Document Number: JJT_20201104_OGH0002_0150OS00099_20B0000_000
ECLI: ECLI:AT:OGH0002:2020:0150OS00099.20B.1104.000
Case Number: 15Os99/20b
Application Type: Justiz
Court: OGH
Decision Date: 1604448000000
Word Count: 1616

Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat am 4.Â NovemberÂ 2020 durch den SenatsprÃ¤sidenten des Obersten Gerichtshofs Hon.-Prof.Â Dr.Â Kirchbacher als Vorsitzenden sowie den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Mag.Â Lendl und die HofrÃ¤tinnen des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Michel-Kwapinski, Mag.Â FÃ¼rnkranz und Dr.Â Mann in der Strafsache gegen S***** A***** wegen des Verbrechens des rÃ¤uberischen Diebstahls nach Â§Â§Â 127, 131 erster Fall StGB und weiterer strafbarer Handlungen Ã¼ber die Nichtigkeitsbeschwerde und die Berufung des Angeklagten sowie die Berufung der Staatsanwaltschaft gegen das Urteil des Landesgerichts Innsbruck als SchÃ¶ffengericht vom 13.Â MaiÂ 2020, GZÂ 37Â HvÂ 18/20m-90, ferner Ã¼ber die Beschwerde der Staatsanwaltschaft gegen den unter einem gefassten Beschluss auf Absehen vom Widerruf einer bedingten Strafnachsicht nach AnhÃ¶rung der Generalprokuratur nichtÃ¶ffentlich (Â§Â 62 AbsÂ 1 zweiter Satz OGH-GeoÂ 2019) den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Nichtigkeitsbeschwerde wird zurÃ¼ckgewiesen.
Zur Entscheidung Ã¼ber die Berufungen und die Beschwerde werden die Akten dem Oberlandesgericht Innsbruck zugeleitet.
Dem Angeklagten fallen auch die Kosten des bisherigen Rechtsmittelverfahrens zur Last.
Text
GrÃ¼nde:
Mit dem angefochtenen Urteil wurde S***** A***** mehrerer Vergehen der KÃ¶rperverletzung nach Â§Â 83 AbsÂ 1 StGB (I./1./), Â§Â 83 AbsÂ 2 StGB (I./2./) und Â§Â§Â 15, 83 AbsÂ 1 StGB (I./3./), der Vergehen der gefÃ¤hrlichen Drohung nach Â§Â 107 AbsÂ 1 und AbsÂ 2 [erster Fall] StGB (II./), der Vergehen der NÃ¶tigung nach Â§Â§Â 105 AbsÂ 1, 15 StGB (III./1./ bis 3./), des Vergehens der SachbeschÃ¤digung nach Â§Â 125 StGB (IV.), des Verbrechens des rÃ¤uberischen Diebstahls nach [richtig:] Â§Â§Â 127, 131 erster Fall StGB (V./1./, 3./ und 4./) und [vgl aber RIS-Justiz RS0114927] des Vergehens des Diebstahls nach Â§Â 127 StGB (V./2./ und 5./) schuldig erkannt.
Danach hat er â€“ soweit fÃ¼r das Nichtigkeitsverfahren relevant â€“
I./Â am 21.Â SeptemberÂ 2018 in J***** Nachgenannte am KÃ¶rper verletzt (1./), zu verletzen versucht (3./) sowie misshandelt und dadurch fahrlÃ¤ssig am KÃ¶rper verletzt (2./),
1./Â Sa***** A***** dadurch, dass er ihr einen Faustschlag in die linke GesichtshÃ¤lfte und sodann einen krÃ¤ftigen StoÃŸ gegen den Hinterkopf versetzte, wodurch sie zu Sturz kam und Prellungen der linken HÃ¼fte und des linken Oberarms, ein HÃ¤matom an der linken Augenbraue sowie Ã¼ber den kÃ¶rperlichen Angriff hinaus andauernde Kopfschmerzen erlitt;
2./Â M***** S*****, indem er ihm einen heftigen StoÃŸ gegen den OberkÃ¶rper versetzte, wodurch dieser zu Sturz kam und AbschÃ¼rfungen an beiden Knien erlitt;
3./Â den am Boden liegenden M***** S***** durch das Versetzen mehrerer FaustschlÃ¤ge gegen den Kopf, den dieser jedoch mit seinen HÃ¤nden schÃ¼tzte;
II./Â am 21.Â SeptemberÂ 2018 in J***** Sa***** A***** und M***** S***** durch die an beide gerichtete Ã„uÃŸerung: â€žEines verspreche ich euch, ich bringe euch beide um!â€œ, wÃ¤hrend er je einen Arm um deren Hals legte und sie gegen ein Garagentor drÃ¼ckte, gefÃ¤hrlich mit dem Tod bedroht, um sie in Furcht und Unruhe zu versetzen;
