Document Number: JJT_20201117_OGH0002_0150OS00122_20K0000_000
ECLI: ECLI:AT:OGH0002:2020:0150OS00122.20K.1117.000
Case Number: 15Os122/20k
Application Type: Justiz
Court: OGH
Decision Date: 1605571200000
Word Count: 1068

Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat am 17.Â NovemberÂ 2020 durch den SenatsprÃ¤sidenten des Obersten Gerichtshofs Hon.-Prof.Â Dr.Â Kirchbacher als Vorsitzenden sowie den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Mag.Â Lendl und die HofrÃ¤tin des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Michel-Kwapinski in der Strafsache gegen L***** S***** und andere wegen des Vergehens der kriminellen Vereinigung nach Â§Â 278 AbsÂ 1 StGB und weiterer strafbarer Handlungen, AZÂ 42Â HvÂ 94/20x des Landesgerichts Wiener Neustadt, Ã¼ber die Grundrechtsbeschwerde des Z***** T***** gegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Wien vom 29.Â SeptemberÂ 2020, AZÂ 18Â BsÂ 245/20s, nach AnhÃ¶rung der Generalprokuratur nichtÃ¶ffentlich (Â§Â 62 AbsÂ 1 zweiter Satz OGH-GeoÂ 2019) zu Recht erkannt:
Spruch
Z***** T***** wurde im Grundrecht auf persÃ¶nliche Freiheit nicht verletzt.
Die Grundrechtsbeschwerde wird abgewiesen.
Text
GrÃ¼nde:
Mit Beschluss vom 10.Â SeptemberÂ 2020, GZÂ 42Â HvÂ 94/20x-226, setzte die Vorsitzende des SchÃ¶ffengerichts die Ã¼ber Z***** T***** am 21.Â MaiÂ 2020 verhÃ¤ngte Untersuchungshaft (ONÂ 117) aus den HaftgrÃ¼nden der Flucht- sowie der Tatbegehungsgefahr nach Â§Â 173 AbsÂ 2 ZÂ 1 und 3 litÂ b StPO fort.
Der dagegen gerichteten Beschwerde des Z***** T***** gab das Oberlandesgericht Wien mit Beschluss vom 29.Â SeptemberÂ 2020, AZÂ 18Â BsÂ 245/20s, nicht Folge und setzte die Untersuchungshaft aus dem Haftgrund der Tatbegehungsgefahr nach Â§Â 173 AbsÂ 2 ZÂ 3 litÂ b StPO fort.
Nach den Sachverhaltsannahmen des Beschwerdegerichts ist Z***** T***** dringend verdÃ¤chtig,
A./Â sich ab HerbstÂ 2018 in L***** und anderen Orten Ã–sterreichs an einer zumindest aus ihm selbst und L***** S*****, T***** H*****, I***** M*****, K***** Ho***** und E***** K***** bestehenden kriminellen Vereinigung, die als ein auf lÃ¤ngere Zeit angelegter Zusammenschluss von mehr als zwei Personen darauf ausgerichtet war, dass von einem oder mehreren Mitgliedern der Vereinigung SattelauflegerdiebstÃ¤hle begangen werden, beteiligt, indem er zumindest ab HerbstÂ 2018 mit anderen Mitgliedern der Vereinigung in Ã–sterreich, Deutschland, Ungarn und in anderen Staaten solche DiebstÃ¤hle beging sowie Absprachen mit anderen Mitgliedern der Vereinigung traf, an der Vorbereitung weiterer DiebstÃ¤hle mitwirkte, Wissen aus dem Transportgewerbe zur VerfÃ¼gung stellte, Fahrzeuge und behÃ¶rdliche ungarische und slowakische Kennzeichen sowie Zugmaschinen der Vereinigung zur Tatbegehung Ã¼berlieÃŸ;
B./Â als Mitglied einer kriminellen Vereinigung unter Mitwirkung (Â§Â 12 StGB) eines anderen Mitglieds dieser Vereinigung im arbeitsteiligen Zusammenwirken im Rahmen eines vorgefassten, mehrphasigen Tatplans mit auf unrechtmÃ¤ÃŸige Bereicherung gerichtetem Vorsatz, indem er sein Wissen aus dem Transportgewerbe zur VerfÃ¼gung stellte, an der Organisation der DiebstÃ¤hle mitwirkte, den unmittelbar AusfÃ¼hrenden Anweisungen erteilte und eine Zugmaschine bereitstellte, gewerbsmÃ¤ÃŸig dazu beigetragen, dass nachstehende unmittelbare TÃ¤ter in wiederholten Angriffen fremde bewegliche Sachen, deren Wert 5.000Â Euro jeweils Ã¼berstieg, mit dem Vorsatz, sich oder einen Dritten durch deren Zueignung unrechtmÃ¤ÃŸig zu bereichern, weggenommen haben, und zwar
