Document Number: JWT_2020190308_20201005L00
ECLI: ECLI:AT:VWGH:2020:RA2020190308.L00
Case Number: Ra 2020/19/0308
Application Type: Vwgh
Court: Verwaltungsgerichtshof (VwGH)
Decision Date: 1601856000000
Word Count: 2482

Spruch
Die Revision wird zurÃ¼ckgewiesen.
BegrÃ¼ndung
1Â Die Revisionswerber, StaatsangehÃ¶rige Afghanistans, sind BrÃ¼der und stellten am 30.Â MÃ¤rzÂ 2016 AntrÃ¤ge auf internationalen Schutz. Als Fluchtgrund brachten sie im Wesentlichen vor, ihr Vater sei Polizist gewesen und bei einem AngriffÂ der Taliban auf seinen Posten verletzt worden. Ein Nachbar habe die Revisionswerber eines Tages am RÃ¼ckweg von der Schule abgefangen und erzÃ¤hlt, dass die Taliban das Haus der Familie angegriffen und die Eltern und BrÃ¼der entfÃ¼hrt hÃ¤tten.
2Â Das Bundesamt fÃ¼r Fremdenwesen und Asyl wies diese AntrÃ¤ge mit Bescheiden vom 15. und 19.Â FebruarÂ 2018 sowohl hinsichtlich der Zuerkennung des Status der Asylberechtigten als auch hinsichtlich der Zuerkennung des Status der subsidiÃ¤r Schutzberechtigten ab, erteilte keine Aufenthaltstitel aus berÃ¼cksichtigungswÃ¼rdigen GrÃ¼nden, erlieÃŸ gegen die RevisionswerberÂ RÃ¼ckkehrentscheidungen, stellte fest, dass ihre Abschiebung nach Afghanistan zulÃ¤ssig sei, und setzte eine Frist von 14Â Tagen ab Rechtskraft der RÃ¼ckkehrentscheidungen fÃ¼r die freiwillige Ausreise fest.
3Â Mit Erkenntnissen vom 24.Â AprilÂ 2020 wies das Bundesverwaltungsgericht (BVwG) die dagegen erhobenen Beschwerden der Revisionswerber -Â nach DurchfÃ¼hrung einer mÃ¼ndlichen VerhandlungÂ - als unbegrÃ¼ndet ab und erklÃ¤rte die Revision gemÃ¤ÃŸ Art.Â 133Â Abs.Â 4Â B-VG fÃ¼r nicht zulÃ¤ssig.
4Â BegrÃ¼ndend fÃ¼hrte das BVwG im Wesentlichen aus, dass eine tatsÃ¤chliche Verfolgung der Revisionswerber durch die Taliban nicht habe glaubhaft gemacht werden kÃ¶nnen. Auch hÃ¤tten die Revisionswerber nicht glaubhaft machen kÃ¶nnen, dass ihnen in Afghanistan aufgrund ihrer atheistischen Einstellung eine Verfolgung drohen wÃ¼rde. Den Revisionswerbern stehe eine zumutbare innerstaatliche Fluchtalternative in den StÃ¤dtenÂ Mazar-eÂ Sharif oder Herat zur VerfÃ¼gung.Â Im Rahmen der Erlassung der RÃ¼ckkehrentscheidungen fÃ¼hrte es zur InteressenabwÃ¤gung -Â unter BerÃ¼cksichtigung aller Aspekte des Privat- und FamilienlebensÂ - aus, dass die Ã¶ffentlichen Interessen Ã¼berwÃ¶gen.
5Â Mit BeschlÃ¼ssen vom 26.Â JuniÂ 2020, EÂ 1867/2020-5 und EÂ 1870/2020-5, lehnte der Verfassungsgerichtshof die Behandlung der Beschwerden ab und trat diese zur Entscheidung an den Verwaltungsgerichtshof ab.
6Â Nach Art.Â 133 Abs.Â 4Â B-VG ist gegen ein Erkenntnis des Verwaltungsgerichtes die Revision zulÃ¤ssig, wenn sie von der LÃ¶sung einer Rechtsfrage abhÃ¤ngt, der grundsÃ¤tzliche Bedeutung zukommt, insbesondere weil das Erkenntnis von der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes abweicht, eine solche Rechtsprechung fehlt oder die zu lÃ¶sende Rechtsfrage in der bisherigen Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes nicht einheitlich beantwortet wird.
