Document Number: JJT_20200305_OGH0002_0210DS00002_19K0000_000
ECLI: ECLI:AT:OGH0002:2020:0210DS00002.19K.0305.000
Case Number: 21Ds2/19k
Application Type: Justiz
Court: OGH
Decision Date: 1583366400000
Word Count: 970

Kopf
Der Oberste Gerichtshof als Disziplinargericht fÃ¼r RechtsanwÃ¤lte und RechtsanwaltsanwÃ¤rter hat am 5.Â MÃ¤rzÂ 2020 durch den SenatsprÃ¤sidenten des Obersten Gerichtshofs Prof.Â Dr.Â LÃ¤ssig als Vorsitzenden, den SenatsprÃ¤sidenten des Obersten Gerichtshofs Univ.-Prof.Â Dr.Â Bydlinski als weiteren Richter sowie die RechtsanwÃ¤lte Dr.Â Pressl und Dr.Â Rothner als Anwaltsrichter in der Disziplinarsache gegen *****, Rechtsanwalt in *****, wegen Disziplinarvergehen der Verletzung von Berufspflichten sowie der BeeintrÃ¤chtigung der Ehre oder des Ansehens des Standes nach Â§Â 1 AbsÂ 1 DSt Ã¼ber die Beschwerde des Kammeranwalts gegen den Beschluss des Disziplinarrats der Salzburger Rechtsanwaltskammer vom 2.Â AprilÂ 2019, GZÂ DISZ/17-18-15, nach AnhÃ¶rung der Generalprokuratur nichtÃ¶ffentlich (Â§Â 62 AbsÂ 1 zweiter Satz OGH-GeoÂ 2019) den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Beschwerde wird nicht Folge gegeben.
Text
GrÃ¼nde:
Mit dem angefochtenen Beschluss sprach der Disziplinarrat der Salzburger Rechtsanwaltskammer aus, dass kein Grund zur Disziplinarbehandlung hinsichtlich des Verdachts vorliege, Rechtsanwalt ***** habe dadurch Disziplinarvergehen der Verletzung von Berufspflichten und der BeeintrÃ¤chtigung der Ehre oder des Ansehens des Standes begangen, dass er
(1)Â entgegen dem Verbot der Doppelvertretung nach Â§Â 10 AbsÂ 1 RL-BAÂ 2015 die M.Â K***** KG, eine Kommanditgesellschaft nach Ã¶sterreichischem Recht, deren persÃ¶nlich haftende Gesellschafter Matthias K*****, geboren am *****, und Ernst K*****, geboren am ***** (verstorben am *****), in der Folge dessen Nachlass, vertreten und die ihm erteilte Vollmacht der M.Â K***** KG erst mit Schreiben vom 6.Â AprilÂ 2018 aufgekÃ¼ndigt hat, wÃ¤hrend er
a)Â im FrÃ¼hjahrÂ 2018 fÃ¼r Mag.Â Christine F***** und Mag.Â Hans-Peter K***** die Finanzierung der Kosten eines beabsichtigten Pflichtteilsprozesses gegen den (richtig: Nachlass des) persÃ¶nlich haftenden Gesellschafter[s] der M.Â K***** KG, Ernst K*****, organisiert hat,
b)Â im MÃ¤rzÂ 2018 Peter K***** bei der Verfassung und beim Abschluss eines Vertrags vom 29.Â MÃ¤rzÂ 2018 vertreten hat, mit dem der Genannte die PflichtteilsansprÃ¼che gegen die Verlassenschaft nach Ernst K***** von Mag.Â Christine F***** erwarb,
c)Â am 11.Â AprilÂ 2018 eine Klage gegen die Witwe des verstorbenen Ernst K***** auf Rechnungslegung gemÃ¤ÃŸ Â§Â 786 ABGB zu â€žVorschenkungenâ€œ des Ernst K***** an die Erbin und hinsichtlich â€žnoch nicht in die Verlassenschaft deklarierten VermÃ¶gens von Ernst K*****â€œ eingebracht hat, und
d)Â am 11.Â AprilÂ 2018 im Namen des Peter K***** aufgrund seiner von Mag.Â Christine F***** um 60Â MillionenÂ Euro erworbenen AnsprÃ¼che eine weitere Klage gegen die Verlassenschaft nach Ernst K***** eingebracht hat, wobei ein Pflichtteilsanspruch unter Vorbehalt der Ausdehnung von zunÃ¤chst 500Â MillionenÂ Euro geltend gemacht wurde, weiters
(2)Â dem Verbot des Â§Â 17 RL-BAÂ 2015 zuwider den SekretÃ¤rinnen der M.Â K***** KG Andrea C***** und Sabine Ka***** ein mit 3.Â MaiÂ 2018 datiertes Begleitschreiben persÃ¶nlich Ã¼bergeben hat, mit dem auf die MÃ¶glichkeit strafgerichtlicher Verfolgung hingewiesen wurde, sofern â€žUnterlagen und Urkundenâ€œ des Erblassers, die â€žvon Herrn Peter K***** zur Verwendung fÃ¼r diese (oben erwÃ¤hnten) Verfahren bestimmt werdenâ€œ, unterdrÃ¼ckt werden, und es den Genannten untersagt hat, â€žUnterlagen und Dokumenteâ€œ herauszugeben.
