂ 93 SÂ 11) â€“ nicht durch einen Gegner bei der SchlÃ¤gerei erlitten hatten, erachtete es als nicht widerlegbar (USÂ 8, 9 und 13). Die (leichte) Verletzung des P***** K***** konnte es keinem der Angeklagten als Verursacher zuordnen (USÂ 8, 9, 13). Eine Konstatierung des Inhalts, dass einer der Angeklagten (allein oder im bewussten und gewollten Zusammenwirken mit jemand anderem) bei dieser SchlÃ¤gerei eine fremde Sache beschÃ¤digt hatte, vermochte es gleichfalls nicht zu treffen (USÂ 7 und 13).
Ausgehend davon, dass eine â€žZusammenkunft vieler Menschenâ€œ bei einem Zusammenschluss von 15Â Personen nicht vorliege, und â€ždie Fansâ€œ die KrÃ¤fte der beiden Gruppen nicht vereinen wollten, um durch die vereinten KrÃ¤fte schwere KÃ¶rperverletzungen gegen AuÃŸenstehende oder schwere SachbeschÃ¤digung zu begehen, erachteten die Tatrichter Konstatierungen darÃ¼ber als entbehrlich, welcher der Angeklagten konkret an der SchlÃ¤gerei teilnahm (USÂ 12).
Rechtliche Beurteilung
Dagegen richtet sich die auf Â§Â 281 AbsÂ 1 ZÂ 5 und 9 litÂ a StPO gestÃ¼tzte Nichtigkeitsbeschwerde der Staatsanwaltschaft, die â€“ soweit deutlich und bestimmt dargestellt â€“ einen Schuldspruch sÃ¤mtlicher Angeklagter nach Â§Â 274 AbsÂ 1 StGB oder zumindest einen solchen der Angeklagten M***** S*****, G***** Ki***** und M***** W***** jeweils wegen Â§Â§Â 15, 83 AbsÂ 1 StGB anstrebt. Sie verfehlt ihr Ziel:
Die MÃ¤ngelrÃ¼ge (ZÂ 5) behauptet eine UnvollstÃ¤ndigkeit der BeweiswÃ¼rdigung (ZÂ 5 zweiterÂ Fall) zur Urteilsaussage, wonach nicht feststeht, dass einer der Angeklagten bei der SchlÃ¤gerei jemanden am KÃ¶rper verletzte oder jemanden angriff (oder dazu beitrug) und es dabei auch nur ernstlich fÃ¼r mÃ¶glich hielt und sich damit abfand, den Gegner am KÃ¶rper zu verletzen (USÂ 6, 9 und 13).
Die Bekundung des Angeklagten M***** S*****, wonach er â€žeinen Stuhl geworfenâ€œ habe, weil zuvor â€žjemand den Stuhlâ€œ auf ihn â€žgeworfenâ€œ habe, er habe mit dem Stuhl â€žauch jemanden getroffenâ€œ (ONÂ 93 SÂ 8), stand den Negativfeststellungen zum Verletzungsvorsatz (auch dieses Angeklagten) nicht in erÃ¶rterungsbedÃ¼rftiger Weise entgegen (RIS-Justiz RS0098646 [T8]).
Mit der eigenstÃ¤ndigen Bewertung von Sequenzen des in der Hauptverhandlung mehrfach vorgefÃ¼hrten (ONÂ 105 SÂ 12) und im Urteil angesichts tumultÃ¶ser Szenen und minderer QualitÃ¤t erkennbar (USÂ 7â€“12) als nur bedingt aussagekrÃ¤ftig eingestuften Videomaterials wird kein aus Â§Â 281 Abs 1 ZÂ 5 zweiterÂ Fall StPO beachtliches Urteilsdefizit aufgezeigt. Vielmehr wird bloÃŸ der von den Tatrichtern dem Bildmaterial zuerkannte Beweiswert (USÂ 9) in Bezug auf
â€“ von der AnklagebehÃ¶rde den Angeklagten S*****, Ki***** und W***** zugeordnete und als gezielte und wuchtige Angriffe gegen andere Teilnehmer beurteilte â€“ TÃ¤tlichkeiten mit dem Ziel kritisiert, daraus andere, fÃ¼r den Anklagestandpunkt gÃ¼nstigere RÃ¼ckschlÃ¼sse plausibel zu machen (RIS-Justiz RS0099455, RS0099438). Zu einer ausdrÃ¼cklichen Auseinandersetzung mit sÃ¤mtlichen Details einzelner Videosequenzen war das SchÃ¶ffengericht mit Blick auf das Gebot zu gedrÃ¤ngter Darstellung der EntscheidungsgrÃ¼nde (Â§Â 270 AbsÂ 2 ZÂ 5 StPO) nicht verhalten (RIS-Justiz RS0106642).
Es ist auch kein Widerspruch (ZÂ 5 dritter Fall) darin zu erblicken, dass das Erstgericht einerseits von â€žtumultuÃ¶senâ€œ Szenen ausging, bei welchen die Fangruppen aufeinander zustÃ¼rmten, (zu)schlugen, traten und mit GegenstÃ¤nden warfen (USÂ 8), und andererseits eine Feststellung des Inhalts ablehnte, dass (gerade) einer der hier Angeklagten bei dieser SchlÃ¤gerei jemanden am KÃ¶rper verletzte, jemanden angriff (oder dazu beitrug) und es dabei auch nur ernstlich fÃ¼r mÃ¶glich hielt und sich damit abfand, einen Gegner am KÃ¶rper zu verletzen (USÂ 6, 9 und 13).