III./Â am 11.Â AprilÂ 2019 in J***** Nachgenannte mit Gewalt zu folgenden Duldungen genÃ¶tigt bzw zu nÃ¶tigen versucht:
1./Â A***** L***** durch EntreiÃŸen seines auf dem Arm gehaltenen zweijÃ¤hrigen Enkels P***** L***** zur Herausgabe des Kindes (USÂ 9);
2./Â auÃŸer zeitlicher KonnexitÃ¤t zu PunktÂ 1./ A***** L***** durch den wiederholten Versuch, das Kind zu erfassen, zur Duldung des EntreiÃŸens seines auf dem Arm gehaltenen zweijÃ¤hrigen Enkels P***** L*****;
3./ An***** L*****, A***** L***** und F***** W***** durch den Versuch, den von An***** L***** auf ihrem Arm gehaltenen zweijÃ¤hrigen Sohn P***** L***** zu erfassen, wobei er A***** L***** und F***** W*****, die ihm den Weg verstellten, beiseite stieÃŸ bzw A***** L***** am OberkÃ¶rper umklammerte, zur Duldung des EntreiÃŸens des Kindes;
IV./Â â€¦
V./Â in I***** fremde bewegliche Sachen Nachgenannten mit dem Vorsatz weggenommen, sich durch deren Zueignung unrechtmÃ¤ÃŸig zu bereichern, wobei er teilweise (PunktÂ 1./, 3./ und 4./) bei seiner Betretung auf frischer Tat Gewalt gegen Personen anwendete, um sich die weggenommenen Sachen zu erhalten,
1./Â am 20.Â SeptemberÂ 2019 GewahrsamstrÃ¤gern der Tabak-Trafik in der ***** drei Stangen Marlboro-Zigaretten und zwei Dosen Pueblo-Tabak im Gesamtwert von 202,60Â Euro, wobei er, nachdem der ihn verfolgende M***** Al***** die Einkaufstasche erfasst hatte, an dieser bis zum Eintreffen der Polizei mehrere Minuten lang heftig zerrte;
2./Â am 28.Â SeptemberÂ 2019 GewahrsamstrÃ¤gern des GeschÃ¤fts G***** ein Zelt im Wert von 279,95Â Euro;
3./Â am 7.Â OktoberÂ 2019 GewahrsamstrÃ¤gern der Trafik â€žDr.Â Gs*****â€œ eine Stange Parisienne-Zigaretten im Wert von 50Â Euro, wobei er sich aus dem Griff der Mag.Â A***** K*****, die ihn am rechten Arm erfasste und anzuhalten versuchte, losriss und flÃ¼chtete;
4./Â am 8.Â OktoberÂ 2019 GewahrsamstrÃ¤gern des M***** Markts ***** Waren im Wert von 30,03Â Euro, wobei er von H***** U***** bei der Tat beobachtet wurde und, als dieser ihn anzuhalten versuchte, mehrere FaustschlÃ¤ge in dessen Richtung andeutete, weiters indem er an der mittlerweile von S***** Ka***** ergriffenen Einkaufstasche zerrte, wiederholt dessen rechtes Handgelenk erfasste und in Richtung dessen Schienbein trat;
5./Â am 8.Â OktoberÂ 2019 GewahrsamstrÃ¤gern des H***** Markts ***** Waren unerhobenen Werts;
VI./Â â€¦
Rechtliche Beurteilung
Dagegen richtet sich die auf Â§Â 281 AbsÂ 1 ZÂ 5, 9 litÂ b und 10 StPO gestÃ¼tzte Nichtigkeitsbeschwerde des Angeklagten, der keine Berechtigung zukommt.
Indem die MÃ¤ngelrÃ¼ge zu I./1./ kritisiert, es sei undeutlich und widersprÃ¼chlich geblieben (ZÂ 5 erster und dritter Fall), ob der Angeklagte Sa***** A***** â€“ Ã¼ber das Versetzen eines Faustschlags ins Gesicht hinaus â€“ auch einen StoÃŸ gegen den Hinterkopf versetzt oder aber mit dem Kopf gegen eine Mauer gestoÃŸen habe, bezieht sie sich nicht auf eine entscheidende Tatsache (vgl RIS-Justiz RS0099594), weil der Wegfall oder das Hinzukommen einer einzelnen TatmodalitÃ¤t â€“ hier einer weiteren dem Opfer im Zuge eines inkriminierten Angriffs zugefÃ¼gten TÃ¤tlichkeit â€“ keinen fÃ¼r die Schuld- und Subsumtionsfrage relevanten Aspekt betrifft (RIS-Justiz RS0117264).