7Â Nach Â§Â 34 Abs.Â 1Â VwGG sind Revisionen, die sich wegen Nichtvorliegens der Voraussetzungen des Art.Â 133 Abs.Â 4Â B-VG nicht zur Behandlung eignen, ohne weiteres Verfahren in nichtÃ¶ffentlicher Sitzung mit Beschluss zurÃ¼ckzuweisen.
8Â Nach Â§Â 34 Abs.Â 1aÂ VwGG ist der Verwaltungsgerichtshof bei der Beurteilung der ZulÃ¤ssigkeit der Revision gemÃ¤ÃŸ Art.Â 133 Abs.Â 4Â B-VG an den Ausspruch des Verwaltungsgerichtes gemÃ¤ÃŸ Â§Â 25a Abs.Â 1Â VwGG nicht gebunden. Die ZulÃ¤ssigkeit einer auÃŸerordentlichen Revision gemÃ¤ÃŸ Art.Â 133 Abs.Â 4Â B-VG hat der Verwaltungsgerichtshof im Rahmen der dafÃ¼r in der Revision vorgebrachten GrÃ¼nde (Â§Â 28 Abs.Â 3Â VwGG) zu Ã¼berprÃ¼fen.
9Â Die vorliegende Revision bringt zu ihrer ZulÃ¤ssigkeit zusammengefasst vor, die beweiswÃ¼rdigenden ErwÃ¤gungen des BVwG in Bezug auf die drohende Verfolgungsgefahr aufgrund des Einsatzes des Vaters der Revisionswerber gegen die Taliban seien nicht nachvollziehbar und hÃ¤tten die MinderjÃ¤hrigkeit der Revisionswerber im Antragszeitpunkt auÃŸer Acht gelassen. Zudem habe es das BVwG verabsÃ¤umt, der als Zeugin einvernommenen Schwester der Revisionswerber entsprechende Fragen zu stellen. Weiters richtet sich die Revision gegen die BeweiswÃ¼rdigung zum Vorbringen der Verfolgung aufgrund des Atheismus der Revisionswerber sowie gegen die Annahme einer zumutbaren innerstaatlichen Fluchtalternative. Dabei habe das BVwG unter anderem die Richtlinien von EASO auÃŸer Acht gelassen und dem Antrag der Revisionswerber auf Einholung eines Gutachtens des lÃ¤nderkundigen SachverstÃ¤ndigen ohne BegrÃ¼ndung nicht entsprochen. SchlieÃŸlich habe das BVwG bei Erlassung der RÃ¼ckkehrentscheidung das Familienleben der Revisionswerber mit ihrer in Ã–sterreich lebenden Schwester auÃŸer Acht gelassen.
10Â Im Zusammenhang mit der BeweiswÃ¼rdigung liegt eine Rechtsfrage von grundsÃ¤tzlicher Bedeutung nur dann vor, wenn das Verwaltungsgericht die BeweiswÃ¼rdigung in einer die Rechtssicherheit beeintrÃ¤chtigenden, unvertretbaren Weise vorgenommen hat. Die BeweiswÃ¼rdigung ist nur insofern einer ÃœberprÃ¼fung durch den Verwaltungsgerichtshof zugÃ¤nglich, als es sich um die SchlÃ¼ssigkeit dieses Denkvorganges (nicht aber die konkrete Richtigkeit) handelt bzw.Â darum, ob die Beweisergebnisse, die in diesem Denkvorgang gewÃ¼rdigt wurden, in einem ordnungsgemÃ¤ÃŸen Verfahren ermittelt worden sind. Der Verwaltungsgerichtshof ist nicht berechtigt, die BeweiswÃ¼rdigung des Verwaltungsgerichtes mit der BegrÃ¼ndung zu verwerfen, dass auch ein anderer Sachverhalt schlÃ¼ssig begrÃ¼ndbar wÃ¤re (vgl.Â VwGHÂ 19.5.2020, RaÂ 2019/14/0599, mwN).
