Document Number: JWT_2019140334_20200323L00
ECLI: ECLI:AT:VWGH:2020:RA2019140334.L00
Case Number: Ra 2019/14/0334
Application Type: Vwgh
Court: Verwaltungsgerichtshof (VwGH)
Decision Date: 1584921600000
Word Count: 2503

Spruch
Das angefochtene Erkenntnis wird wegen Rechtswidrigkeit infolge Verletzung von Verfahrensvorschriften aufgehoben.
Der Bund hat dem Revisionswerber Aufwendungen in der HÃ¶he von EURÂ 1.106,40 binnen zweiÂ Wochen bei sonstiger Exekution zu ersetzen.
BegrÃ¼ndung
1 Der Revisionswerber, ein syrischer StaatsangehÃ¶riger, stellte, vertreten durch seine Mutter als gesetzliche Vertreterin, am 27.Â MaiÂ 2015 einen Antrag auf internationalen Schutz. Mit Bescheid des Bundesamtes fÃ¼r Fremdenwesen und Asyl (BFA) vom 29.Â JuniÂ 2015 wurde dem Revisionswerber der Status des Asylberechtigten gemÃ¤ÃŸ Â§Â 3 iVm Â§Â 34 Abs.Â 2 AsylgesetzÂ 2005 (AsylGÂ 2005) zuerkannt und festgestellt, dass ihm kraft Gesetzes die FlÃ¼chtlingseigenschaft zukommt. In ihrer BegrÃ¼ndung hielt die BehÃ¶rde fest, dem Vater des Revisionswerbers sei mit Bescheid vom 5.Â DezemberÂ 2014 der Status des Asylberechtigten zuerkannt worden. Daher sei dem Revisionswerber derselbe Schutz zu gewÃ¤hren. 2 Mit Schreiben vom 22.Â MÃ¤rzÂ 2018 verstÃ¤ndigte die Staatsanwaltschaft Wien das BFA von der Erhebung einer Anklage gegen den Revisionswerbers wegen Â§Â§Â 142 Abs.Â 1, 143 Abs.Â 1 zweiterÂ FallÂ StGB, Â§Â§Â 15, 12 zweiterÂ Fall, 288 Abs.Â 1Â undÂ 4Â StGB, Â§Â 50 Abs.Â 1 ZÂ 2Â WaffG und Â§Â§Â 15, 105 Abs.Â 1Â StGB. Daraufhin leitete das BFA ein Aberkennungsverfahren ein. Am 15.Â MaiÂ 2018 erfolgte vor der BehÃ¶rde eine Einvernahme des Revisionswerbers. Mit Aktenvermerk vom 10.Â JuliÂ 2018 stellte das BFA das Aberkennungsverfahren mit dem Hinweis ein, dass die begangene Straftat nicht als besonders schweres Verbrechen im Sinn des Â§Â 6Â Abs.Â 1 ZÂ 4Â StGB einzustufen sei.
3 Mit Urteil des Landesgerichtes fÃ¼r Strafsachen Wien vom 28.Â MaiÂ 2018 wurde der Revisionswerber rechtskrÃ¤ftig wegen des Verbrechens des Raubes gemÃ¤ÃŸ Â§Â 142 Abs.Â 1Â StGB, des Vergehens der Entfremdung unbarer Zahlungsmittel nach Â§Â 241e Abs.Â 3Â StGB sowie des Vergehens der versuchten Bestimmung zur falschen Beweisaussage vor der Kriminalpolizei nach Â§Â§Â 15, 12 zweiterÂ Fall, 288 Abs.Â 1Â undÂ 4Â StGB unter Bedachtnahme auf Â§Â 5 Abs.Â 4Â JGG zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten (bedingt nachgesehen unter einer Probezeit von drei Jahren) verurteilt. DarÃ¼ber hinaus wurde der Revisionswerber fÃ¼r schuldig erkannt, der Privatbeteiligten einen Betrag von EURÂ 100,-- zu zahlen und die BewÃ¤hrungshilfe angeordnet. Im Rahmen der Strafbemessung wurden das reumÃ¼tige GestÃ¤ndnis, der tadellose Lebenswandel und die teilweise Schadensgutmachung als MilderungsgrÃ¼nde und die Verletzungen des Opfers als Erschwerungsgrund gewertet.