I./Â L***** S***** mit anderen Mitgliedern der kriminellen Vereinigung
1./Â am 20.Â NovemberÂ 2018 im I***** auf dem GelÃ¤nde der Si***** GmbH in L*****
a./Â GewahrsamstrÃ¤gern der C*****gesellschaft mbH einen auf dem AnhÃ¤nger der L***** GmbH befindlichen Container samt 712Â StÃ¼ck Kugelgriller im Gesamtwert von 29.014Â Euro;
b./Â GewahrsamstrÃ¤gern der L***** GmbH einen SattelanhÃ¤nger mit dem behÃ¶rdlichen KennzeichenÂ ***** im Wert von 5.000Â Euro, indem sie den SattelanhÃ¤nger samt Container mit einer Zugmaschine abtransportieren lieÃŸen;
2./Â am 13.Â NovemberÂ 2018 in G***** GewahrsamstrÃ¤gern der Hof***** GmbH einen SattelanhÃ¤nger mit dem behÃ¶rdlichen KennzeichenÂ ***** samt darin befindlicher Ladung (Kleidung) im Wert von insgesamt 60.716,16Â Euro, indem sie den Aufleger mit einer Zugmaschine abtransportieren lieÃŸen;
3./Â am 19.Â JÃ¤nnerÂ 2019 in G***** GewahrsamstrÃ¤gern der Hof***** GmbH einen Sattelaufleger mit dem behÃ¶rdlichen KennzeichenÂ ***** samt acht Tonnen Blech im Gesamtwert von 7.500Â Euro, indem sie den Aufleger mit einer Zugmaschine abtransportieren lieÃŸen;
II./Â L***** S***** und I***** M***** gemeinsam sowie mit anderen Mitgliedern der kriminellen Vereinigung
1./Â am 3.Â OktoberÂ 2019 in W***** GewahrsamstrÃ¤gern der G***** KG einen Sattelaufleger mit dem behÃ¶rdlichen KennzeichenÂ ***** im Wert von 25.000Â Euro, indem sie den leeren Sattelaufleger mit einer Zugmaschine abtransportieren lieÃŸen;
2./Â am 19.Â DezemberÂ 2019 in T***** GewahrsamstrÃ¤gern der N***** GmbH einen Sattelaufleger der Marke Krone mit dem behÃ¶rdlichen KennzeichenÂ ***** samt 33Â Paletten Schwedenbomben im Gesamtwert von 70.788Â Euro, indem sie den Sattelaufleger mit einer Zugmaschine an eine Zugmaschine anhÃ¤ngen und vom GelÃ¤nde verbringen lieÃŸen;
3./Â zwischen 18. und 19.Â JuniÂ 2019 in T***** GewahrsamstrÃ¤gern der Gl***** GmbH einen Sattelaufleger mit dem behÃ¶rdlichen KennzeichenÂ ***** samt Ladung im Gesamtwert von 50.000Â Euro, indem sie den auf der Ã¶ffentlichen StraÃŸe abgestellten Sattelaufleger samt Ladung von Ã–sterreich in die Slowakei verbringen lieÃŸen;
C./Â mit auf unrechtmÃ¤ÃŸige Bereicherung gerichtetem Vorsatz dazu beigetragen, dass L***** S***** und I***** M***** am 3.Â OktoberÂ 2019 in B***** mit dem Vorsatz, durch das Verhalten des GetÃ¤uschten sich oder einen Dritten unrechtmÃ¤ÃŸig zu bereichern, VerfÃ¼gungsberechtigte der W***** GmbH durch Vorspiegelung, eine Ladeberechtigung in Bezug auf den Sattelaufleger der G***** KG zu haben, zur Beladung des zuvor auf dem GelÃ¤nde des Wiener GroÃŸgrÃ¼nmarkts gestohlenen Sattelauflegers mit 42Â Paletten Schokolade der Firma L***** im Gesamtwert von 50.000Â Euro verleitet haben, die das genannte Unternehmen in dieser HÃ¶he am VermÃ¶gen schÃ¤digte, indem er I***** M***** Anweisungen zu Abholung und Abtransport erteilte.