11Â Eine unvertretbare Fehlbeurteilung im Rahmen der BeweiswÃ¼rdigung wird in der Revision nicht aufgezeigt. Das BVwG nahm im Erkenntnis auf das Alter der Revisionswerber an mehreren Stellen Bezug und setzte sich mit dem Fluchtvorbringen des (im Zeitpunkt der Einvernahme vor dem BFA gerade noch minderjÃ¤hrigen) Erstrevisionswerbers und des (im Zeitpunkt der Einvernahme vor dem BFA bereits volljÃ¤hrigen) Zweitrevisionswerbers auseinander. Zum Zeitpunkt der beiden mÃ¼ndlichen Verhandlungen vor dem BVwG, in denen sich die erkennende Richterin einen persÃ¶nlichenÂ EindruckÂ von den Revisionswerbern und der GlaubwÃ¼rdigkeit ihrer Angaben verschaffen konnte, waren beide Revisionswerber jedenfalls bereitsÂ volljÃ¤hrig (vgl.Â VwGHÂ 21.2.2020, RaÂ 2020/18/0003). Das BVwG stufte das Vorbringen anhand nÃ¤her dargelegter, nicht als unschlÃ¼ssig anzusehender Ãœberlegungen als unglaubwÃ¼rdig ein und begrÃ¼ndete dies damit, dass das Vorbringen der Revisionswerber im Zusammenhang mit der behaupteten Verfolgung aufgrund der TÃ¤tigkeit ihres Vaters als Polizist wegen widersprÃ¼chlicher Angaben unglaubwÃ¼rdig sei und auch die im Verfahren als Zeugin einvernommene Schwester diesbezÃ¼glich keine Angaben habe machen kÃ¶nnen.
12Â Die Revision bemÃ¤ngelt, das BVwG habe dem Antrag der Revisionswerber auf Beiziehung eines lÃ¤nderkundigen SachverstÃ¤ndigen ohne BegrÃ¼ndung nicht entsprochen.
13Â Das BVwG hat sich entgegen dem Vorbringen in der Revision nicht begrÃ¼ndungslos Ã¼ber den Antrag hinweggesetzt. Insbesondere wird mit der bloÃŸen Behauptung, der aufgezeigte Verfahrensfehler sei relevant, weil das BVwG bei seiner Vermeidung zu einer inhaltlich anders lautenden Entscheidung gelangen hÃ¤tte mÃ¼ssen, nicht substantiiert dargetan, welche Ã¼ber die vom Verwaltungsgericht getroffenen Feststellungen hinausgehenden oder davon abweichenden Sachverhaltselemente von einem SachverstÃ¤ndigen konkret zu erwarten und warum diese geeignet gewesen wÃ¤ren, zu einem fÃ¼r die Revisionswerber gÃ¼nstigeren Ergebnis zu kommen.
14Â Soweit die Revision eine islamkritische Haltung der Revisionswerber und eine Verfolgungsgefahr wegen einer Abwendung vom Islam anspricht, ist darauf hinzuweisen, dass fÃ¼r die Annahme einer Verfolgung wegen Apostasie Voraussetzung ist, dass die Revisionswerber ihre Konfessionslosigkeit als innere Ãœberzeugung und identitÃ¤tsstiftendes Merkmal verstehen, die sie auch in ihrem Heimatstaat leben werden (vgl.Â erneut VwGHÂ 19.5.2020, RaÂ 2019/14/0599, mwN). Das BVwG setzte sich ausfÃ¼hrlich mit dem diesbezÃ¼glichen Vorbringen auseinander und begrÃ¼ndete umfassend, wie es zum Ergebnis gelangte, dass die Revisionswerber, welche einen Tag vor der ersten mÃ¼ndlichen Verhandlung aus der islamischen Gemeinschaft ausgetreten seien, nicht hÃ¤tten glaubhaft machen kÃ¶nnen, dass sie ihre sunnitische ReligionszugehÃ¶rigkeit aus ideellen GrÃ¼nden abgelegt und eine atheistische Ãœberzeugung oder Konfessionslosigkeit verinnerlicht hÃ¤tten. Deshalb habe auch nicht festgestellt werden kÃ¶nnen, dass die Revisionswerber eine solche Einstellung im Fall der RÃ¼ckkehr