4 Nach VerstÃ¤ndigung des BFA, dass Ã¼ber den Revisionswerber am 3.Â OktoberÂ 2018 die Untersuchungshaft wegen des Verdachts von neuerlichen Straftaten (Â§Â§Â 15, 142 Abs.Â 1, Â§Â 143 Abs.Â 1 zweiter Fall und Â§Â§Â 15,Â 87Â Abs.Â 1Â StGB) verhÃ¤ngt worden sei, leitete die BehÃ¶rde mit Aktenvermerk vom 9.Â OktoberÂ 2018 das Aberkennungsverfahren ein und vernahm die Mutter des Revisionswerbers am 5.Â NovemberÂ 2018. Eine neuerliche Einvernahme des Revisionswerbers durch das BFA erfolgte nicht. Der Revisionswerber befand sich von 3.Â OktoberÂ 2018 bis 26.Â NovemberÂ 2018 in Haft.
5 Mit Urteil des Landesgerichtes fÃ¼r Strafsachen Wien vom 23.Â JÃ¤nnerÂ 2019 wurde der Revisionswerber rechtskrÃ¤ftig wegen des Verbrechens der versuchten schweren KÃ¶rperverletzung nach Â§Â§Â 15, 84 Abs.Â 4Â StGB unter Anwendung des Â§Â 5Â Abs.Â 4Â JGG zu einer Freiheitsstrafe von zwÃ¶lf Monaten (davon elf Monate unter Setzung einer Probezeit bedingt nachgesehen) verurteilt und von den anderen Anklagepunkten gemÃ¤ÃŸ Â§Â 259 ZÂ 3Â StPO freigesprochen. Die Probezeit in Bezug auf die erste Verurteilung wurde auf fÃ¼nfÂ Jahre verlÃ¤ngert, die BewÃ¤hrungshilfe angeordnet und dem Revisionswerber die Weisung erteilt, an einem Anti-Gewalt-Training teilzunehmen. Als mildernd wurde angesehen, dass es hinsichtlich der schweren KÃ¶rperverletzung beim Versuch geblieben ist. Als erschwerend wurden die einschlÃ¤gige Vorstrafe, der rasche RÃ¼ckfall innerhalb offener Probezeit und die KÃ¶rperverletzung unter Einsatz einer Waffe gewertet.
6 Mit Bescheid vom 11.Â MÃ¤rzÂ 2019 erkannte das BFA dem Revisionswerber den Status des Asylberechtigten gemÃ¤ÃŸ Â§Â 7Â Abs.Â 1Â ZÂ 1 AsylGÂ 2005 ab und stellte gemÃ¤ÃŸ Â§Â 7 Abs.Â 4Â AsylGÂ 2005 fest, dass dem Revisionswerber die FlÃ¼chtlingseigenschaft kraft Gesetzes nicht mehr zukomme. Es erkannte ihm den Status des subsidiÃ¤r Schutzberechtigten nicht zu, erteilte keinen Aufenthaltstitel aus berÃ¼cksichtigungswÃ¼rdigen GrÃ¼nden, erlieÃŸ gegen ihn eine RÃ¼ckkehrentscheidung sowie ein auf die Dauer von sechs Jahren befristetes Einreiseverbot und stellte fest, dass seine Abschiebung nach Syrien unzulÃ¤ssig sei. Die Frist fÃ¼r die freiwillige AusreiseÂ legte die BehÃ¶rde mit 14Â Tagen ab Rechtskraft der RÃ¼ckkehrentscheidung fest.
7 In seiner BegrÃ¼ndung fÃ¼hrte das BFA zur Aberkennung des Status des Asylberechtigten zusammengefasst aus, der Revisionswerber habe einen Asylausschlussgrund gemÃ¤ÃŸ Â§Â 6Â Abs.Â 1Â ZÂ 4Â AsylGÂ 2005 verwirklicht. Er sei wegen der Begehung eines besonders schweren Verbrechens rechtskrÃ¤ftig verurteilt worden. Der Revisionswerber sei ein halbes Jahr nach seiner Einvernahme vor dem BFA erneut straffÃ¤llig geworden, daher sei ein innerer Wertewandel vÃ¶llig ausgeschlossen. Die Betrachtung des schwerwiegenden Fehlverhaltens und des sich daraus ableitbaren PersÃ¶nlichkeitsbildes lasse auf eine sozialschÃ¤dliche Neigung zur Missachtung der Ã¶sterreichischen Rechtsvorschriften schlieÃŸen. Die Ã¶ffentlichen Interessen an der Aufenthaltsbeendigung Ã¼berwÃ¶gen das Interesse des Revisionswerbers am Weiterbestehen des Schutzes durch den Zufluchtsstaat.