Bei der BekÃ¤mpfung eines Freispruchs aus Â§Â 281 AbsÂ 1 ZÂ 9 litÂ a StPO bringt es das Gebot deutlicher und bestimmter Bezeichnung der nichtigkeitsbegrÃ¼ndenden TatumstÃ¤nde (Â§Â 285a ZÂ 2 StPO) mit sich, dass Feststellungen und strafbare Handlungen, denen jene (bei richtiger Rechtsanwendung) zu subsumieren seien, deutlich und bestimmt genannt werden mÃ¼ssen (vgl Ratz, WK-StPO Â§Â 281 RzÂ 585). Hinsichtlich jener Tatbestandsmerkmale, zu denen das Urteil keine Konstatierungen enthÃ¤lt, sind unter Berufung auf derartige Feststellungen indizierende und in der Hauptverhandlung vorgekommene Verfahrensergebnisse FeststellungsmÃ¤ngel (Â§Â 281 AbsÂ 1 ZÂ 9 litÂ a StPO) geltend zu machen; gegen missliebige Feststellungen (einschlieÃŸlich sog Negativfeststellungen; vgl Ratz, WK-StPO Â§Â 281 RzÂ 593) kÃ¶nnen hingegen nur BegrÃ¼ndungsmÃ¤ngel (Â§Â 281 AbsÂ 1 ZÂ 5 StPO) eingewendet werden (RIS-Justiz RS0118580 [T24]).
Die RechtsrÃ¼ge (ZÂ 9 litÂ a) hÃ¤lt der Rechtsauffassung des SchÃ¶ffengerichts (USÂ 12), wonach bei gegeneinander tÃ¤tlich auftretenden Gruppen von je 15Â Personen keine vereinten KrÃ¤fte einer Zusammenkunft vieler Menschen anzunehmen sind (vgl dazu PlÃ¶chl in WK2 StGB Â§Â 274 RzÂ 4Â f) rechtspolitische ErwÃ¤gungen zum Gefahrenpotential der von Gruppen ausgehenden Gewalt entgegen. Sie vernachlÃ¤ssigt allerdings die im Urteil ausdrÃ¼cklich getroffenen (aus ZÂ 5 unbeanstandet gebliebenen) Feststellungen, wonach die beiden Gruppen von je 15 bis hÃ¶chstens 20Â AnhÃ¤ngern gegeneinander raufen und ihre KrÃ¤fte nicht vereinen wollten (USÂ 6 und 12), mit anderen Worten ein RÃ¼ckhalt in der Zusammenkunft also nur jeweils innerhalb der eigenen Fangruppe gegen die gegnerische Gruppe gegeben sein sollte, in beiden Gruppen der Richtwert von 30Â Personen aber nicht erreicht wurde.
Weshalb trotz dieser Konstatierungen der Tatbestand von schwerer gemeinschaftlicher Gewalt iSd Â§Â 274 AbsÂ 1 StGB erfÃ¼llt sein soll, erklÃ¤rt die bloÃŸ auf das Fehlen einer Absicht zur Gewaltanwendung gegen AuÃŸenstehende rekurrierende Beschwerde nicht.
Das weitere Vorbringen vernachlÃ¤ssigt die (aus ZÂ 5 nicht erfolgreich bekÃ¤mpfte) Konstatierung, wonach nicht feststeht, dass einer der Angeklagten bei der SchlÃ¤gerei jemanden angriff (oder dazu beitrug) und dabei auch nur ernstlich fÃ¼r mÃ¶glich hielt, den Gegner am KÃ¶rper zu verletzen, und sich damit abfand (USÂ 6, 9 und 13).
Indem die Beschwerde unter eigenstÃ¤ndiger WÃ¼rdigung von Verfahrensergebnissen bloÃŸ andere, fÃ¼r eine Verurteilung von allen Angeklagten (nach Â§Â 274 AbsÂ 1 StGB) oder zumindest der Angeklagten S*****, Ki***** und W***** (nach Â§Â§Â 15, 83Â AbsÂ 1 StGB) gÃ¼nstigere SchlÃ¼sse als die vom Erstgericht gezogenen einfordert, orientiert sie sich nicht am Urteilssachverhalt (RIS-Justiz RS0099810), sondern argumentiert bloÃŸ nach Art einer im kollegialgerichtlichen Verfahren nicht vorgesehenen Berufung wegen des Ausspruchs Ã¼ber die Schuld.
Auf das FeststellungsmÃ¤ngel behauptende Vorbringen war mit Blick auf die erwÃ¤hnten, einem Schuldspruch nach Â§Â 274 AbsÂ 1 oder Â§Â§Â 15, 83 AbsÂ 1 StGB entgegenstehenden und nicht erfolgreich bekÃ¤mpften Feststellungen nicht weiter einzugehen.
Die Nichtigkeitsbeschwerde der Staatsanwaltschaft war daher bereits bei nichtÃ¶ffentlicher Beratung sofort zurÃ¼ckzuweisen (Â§Â 285d AbsÂ 1 StPO).