nach Afghanistan nach auÃŸen zur Schau tragen wÃ¼rden. Dabei stÃ¼tzte sich das BVwG insbesondere auf den in den mÃ¼ndlichen Verhandlungen gewonnenen Eindruck von den Revisionswerbern, wonach eine tatsÃ¤chliche ablehnende oder feindliche Haltung der Revisionswerber gegenÃ¼ber dem Islam nicht hervorgekommen sei, sondern vielmehr eine tolerante Einstellung gegenÃ¼ber der religiÃ¶sen Einstellung anderer. Zudem hÃ¤tten die Revisionswerber nicht vorgebracht, jemals feindlich oder ablehnend gegenÃ¼ber dem Islam aufgetreten zu sein bzw.Â abgesehen vom Nichtpraktizieren der Glaubensregeln gegen den Islam gerichtete AktivitÃ¤ten zu setzen. Dass bei einer RÃ¼ckkehr nach Afghanistan eine Abwendung vom Islam oder eine Abwendung von jeglichem Glauben bei den Revisionswerbern nach auÃŸen in Erscheinung treten wÃ¼rde, habe sich somit nicht ergeben. Durch die ledigliche NichtausÃ¼bung ihres Glaubens wÃ¼rde ihnen in den StÃ¤dtenÂ Mazar-eÂ Sharif und Herat keine Verfolgung drohen, zumal sie sich nicht islamkritisch geÃ¤uÃŸert hÃ¤tten und auch nicht davon auszugehen sei, dass sie dies in Zukunft vorhÃ¤tten. Ãœberdies habe der Zweitrevisionswerber in der mÃ¼ndlichen Verhandlung selbst angegeben, dass er sich im Falle einer RÃ¼ckkehr nach Afghanistan â€žschon einigermaÃŸenâ€œ an die Regeln der Religion halten wÃ¼rde, jedoch versuchen wÃ¼rde, nicht in die Moschee zu gehen, manchmal wÃ¼rde er das jedoch machen mÃ¼ssen. Es sei den Revisionswerbern daher nicht gelungen glaubhaft zu machen, dass ihnen im Falle der RÃ¼ckkehr nach Afghanistan wegen Konfessionslosigkeit, einer Abwendung vom Islam oder einer areligiÃ¶sen bzw.Â atheistischen Ãœberzeugung Verfolgung drohen wÃ¼rde.
15Â Der Revision gelingt es nicht aufzuzeigen, dass diese BeweiswÃ¼rdigung und die Beurteilung des BVwG zur Verfolgungsgefahr fallbezogen unvertretbar wÃ¤ren.
16Â Wenn die Revision in diesem Zusammenhang rÃ¼gt, dass die Aussage der als Zeugin vernommenen Schwester sowie die im Akt erliegenden Empfehlungsschreiben nicht berÃ¼cksichtigt worden seien, ist auf die stÃ¤ndige Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes zu verweisen, wonach dieÂ RelevanzÂ des behaupteten Verfahrensfehlers in der Revision konkret darzulegen ist (vgl.Â VwGHÂ 27.6.2019, RaÂ 2019/14/0085, mwN). Mit dem Vorbringen, bei vollinhaltlicher Auseinandersetzung mit dem Vorbringen der als Zeugin befragten Schwester und den Empfehlungsschreiben wÃ¤re festgestellt worden, dass die Revisionswerber ihre Konfessionslosigkeit als innere Ãœberzeugung und identitÃ¤tsstiftendes Merkmal verstehen wÃ¼rden, wird eine Relevanz des behaupteten Verfahrensmangels nach den Leitlinien der oben zitierten Rechtsprechung nicht dargetan. Hinzu kommt, dass das BVwG ohnehin davon ausgegangen ist, dass die Revisionswerber ihren sunnitischen Glauben nicht mehr streng leben wÃ¼rden, sich auch emotional davon distanziert hÃ¤tten und -Â in einem sehr eingeschrÃ¤nkten PersonenkreisÂ - Ã¼ber den Islam und Religionen diskutieren wÃ¼rden. Ein, die Rechtssicherheit beeintrÃ¤chtigender, Verfahrensfehler kann daher nicht erblickt werden.