8 Dagegen erhob der Revisionswerber Beschwerde, in der er unter anderem ausdrÃ¼cklich die DurchfÃ¼hrung einer mÃ¼ndlichen Verhandlung beantragte. Das Ermittlungsverfahren der BehÃ¶rde sei mangelhaft. Die letzte Einvernahme des Revisionswerbers sei mehr als zehn Monate vor Erlassung des Bescheides erfolgt. Erst nach seiner Einvernahme habe der Revisionswerber das HaftÃ¼bel verspÃ¼rt, welches bei ihm aufgrund seiner MinderjÃ¤hrigkeit einen besonderen Eindruck hinterlassen habe. Der Revisionswerber befinde sich im Rahmen der BewÃ¤hrungshilfe in einem aufrechten BetreuungsverhÃ¤ltnis beim Verein Neustart und es sei nunmehr ein positiver Lebenswandel ersichtlich, was sich auch daran zeige, dass er seit Ende FebruarÂ 2019 die "Produktionsschule" besuche. Zur Erstellung einer GefÃ¤hrdungsprognose und zur Beurteilung einer GemeingefÃ¤hrdung wÃ¤re eine neuerliche Einvernahme des Revisionswerbers erforderlich gewesen.
9 Mit Erkenntnis vom 22.Â MaiÂ 2019 wies das BVwG die Beschwerde -Â ohne DurchfÃ¼hrung einer mÃ¼ndlichen VerhandlungÂ - mit der MaÃŸgabe als unbegrÃ¼ndet ab, dass die Dauer des Einreiseverbots auf fÃ¼nf Jahre herabgesetzt werde. Unter einem sprach es aus, dass die Revision an den Verwaltungsgerichtshof gemÃ¤ÃŸ Art.Â 133 Abs.Â 4Â B-VG nicht zulÃ¤ssig sei.
10 Das BVwG stellte die strafbaren Handlungen des Revisionswerber insofern nÃ¤her dar, als es feststellte, dass er das Opfer beim RaubÃ¼berfall von hinten einen heftigen StoÃŸ versetzt habe, sodass dieses zu Boden gefallen sei, der Revisionswerber diesem die Handtasche entrissen habe, davongelaufen sei und aus der Handtasche das darin befindliche Bargeld in der HÃ¶he von EURÂ 30,-- und eine Bankomatkarte behalten, wÃ¤hrend er die Handtasche weggeschmissen habe. Die dabei dem Opfer zugefÃ¼gten Verletzungen prÃ¤zisierte es nicht nÃ¤her. Weiters hielt es fest, dass der Revisionswerber versucht habe, eine andere nÃ¤her bestimmte Person dazu zu bestimmen, in einem Ermittlungsverfahren als Zeuge zur Sache vor der Kriminalpolizei falsch auszusagen. Zur strafbaren Handlung, die zur zweiten Verurteilung gefÃ¼hrt hat, stellte es fest, dass der Revisionswerber dem Opfer mit einem Messer einen Stich in den Oberschenkel versetzt habe, wodurch dieses eine drei Zentimeter breite und zwei Zentimeter tiefe Stichverletzung erlitten habe. DarÃ¼ber hinaus fÃ¼hrte das Verwaltungsgericht die vom Landesgericht fÃ¼r Strafsachen Wien bei der Strafbemessung jeweils als mildernd und erschwerend gewertete UmstÃ¤nde im Detail an.