Soweit die Beschwerde zu I./2./ und 3./ eine UnvollstÃ¤ndigkeit (ZÂ 5 zweiter Fall) darin erblickt, dass die Aussage des Angeklagten unter Hinweis auf die (fÃ¼r nachvollziehbar eingestuften; USÂ 14) Depositionen der Zeugen S***** und B***** verworfen und â€žnicht nÃ¤her ausgefÃ¼hrtâ€œ wurde, â€žweshalb es sich bei den AusfÃ¼hrungen des Angeklagten um eine reine Schutzbehauptung handeln sollâ€œ, bekÃ¤mpft sie im Ergebnis nur die tatrichterliche EinschÃ¤tzung von Personalbeweisen, die einer Anfechtung mittels Nichtigkeitsbeschwerde entzogen ist (RIS-Justiz RS0106588). Es besteht auch keine Verpflichtung, zu jedem Detail einer â€“ als unglaubwÃ¼rdig erachteten (USÂ 14) â€“ Einlassung des Angeklagten Stellung zu nehmen (RIS-Justiz RS0098717). Die Aussage der Zeugin B*****, sie habe nicht gesehen, was passiert sei, als M***** S***** bereits am Boden gelegen sei, stand den erstgerichtlichen â€“ auf die Aussage des Zeugen S***** gegrÃ¼ndeten (USÂ 14 zweiter Absatz) â€“ Feststellungen nicht erÃ¶rterungsbedÃ¼rftig entgegen.
Zum SchuldspruchÂ II./ reklamiert die Beschwerde einen â€“ vermeintlich unerÃ¶rtert gebliebenen (ZÂ 5 zweiter Fall) â€“ Widerspruch in den Schilderungen der Zeugen A***** und S***** betreffend die Art ihrer Umklammerung, kritisiert damit aber nur die eben darauf bezogene tatrichterliche ErwÃ¤gung (USÂ 15). Die insofern leugnende Verantwortung des Angeklagten blieb ebenfalls nicht unberÃ¼cksichtigt, sondern wurde dargestellt, dass der Genannte die Zeugen der LÃ¼ge bezichtigte (USÂ 19) und WidersprÃ¼che in deren Angaben ortete (USÂ 15).
Dass das Erstgericht den zu III./2./ inkriminierten Angriff des Angeklagten auf A***** L***** â€žauÃŸerhalb der zeitlichen KonnexitÃ¤t zum ersten EntreiÃŸenâ€œ (III./1./) einordnete (USÂ 9), bildet â€“ der Beschwerde zuwider â€“ keine Undeutlichkeit der EntscheidungsgrÃ¼nde (ZÂ 5 erster Fall), lassen diese doch klar erkennen, dass der Angeklagte nach seinem ersten (erfolgreichen) Angriff auf A***** L***** (I./1./) eine weitere Tathandlung in derselben Absicht gegen dasselbe Opfer (I./2./) setzte (vgl RIS-Justiz RS0099425). Insofern besteht kein Zweifel darÃ¼ber, dass das Erstgericht von zwei selbstÃ¤ndigen Taten ausging. Im Ãœbrigen hÃ¤tte sich auch bei Zusammenfassung der gegen A***** L***** gesetzten TathandlungenÂ III./1./ und III./2./ (im Sinn einer tatbestandlichen Handlungseinheit; vgl RIS-Justiz RS0122006) keine rechtsfehlerhafte Beurteilung des Urteilssachverhalts durch das Erstgericht aufgezeigt, das die zu III./1./ bis 3./ inkriminierten Sachverhalte (insgesamt) als â€ždie Vergehen der teils versuchten, teils vollendeten NÃ¶tigung nach Â§Â§Â 105 AbsÂ 1, 15 StGBâ€œ beurteilt hat (USÂ 5).
Dem Einwand der UnvollstÃ¤ndigkeit (ZÂ 5 zweiter Fall) zuwider fand die zum Vorfall mit der Familie L***** gebotene Einlassung des Angeklagten BerÃ¼cksichtigung in den EntscheidungsgrÃ¼nden, indem sie insgesamt als nicht nachvollziehbar eingestuft wurde (USÂ 16).