17Â Die Revision wendet sich in ihrer ZulÃ¤ssigkeitsbegrÃ¼ndung weiters gegen die Annahme der Zumutbarkeit einer innerstaatlichen Fluchtalternative in Mazar-eÂ Sharif und Herat und bringt dazu im Wesentlichen vor, das BVwG habe keine grundlegenden Ermittlungen zu den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie in Afghanistan vorgenommen, keine Feststellungen zu den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die sozioÃ¶konomische Lage in Afghanistan getroffen und sich auch nicht mit dem fÃ¼r die Revisionswerber entstehenden Risiko einer Ansteckung auseinandergesetzt. Es hÃ¤tte ermittelt werden mÃ¼ssen, ob die Revisionswerber in Afghanistan zu einer Risikogruppe zu zÃ¤hlen seien, welchen Gefahren sie im Fall einer Infektion ausgesetzt wÃ¤ren und ob es ihnen mÃ¶glich wÃ¤re, ihre Krankheit auf adÃ¤quate Weise behandeln zu lassen. HÃ¤tte das BVwG Ermittlungen zur Beantwortung dieser Fragen getÃ¤tigt, hÃ¤tte sich ergeben, dass in Afghanistan mit einer Durchseuchung groÃŸer Teile der BevÃ¶lkerung zu rechnen sei, die Revisionswerber einer Risikogruppe zuzurechnen seien und nicht mit adÃ¤quater Versorgung gerechnet werden kÃ¶nne. DarÃ¼ber hinaus seien den Revisionswerbern die StÃ¤dteÂ Herat und Mazar-eÂ Sharif vÃ¶llig fremd. Sie hÃ¤tten Afghanistan noch im Kindesalter verlassen und sich seitdem in kultureller sowie religiÃ¶ser Hinsicht von ihrem Herkunftsstaat sehr deutlich entfremdet. Sie wÃ¼rden in beiden StÃ¤dten Ã¼ber kein familiÃ¤res oder soziales Netz verfÃ¼gen, auf das sie zurÃ¼ckgreifen kÃ¶nnten.
18Â Nach der stÃ¤ndigen Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes ist bei der Beurteilung einer mÃ¶glichen Verletzung des Art.Â 3Â EMRK eine EinzelfallprÃ¼fung vorzunehmen, in deren Rahmen konkrete und nachvollziehbare Feststellungen zu der Frage zu treffen sind, ob einer Person im Fall der RÃ¼ckkehr in ihren Herkunftsstaat die reale Gefahr (â€žrealÂ riskâ€œ) einer gegen Art.Â 3Â EMRK verstoÃŸenden Behandlung droht. Es bedarf einer ganzheitlichen Bewertung der mÃ¶glichen Gefahren, die sich auf die persÃ¶nliche Situation des Betroffenen in Relation zur allgemeinen Menschenrechtslage im Zielstaat zu beziehen hat. Die AuÃŸerlandesschaffung eines Fremden in den Herkunftsstaat kann auch dann eine Verletzung von Art.Â 3Â EMRK bedeuten, wenn der Betroffene dort keine Lebensgrundlage vorfindet, also die GrundbedÃ¼rfnisse der menschlichen Existenz (bezogen auf den Einzelfall) nicht gedeckt werden kÃ¶nnen. Eine solche Situation ist nur unter exzeptionellen UmstÃ¤nden anzunehmen. Die bloÃŸe MÃ¶glichkeit einer durch die LebensumstÃ¤nde bedingten Verletzung des Art.Â 3Â EMRK reicht nicht aus. Vielmehr ist es zur BegrÃ¼ndung einer drohenden Verletzung von Art.Â 3Â EMRK notwendig, detailliert und konkret darzulegen, warum solche exzeptionellen UmstÃ¤nde vorliegen (vgl.Â etwa VwGHÂ 20.8.2020, RaÂ 2020/19/0239, mwN).