11 Die Aberkennung des Status des Asylberechtigten begrÃ¼ndete das BVwG zusammengefasst damit, dass zwei einschlÃ¤gige rechtskrÃ¤ftige Verurteilungen aufgrund gegen objektiv besonders geschÃ¼tzte RechtsgÃ¼ter (Leib und Leben) gerichteter Verbrechen vorliegen wÃ¼rden, die in objektiver und subjektiver Hinsicht als besonders verwerflich und schwer zu qualifizieren seien. Ausgehend von den Strafdrohungen der verwirklichten Delikte sei aus objektiver Sicht von einem "besonders schweren Verbrechen" auszugehen. Die mit dem zweiten Urteil verhÃ¤ngte Freiheitsstrafe von zwÃ¶lf Monaten, auch wenn elfÂ Monate bedingt nachgesehen worden seien, sei jedenfalls nicht als gering anzusehen und bringe auch in subjektiver Sicht den hohen Unwert der begangenen Tat zum Ausdruck. Trotz des im ersten Strafverfahren abgelegten reumÃ¼tigen GestÃ¤ndnisses, der verhÃ¤ngten Probezeit und der angeordneten BewÃ¤hrungshilfe sei der Revisionswerber nur kurze Zeit nach seiner ersten Verurteilung erneut straffÃ¤llig geworden. Dazu komme die Anwendung einer Waffe, die neben der zusÃ¤tzlichen GefÃ¤hrdung des Opfers eine besondere Verwerflichkeit der Tat nach sich ziehe. Vor dem Hintergrund der aufgezeigten TatumstÃ¤nde sei jedenfalls in Zusammenschau der beiden Verurteilungen auch in subjektiver Hinsicht von einem "besonders schweren Verbrechen" auszugehen. Der Revisionswerber stelle darÃ¼ber hinaus eine tatsÃ¤chliche, gegenwÃ¤rtige und erhebliche Gefahr fÃ¼r die Allgemeinheit dar. Weder die erste Verurteilung noch die Beigabe eines BewÃ¤hrungshelfers seien geeignet gewesen, den Revisionswerber zum Umdenken zu bewegen. Dazu komme, dass er bereit gewesen sei, kÃ¶rperliche Gewalt und sogar eine Waffe einzusetzen und damit auch in wesentliche Grundrechte anderer Personen massiv einzugreifen. Der Zeitraum zwischen der Haft von 3.Â OktoberÂ 2018 bis 26.Â NovemberÂ 2018 bzw.Â der Verurteilung im JÃ¤nnerÂ 2019 sei vor dem Hintergrund der gesetzten Probezeiten von fÃ¼nf Jahren jedenfalls zu kurz, um ein nachhaltiges Wohlverhalten seit der letzten Tatbegehung festzustellen und auf einen Wegfall oder eine erhebliche Minderung der von ihm ausgehenden GefÃ¤hrdung der Ã¶ffentlichen Ordnung und Sicherheit schlieÃŸen zu kÃ¶nnen. Im aktuellen Zeitpunkt sei daher insgesamt betrachtet jedenfalls von einem mangelnden Unrechtsbewusstsein des Revisionswerbers auszugehen. Auch wenn der Revisionswerber derzeit seine Termine der angeordneten BewÃ¤hrungshilfe sowie der angeordneten Therapie wahrnehme und seit FebruarÂ 2019 am Projekt "Produktionsschule" teilnehme, kÃ¶nne erst ein lÃ¤ngeres Wohlverhalten, welches nicht nur auf die gesetzte Probezeit und die UnterstÃ¼tzung durch die BewÃ¤hrungshilfe zurÃ¼ckzufÃ¼hren ist, zu einer (maÃŸgeblichen) Minderung bzw.Â zu einem Wegfall der GefÃ¤hrdungsprognose fÃ¼hren. An dieser GefÃ¤hrdungsprognose vermÃ¶ge auch der Umstand nichts zu Ã¤ndern, dass der Revisionswerber bei der zweiten Verurteilung "nur" zu einer Freiheitsstrafe von zwÃ¶lf Monaten, wobei elf Monate unter Setzung einer fÃ¼nfjÃ¤hrigen Probezeit nachgesehen worden seien, verurteilt worden sei, insbesondere weil die "geringe" Freiheitsstrafe auf die Anwendung des Â§Â 5Â ZÂ 4Â JGG zurÃ¼ckzufÃ¼hren sei. Selbst wenn das Strafgericht zu dem Schluss gekommen sei, dass die verhÃ¤ngte Strafe genÃ¼ge, um den Revisionswerber von der Begehung weiterer strafbarer Handlungen abzuhalten, kann aufgrund seines Gesamtverhaltens die Begehung strafbarer Handlungen in Zukunft nicht ausgeschlossen werden. Die Ã¶ffentlichen Interessen an der Aufenthaltsbeendigung Ã¼berwÃ¶gen das Interesse des Revisionswerbers am Weiterbestehen des Schutzes durch den Zufluchtsstaat. Zum Unterbleiben der mÃ¼ndlichen Verhandlung fÃ¼hrte das BVwG im Wesentlichen aus, dass das BFA seiner Ermittlungspflicht durch detaillierte Befragung des Revisionswerbers und seiner gesetzlichen Vertreterin nachgekommen sei. Der Sachverhalt sei unter schlÃ¼ssiger und nachvollziehbarer BeweiswÃ¼rdigung des BFA vollstÃ¤ndig festgestellt worden. In der Beschwerde sei auf Sachverhaltsebene nichts Entscheidungsrelevantes mehr vorgebracht worden, das mit dem Revisionswerber mÃ¼ndlich zu erÃ¶rtern gewesen wÃ¤re.