Diesen als sehr wahrscheinlich angenommenen Sachverhalt subsumierte das Beschwerdegericht den TatbestÃ¤nden des Â§Â 278 AbsÂ 1 StGB (A./), der Â§Â§Â 127, 128 AbsÂ 1 ZÂ 5, 130 AbsÂ 2 erster Fall (iVm AbsÂ 1 erster und zweiter Fall) StGB iVm Â§Â 12 dritter Fall StGB (B./) sowie der Â§Â§Â 146, 147 AbsÂ 2 StGB iVm Â§Â 12 dritter Fall StGB (C./).
Rechtliche Beurteilung
Gegen diesen Beschluss des Oberlandesgerichts richtet sich die Grundrechtsbeschwerde des Z***** T*****, der keine Berechtigung zukommt.
Weshalb es eine Verletzung des rechtlichen GehÃ¶rs begrÃ¼nden sollte, wenn das Beschwerdegericht in seinem â€“ reformatorischen (vgl RIS-Justiz RS0116421) â€“ Beschluss auf die AusfÃ¼hrungen in der Haftbeschwerde (ONÂ 229) nicht explizit eingegangen ist, vermag der BeschwerdefÃ¼hrer nicht darzulegen. Dass es ihm Ã¼berhaupt an Gelegenheit gemangelt hÃ¤tte, seinen Standpunkt darzustellen (vgl Grabenwarter/Pabel, EMRK6 Â§Â 24 RzÂ 72; Meyer-Ladewig/Nettesheim/von Raumer, EMRK4 ArtÂ 6 RzÂ 96Â ff), behauptet er nicht einmal. Im Ãœbrigen hat sich das Oberlandesgericht in seiner Beschwerdeentscheidung mit der im Wesentlichen gleichgerichteten Argumentation im Enthaftungsantrag (ONÂ 219) auseinandergesetzt.
Die BegrÃ¼ndung des dringenden Tatverdachts kann im Grundrechtsbeschwerdeverfahren hinsichtlich der Sachverhaltsgrundlagen der Haftentscheidung in sinngemÃ¤ÃŸer Anwendung der ZÂ 5 und 5a des Â§Â 281 AbsÂ 1 StPO angefochten werden; eine am Gesetz orientierte Beschwerde hat somit einen Darstellungs- oder BegrÃ¼ndungsmangel aufzuzeigen oder anhand deutlich und bestimmt bezeichneter Aktenbestandteile erhebliche Bedenken gegen die vorlÃ¤ufige BeweiswÃ¼rdigung des Oberlandesgerichts zu erwecken (RIS-Justiz RS0110146; RS0114488).
Indem die Beschwerde den ErwÃ¤gungen des Oberlandesgerichts bloÃŸ eine eigene EinschÃ¤tzung des Beweiswerts der vom Oberlandesgericht ins Treffen gefÃ¼hrten Beweisergebnisse gegenÃ¼berstellt und so fÃ¼r den BeschwerdefÃ¼hrer gÃ¼nstigere Schlussfolgerungen abzuleiten trachtet, geht sie ins Leere.
Keine Aktenwidrigkeit (ZÂ 5 fÃ¼nfter Fall; vgl dazu RIS-Justiz RS0099547) liegt vor, wenn das Beschwerdegericht eine SMS-Nachricht â€“ die â€žkeinen erkennbaren Bezug zum gegenstÃ¤ndlichen Strafverfahrenâ€œ (BSÂ 13) aufweist â€“ (irrtÃ¼mlich) der Freundin des Angeklagten M***** und nicht diesem selbst zuordnet.
Soweit die Beschwerde die Annahme der Tatbegehungsgefahr durch das Oberlandesgericht als rechtswidrig kritisiert, scheitert sie an der mangelnden (horizontalen) ErschÃ¶pfung des Instanzenzugs, wurde ein entsprechendes Vorbringen in der Haftbeschwerde (ONÂ 229) doch nicht erstattet (RIS-Justiz RS0114487).
Z***** T***** wurde daher durch den angefochtenen Beschluss nicht im Grundrecht auf persÃ¶nliche Freiheit verletzt, weshalb die Grundrechtsbeschwerde ohne Kostenzuspruch (Â§Â 8 GRBG) abzuweisen war.