19Â Der Verwaltungsgerichtshof hat in seiner Rechtsprechung weiters dargelegt, welche Kriterien erfÃ¼llt sein mÃ¼ssen, um von einer zumutbaren innerstaatlichen Fluchtalternative sprechen zu kÃ¶nnen. Demzufolge reicht es nicht aus, dem Asylwerber entgegen zu halten, dass er in diesem Gebiet keine Folter oder unmenschliche oder erniedrigende Behandlung zu erwarten hat. Es muss ihm vielmehr mÃ¶glich sein, im Gebiet der innerstaatlichen Fluchtalternative nach allfÃ¤lligen anfÃ¤nglichen Schwierigkeiten FuÃŸ zu fassen und dort ein Leben ohne unbillige HÃ¤rten zu fÃ¼hren, wie es auch andere Landsleute fÃ¼hren kÃ¶nnen. Ob dies der Fall ist, erfordert eine Beurteilung der allgemeinen Gegebenheiten im Herkunftsstaat und der persÃ¶nlichen UmstÃ¤nde des Asylwerbers. Es handelt sich letztlich um eine Entscheidung im Einzelfall, die auf der Grundlage ausreichender Feststellungen Ã¼ber die zu erwartende Lage des Asylwerbers in dem in Frage kommenden Gebiet sowie dessen sichere undÂ legale Erreichbarkeit getroffen werden muss (vgl.Â etwa erneut VwGHÂ 20.8.2020, RaÂ 2020/19/0239, mwN).
20Â Werden VerfahrensmÃ¤ngel als ZulassungsgrÃ¼nde ins Treffen gefÃ¼hrt, so muss die Relevanz dieser VerfahrensmÃ¤ngel, weshalb also bei Vermeidung des Verfahrensmangels in der Sache ein anderes, fÃ¼r die Revisionswerber gÃ¼nstigeres Ergebnis hÃ¤tte erzielt werden kÃ¶nnen, dargetan werden. Die Relevanz der geltend gemachten Verfahrensfehler ist in konkreter Weise, also fallbezogen darzulegen (vgl.Â etwaÂ VwGHÂ 27.7.2020, RaÂ 2020/01/0130, mwN). Dies setzt (in Bezug auf FeststellungsmÃ¤ngel) voraus, dass -Â auf das Wesentliche zusammengefasstÂ - jene Tatsachen dargestellt werden, die sich bei Vermeidung des behaupteten Verfahrensfehlers als erwiesen ergeben hÃ¤tten (vgl.Â etwaÂ VwGHÂ 26.2.2020, RaÂ 2020/20/0049, mwN).
21Â Die AusfÃ¼hrungen in der ZulÃ¤ssigkeitsbegrÃ¼ndung werden diesen Anforderungen an eine konkrete Relevanzdarlegung nicht gerecht. DarÃ¼ber hinaus handelt es sich bei den Revisionswerbern unstrittig um junge und gesunde MÃ¤nner. Dass die Revisionswerber in Bezug auf Covid-19 einer Risikogruppe angehÃ¶ren wÃ¼rden, ist -Â entgegen dem unsubstantiierten Vorbringen in der RevisionÂ - nicht ersichtlich.
22Â Die RevisionswerberÂ legten auch nicht dar, dass -Â in Hinblick auf die Covid-19-Pandemie in AfghanistanÂ - solche exzeptionellen UmstÃ¤nde vorlÃ¤gen, welche konkret die reale Gefahr einer Verletzung ihrer nach Art.Â 3Â EMRK garantierten Rechte darstellen wÃ¼rden (vgl.Â erneut VwGHÂ 27.7.2020, RaÂ 2020/01/0130, mwN).
23Â Weiters ist in Bezug auf Afghanistan auf die Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes zu verweisen, wonach es gesunden Asylwerbern im erwerbsfÃ¤higen Alter, die eine der Landessprachen Afghanistans beherrschen, mit den kulturellen Gepflogenheiten ihres Herkunftsstaates vertraut sind und die MÃ¶glichkeit haben, sich durch GelegenheitstÃ¤tigkeiten eine Existenzgrundlage zu sichern, die Inanspruchnahme einer innerstaatlichen Fluchtalternative in bestimmten Gebieten Afghanistans zugemutet werden kann, und zwar selbst dann, wenn sie nicht in Afghanistan geboren wurden, dort nie gelebt und keine AngehÃ¶rigen in Afghanistan haben, sondern im Iran aufgewachsen und dort in die Schule gegangen sind (vgl.Â VwGHÂ 19.5.2020, RaÂ 2019/14/0599, mwN).