12 Gegen dieses Erkenntnis richtet sich die vorliegende Revision, Ã¼ber die der Verwaltungsgerichtshof nach Einleitung des Vorverfahrens -Â eine Revisionsbeantwortung wurde nicht erstattetÂ - in einem gemÃ¤ÃŸ Â§Â 12Â Abs.Â 1Â ZÂ 2Â VwGG gebildeten Senat erwogen hat:
13 Die Revision bringt zu ihrer ZulÃ¤ssigkeit unter anderem vor, das BVwG habe von einer mÃ¼ndlichen Verhandlung Abstand genommen, obwohl die nach der hÃ¶chstgerichtlichen Rechtsprechung fÃ¼r ein Unterbleiben einer mÃ¼ndlichen Verhandlung erforderlichen Voraussetzungen nicht vorgelegen seien. Bereits der Bescheid des BFA habe auf keiner hinreichend geklÃ¤rten Sachverhaltsgrundlage beruht. Gerade im Asylaberkennungsverfahren sei es fÃ¼r die Beurteilung der GemeingefÃ¤hrlichkeit essentiell, einen persÃ¶nlichen Eindruck vom Revisionswerber zu gewinnen. Das BVwG habe zudem keine Feststellungen bezÃ¼glich den Verurteilungen des Revisionswerbers zugrunde liegenden Tatgeschehen getroffen, wodurch die GefÃ¤hrdungsprognose auf keiner "verfahrensrechtlich einwandfreien Grundlage" beruhe. Die kursorische Wiedergabe des Urteilstenors sei nicht ausreichend. Das ZulÃ¤ssigkeitsvorbringen richtet sich auch gegen die rechtliche EinschÃ¤tzung des BVwG, wonach es sich bei den vom Revisionswerber begangenen Delikten um "besonders schwere Delikte" im Sinn des Â§Â 6 Abs.Â 1 ZÂ 4 AsylGÂ 2005 handle.
14 Die Revision ist zulÃ¤ssig und auch begrÃ¼ndet.
15 Nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes mÃ¼ssen
fÃ¼r die Anwendung des Â§Â 6 Abs.Â 1 ZÂ 4 AsylG 2005 kumulativ vierÂ Voraussetzungen erfÃ¼llt sein. Er muss erstens ein besonders schweres Verbrechen verÃ¼bt haben, dafÃ¼r zweitens rechtskrÃ¤ftig verurteilt worden und drittens gemeingefÃ¤hrlich sein, und viertens mÃ¼ssen die Ã¶ffentlichen Interessen an der Aufenthaltsbeendigung seine Interessen am Weiterbestehen des Schutzes durch den Zufluchtsstaat Ã¼berwiegen. Es genÃ¼gt nicht, wenn ein abstrakt als "schwer" einzustufendes Delikt verÃ¼bt worden ist. Die Tat muss sich im konkreten Einzelfall als objektiv und subjektiv besonders schwerwiegend erweisen. Bei der Beurteilung, ob ein "besonders schweres Verbrechen" vorliegt, ist daher eine konkrete fallbezogene PrÃ¼fung vorzunehmen und es sind insbesondere die TatumstÃ¤nde zu berÃ¼cksichtigen. Lediglich in gravierenden FÃ¤llen schwerer Verbrechen ist bereits ohne umfassende PrÃ¼fung der einzelnen TatumstÃ¤nde eine eindeutige Wertung als schweres Verbrechen mit negativer Zukunftsprognose zulÃ¤ssig (vgl.Â etwa VwGHÂ 14.2.2018, RaÂ 2017/18/0419, mwN).