Soweit die RechtsrÃ¼ge (ZÂ 9 litÂ b) zu III./ Feststellungen â€žbezÃ¼glich eines Irrtums Ã¼ber einen rechtfertigenden Sachverhaltâ€œ vermisst und einwendet, der Angeklagte kÃ¶nnte geglaubt haben, â€ždass das Kind, welches er wegzunehmen versucht hat, sein Sohn warâ€œ (vgl USÂ 16), wird kein in der Hauptverhandlung vorgekommenes Verfahrensresultat (Â§Â 258 AbsÂ 1 StPO) dafÃ¼r aufgezeigt, dass der Angeklagte irrtÃ¼mlich (Â§Â 8 StGB) von einem unmittelbar drohenden Angriff auf ein geschÃ¼tztes Rechtsgut (allenfalls des Kindes) ausgegangen sein kÃ¶nnte, dem nur durch einen sofortigen Zugriff zu begegnen gewesen wÃ¤re.
Die SubsumtionsrÃ¼ge (ZÂ 10) vermisst zu V./3./ Feststellungen zur IntensitÃ¤t der vom Angeklagten angewendeten Gewalt (vgl dazu: RIS-Justiz RS0093597), verabsÃ¤umt aber darzulegen, inwieweit sich dies â€“ trotz weiterer Gewaltanwendung (auch) anlÃ¤sslich der zu V./1./ und V./4./ inkriminierten DiebstÃ¤hle â€“ auf die rechtliche Beurteilung der gemÃ¤ÃŸ Â§Â 29 StGB zu bildenden Subsumtionseinheit auswirken sollte (RIS-Justiz RS0120980).
Unter dem Gesichtspunkt des Â§Â 290 AbsÂ 1 zweiter Satz StPO bleibt zu bemerken, dass der vom Nichtigkeitswerber nicht aufgezeigte, in der entgegen Â§Â 29 StGB getrennten Erfassung von DiebstÃ¤hlen nach â€žÂ§Â 131 erster Fall StGBâ€œ einerseits (V./1./, 3./ und 4./) und nach Â§Â 127 StGB anderseits (V./2./ und 5./) gelegene Subsumtionsfehler (Â§Â 281 AbsÂ 1 ZÂ 10 StPO) â€“ anstatt dem Angeklagten insofern nur ein Verbrechen des rÃ¤uberisch begangenen Diebstahls nach Â§Â§Â 127, 131 erster Fall StGB anzulasten (RIS-Justiz RS0114927) â€“ fÃ¼r eine amtswegige MaÃŸnahme keinen Anlass bietet, zumal dies per se keinen konkreten Nachteil im Sinn der genannten Bestimmung darstellt (Ratz, WK-StPO Â§Â 290 RzÂ 23Â f) und der erschwerenden Wertung eines Zusammentreffens von â€ždrei Verbrechenâ€œ mit mehreren Vergehen (USÂ 20) im Rahmen der Berufungsentscheidung Rechnung getragen werden kann (RIS-Justiz RS0090885, RS0118870).
Die Nichtigkeitsbeschwerde des Angeklagten war daher â€“ in Ãœbereinstimmung mit der Stellungnahme der Generalprokuratur â€“ bereits bei nichtÃ¶ffentlicher Beratung sofort zurÃ¼ckzuweisen (Â§Â 285d AbsÂ 1 StPO), woraus die ZustÃ¤ndigkeit des Oberlandesgerichts zur Entscheidung Ã¼ber die Berufungen und die Beschwerde folgt (Â§Â§Â 285i, 498 AbsÂ 3 StPO).
Die Kostenentscheidung grÃ¼ndet sich auf Â§Â 390a AbsÂ 1 StPO.
Bleibt der VollstÃ¤ndigkeit halber klarzustellen, dass hinsichtlich des im Referat der entscheidenden Tatsachen (Â§Â 260 AbsÂ 1 ZÂ 1 StPO) und in den EntscheidungsgrÃ¼nden (Â§Â 270 AbsÂ 2 ZÂ 5 StPO) als erwiesen angenommenen Widerstands des Angeklagten gegen Polizeibeamte, um diese an seiner Festnahme zu hindern (USÂ 4 [VI./] und 12Â f), eine Subsumtion im Erkenntnis (Â§Â 260 AbsÂ 1 ZÂ 2 StPO) unterblieben ist (USÂ 5; siehe auch ONÂ 89 SÂ 39), sodass in Ansehung dieser Tat kein Schuldspruch ergangen, die Anklage vielmehr unerledigt geblieben und im Ergebnis ein in Rechtskraft erwachsener Freispruch erfolgt ist (RIS-Justiz RS0116266 [insbes T1, T3, T4]; vgl auch Lendl, WK-StPO Â§Â 259 RzÂ 14, Â§Â 260 RzÂ 7, 27).