24Â Vor diesem Hintergrund begegnet die Annahme einer innerstaatlichen Fluchtalternative in Mazar-eÂ Sharif oder Herat im Licht der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes keinen Bedenken.
25Â SchlieÃŸlich wendet sich die Revision gegen die RÃ¼ckkehrentscheidung und bringt dazu vor, das BVwG habe das bestehende Familienleben der Revisionswerber zu der in Ã–sterreich lebenden Schwester nicht beachtet. Die Revisionswerber und die einvernommene Schwester hÃ¤tten mehrmals verdeutlicht, dass zwischen ihnen eine enge Bindung bestehe, wie es fÃ¼r Beziehungen zwischen Geschwistern in ihrem Alter auÃŸergewÃ¶hnlich sei. Zudem sei von einer herausragenden Integration auszugehen. Auch die Vereinsmitgliedschaften, intensive Freundschaften und der beachtliche Schulerfolg in Ã–sterreich seien nicht berÃ¼cksichtigt worden.
26Â Nach stÃ¤ndiger Rechtsprechung des Verwaltungsgerichthofs ist eine unter Bedachtnahme auf die jeweiligen UmstÃ¤nde des Einzelfalls in Form einer Gesamtbetrachtung durchgefÃ¼hrte InteressenabwÃ¤gung im Sinn des Art.Â 8Â EMRK im Allgemeinen -Â wenn sie auf einer verfahrensrechtlich einwandfreien Grundlage erfolgte und in vertretbarer Weise im Rahmen der von der Rechtsprechung entwickelten GrundsÃ¤tze vorgenommen wurdeÂ - nicht revisibel (vgl.Â VwGHÂ 29.8.2019, RaÂ 2019/19/0187, mwN).
27Â FamiliÃ¤re Beziehungen unter Erwachsenen fallen nach der stÃ¤ndigen Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes nur dann unter den Schutz des Art.Â 8Â EMRK, wenn zusÃ¤tzliche Merkmale der AbhÃ¤ngigkeit hinzutreten, die Ã¼ber die Ã¼blichen Bindungen hinausgehen (vgl.Â VwGHÂ 8.9.2016,Â RaÂ 2015/20/0296Â bisÂ 0299, mwN).
28Â Das BVwG hat die in der Revision angesprochene Bindung zu der in Ã–sterreich asylberechtigten Schwester der Revisionswerber berÃ¼cksichtigt, jedoch ein schutzwÃ¼rdiges Familienleben aufgrund fehlender finanzieller AbhÃ¤ngigkeit sowie eines fehlenden gemeinsamen Wohnsitzes verneint. Allein deshalb, weil die Revisionswerber nach dem Vorbringen der Revision regelmÃ¤ÃŸig am Wochenende zu der Schwester kommen wÃ¼rden, um ihr dabei zu helfen, die beeintrÃ¤chtigte Tochter zu versorgen und von der Schwester unterstÃ¼tzt wÃ¼rden, kann auf ein schÃ¼tzenswertes Familienleben im obigen Sinne nicht geschlossen werden (vgl.Â etwa VwGHÂ 15.7.2019, RaÂ 2019/18/0233).
29Â Entgegen dem Revisionsvorbringen hat das BVwG im Rahmen der vorgenommenen InteressenabwÃ¤gung auch die absolvierte weitere Schuldbildung und einen vorhandenen Freundeskreis berÃ¼cksichtigt. Den Revisionswerbern gelingt es daher nicht aufzuzeigen, dass die im Rahmen der RÃ¼ckkehrentscheidung vorgenommene InteressenabwÃ¤gung -Â selbst bei BerÃ¼cksichtigung von VereinsmitgliedschaftenÂ - in einer unvertretbaren Weise erfolgt wÃ¤re.
30Â In der Revision werden somit keine Rechtsfragen aufgeworfen, denen im Sinne des Art.Â 133 Abs.Â 4Â B-VG grundsÃ¤tzliche Bedeutung zukÃ¤me. Die Revision war daher gemÃ¤ÃŸ Â§Â 34 Abs.Â 1Â VwGG zurÃ¼ckzuweisen.
Wien, am 5.Â OktoberÂ 2020