16 GemÃ¤ÃŸ Â§Â 21 Abs.Â 7Â ersterÂ SatzÂ BFA-Verfahrensgesetz (BFA-VG) kann eine mÃ¼ndliche Verhandlung unterbleiben, wenn der Sachverhalt aus der Aktenlage in Verbindung mit der Beschwerde geklÃ¤rt erscheint oder sich aus den bisherigen Ermittlungen zweifelsfrei ergibt, dass das Vorbringen nicht den Tatsachen entspricht. Nach der stÃ¤ndigen Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes sind zur Beurteilung, ob der Sachverhalt im Sinn dieser Bestimmung "geklÃ¤rt erscheint" folgende Kriterien beachtlich:
Der fÃ¼r die rechtliche Beurteilung entscheidungswesentliche Sachverhalt muss von der VerwaltungsbehÃ¶rde vollstÃ¤ndig in einem ordnungsgemÃ¤ÃŸen Ermittlungsverfahren erhoben worden sein und bezogen auf den Zeitpunkt der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes immer noch die gesetzlich gebotene AktualitÃ¤t und VollstÃ¤ndigkeit aufweisen. Die VerwaltungsbehÃ¶rde muss die die entscheidungsmaÃŸgeblichen Feststellungen tragende BeweiswÃ¼rdigung in ihrer Entscheidung in gesetzmÃ¤ÃŸiger Weise offen gelegt haben und das Bundesverwaltungsgericht muss die tragenden ErwÃ¤gungen der verwaltungsbehÃ¶rdlichen BeweiswÃ¼rdigung teilen. In der Beschwerde darf kein dem Ergebnis des behÃ¶rdlichen Ermittlungsverfahrens entgegenstehender oder darÃ¼ber hinausgehender fÃ¼r die Beurteilung relevanter Sachverhalt behauptet werden, wobei bloÃŸ unsubstantiiertes Bestreiten des von der VerwaltungsbehÃ¶rde festgestellten Sachverhaltes ebenso auÃŸer Betracht bleiben kann wie ein Vorbringen, das gegen das in Â§Â 20Â BFA-VG festgelegte Neuerungsverbot verstÃ¶ÃŸt. Auf verfahrensrechtlich festgelegte Besonderheiten ist bei der Beurteilung Bedacht zu nehmen (vgl.Â grundlegend VwGHÂ 28.5.2014, RaÂ 2014/20/0017 und 0018, sowie aus der folgenden Rechtsprechung VwGHÂ 28.8.2019, RaÂ 2018/14/0241 bis 0247, mwN).
17 Nach der stÃ¤ndigen Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes, kommt der Verschaffung eines persÃ¶nlichen Eindrucks im Rahmen einer mÃ¼ndlichen Verhandlung sowohl in Bezug auf die GefÃ¤hrdungsprognose als auch in Bezug auf die fÃ¼r die AbwÃ¤gung nach Art.Â 8Â EMRK relevanten UmstÃ¤nde besondere Bedeutung zu. Das gilt sinngemÃ¤ÃŸ auch fÃ¼r die einzelfallbezogene Erstellung einer GefÃ¤hrdungsprognose hinsichtlich des Erfordernisses der GemeingefÃ¤hrlichkeit im Sinn des Â§Â 6 Abs.Â 1 ZÂ 4 AsylGÂ 2005 (vgl.Â VwGHÂ 29.8.2019, RaÂ 2018/19/0522, mwN). Der Verwaltungsgerichtshof hat zwar in diesem Zusammenhang bereits wiederholt darauf hingewiesen, dass daraus noch keine "absolute" (generelle) Pflicht zur DurchfÃ¼hrung einer mÃ¼ndlichen Verhandlung in Verfahren Ã¼ber die Aberkennung des Status des Asylberechtigten und aufenthaltsbeendende MaÃŸnahmen abzuleiten ist (vgl.Â VwGHÂ 18.11.2019, RaÂ 2019/18/0418), gleichzeitig aber in seiner Judikatur betont, dass nur (ausnahmsweise) von der DurchfÃ¼hrung einer Verhandlung unter anderem dann abgesehen werden kann, wenn der Sachverhalt aus der Aktenlage in Verbindung mit der Beschwerde geklÃ¤rt scheint (vgl.Â etwaÂ VwGHÂ 10.08.2017, RaÂ 2016/20/0105, 0106, mwN). 18 Die Voraussetzungen fÃ¼r ein Absehen von der Verhandlung lagen im gegenstÃ¤ndlichen Fall nicht vor. Der Revisionswerber rÃ¼gt zu Recht, dass sich das BVwG einen persÃ¶nlichen Eindruck vom Revisionswerber hÃ¤tte verschaffen mÃ¼ssen. Dies umso mehr, als die vom BFA durchgefÃ¼hrte Einvernahme des Revisionswerbers noch vor seiner ersten Verurteilung stattfand. Eine neuerliche Vernehmung wÃ¤re geboten gewesen, um eine gesicherte und aktuelle Beurteilungsgrundlage fÃ¼r die GefÃ¤hrdungsprognose zu haben. 19 Die DurchfÃ¼hrung einer mÃ¼ndlichen Verhandlung durch das BVwG wÃ¤re auch vor dem Hintergrund des Vorbringens des Revisionswerbers in seiner Beschwerde erforderlich gewesen, wo er auf einen Gesinnungswandel nach VerspÃ¼ren des HaftÃ¼bels, sein seither bestehendes Wohlverhalten sowie den Besuch der "Produktionsschule" hinwies. Der RevisionswerberÂ legte im Beschwerdeverfahren Ã¼berdies ein Schreiben der BewÃ¤hrungshilfe vor, in dem der familiÃ¤re Zusammenhalt der Familie des Revisionswerbers hervorgehoben und eine positive Entwicklung des minderjÃ¤hrigen Revisionswerbers angesprochen wird. Wenngleich dem BVwG beizupflichten ist, dass im konkreten Fall nur ein kurzer Beobachtungszeitraum von etwa einem halben Jahr nach der Haftentlassung Ende NovemberÂ 2018 bis zur Erlassung seines Erkenntnisses vorlag, ist fallbezogen nicht von vornherein auszuschlieÃŸen, dass ein fÃ¼r die GefÃ¤hrdungsprognose maÃŸgeblicher Gesinnungswandel gegeben sein kÃ¶nnte, zumal der Revisionswerber nach den aus den im Verwaltungsakt erliegenden Strafurteilen zu den Tatzeitpunkten erst 15 bzw.Â 16 Jahre alt und erstmals in Haft war (vgl.Â zur Dauer des Beobachtungszeitraumes VwGHÂ 26.4.2018, RaÂ 2018/21/0027, mwN).
20 Im Fall der DurchfÃ¼hrung einer mÃ¼ndlichen Verhandlung hÃ¤tte sich das BVwG im Ãœbrigen auch ein Bild von den (aktuellen) FamilienverhÃ¤ltnissen des im Entscheidungszeitpunkt noch minderjÃ¤hrigen Revisionswerbers machen kÃ¶nnen, zumal es -Â entgegen den AusfÃ¼hrungen im obgenannten Schreiben der BewÃ¤hrungshilfeÂ - davon ausging, dass nur ein "bedingt enges Familienband" zu den Eltern bestehe. Des Weiteren liegen noch nicht ausreichend konkrete Feststellungen zu den TatumstÃ¤nden vor, um eine abschlieÃŸende Beurteilung vornehmen zu kÃ¶nnen, ob ein "besonders schweres Verbrechen" im Sinn des Â§Â 6 Abs.Â 1 ZÂ 4 AsylGÂ 2005 vorliegt.
21 Das angefochtene Erkenntnis war daher gemÃ¤ÃŸ Â§Â 42 Abs.Â 2 ZÂ 3Â lit.Â bÂ undÂ cÂ VwGG wegen Rechtswidrigkeit infolge Verletzung von Verfahrensvorschriften aufzuheben.
22 Die Entscheidung Ã¼ber den Aufwandersatz grÃ¼ndet sich auf die Â§Â§Â 47Â ffÂ VwGG in Verbindung mit der VwGH-AufwandersatzverordnungÂ 2014.
Wien, am 23.Â MÃ¤rzÂ 2020