Rechtliche Beurteilung
Die dagegen erhobene Beschwerde des Kammeranwalts geht fehl.
Ein Beschluss des Inhalts, dass kein Grund zur Disziplinarbehandlung vorliegt (Einstellungsbeschluss), darf vom Disziplinarrat nur dann gefasst werden, wenn kein Verdacht eines ein Disziplinarvergehen begrÃ¼ndenden Verhaltens des angezeigten Rechtsanwalts im Sinn des Â§Â 28 AbsÂ 2 DSt vorliegt (RIS-Justiz RS0056969 und RS0057005; Engelhart/Hoffmann/Lehner/Rohregger/Vitek, RAO10 [2018] Â§Â 28 DSt RzÂ 9).
Vom â€“ eine Verfahrenseinstellung rechtfertigenden â€“ Fehlen eines solchen Verdachts ist (im Licht des Â§Â 212 ZÂ 2 StPO [iVm Â§Â 77 AbsÂ 3 DSt]) dann auszugehen, wenn das Tatsachensubstrat Grund zur Annahme bietet, dass seine Dringlichkeit und sein Gewicht nicht ausreichen, um eine Verurteilung des Angezeigten auch nur fÃ¼r mÃ¶glich zu halten, und von weiteren Ermittlungen eine Intensivierung des Verdachts nicht zu erwarten ist. Diese Beurteilung ist Sache der BeweiswÃ¼rdigung des nach Â§Â 28 DSt zu bildenden Senats, wogegen dem erkennenden Senat (Â§Â 30 DSt) die PrÃ¼fung vorbehalten bleibt, ob sich der Verdacht zum Schuldbeweis verdichtet hat (RIS-Justiz RS0056973 [T5]).
Zur Verdachtslage der Doppelvertretung (1/a bis 1/d):
Nach dem angefochtenen Beschluss liegen keine Anhaltspunkte fÃ¼r die Widerlegung der Darstellung des angezeigten Rechtsanwalts vor, wonach er mit dem verstorbenen Ernst K***** selbst keinen Kontakt gehabt, sondern die M.Â K***** KG im â€žTagesgeschÃ¤ftâ€œ und solcherart auÃŸerhalb gesellschaftsrechtlicher, wirtschaftsrechtlicher oder steuerlicher Belange betreut habe. Davon ausgehend verneinte der Disziplinarrat hinsichtlich der Beratung von Pflichtteilsberechtigten nach dem verstorbenen Ernst K*****, der Ãœbernahme eines Mandats von Peter K***** und der KlagsfÃ¼hrung gegen die Verlassenschaft nach Ernst K***** (bzw dessen Erben) sowohl die Gefahr der Verletzung einer Verschwiegenheitspflicht bezÃ¼glich einer von der frÃ¼heren Klientin M.Â K***** KG anvertrauten oder im Zuge deren Vertretung sonst erlangten Information (Â§Â 10 AbsÂ 1 ZÂ 1 RL-BAÂ 2015) als auch jene, dass Kenntnisse der Belange der frÃ¼heren Klientin dem neuen Klienten zu einem unlauteren Vorteil gereichen wÃ¼rden (Â§Â 10 AbsÂ 1 ZÂ 2 RL-BAÂ 2015), es zu einem Interessenkonflikt zwischen der M.Â K***** KG und Peter K***** kommen kÃ¶nnte (Â§Â 10 AbsÂ 1 ZÂ 3 RL-BAÂ 2015) oder die UnabhÃ¤ngigkeit des Angezeigten bei der MandatsausÃ¼bung auch nur gegenÃ¼ber einem Klienten nicht gesichert erscheine (Â§Â 10 AbsÂ 1 ZÂ 4 RL-BAÂ 2015).
Indizien fÃ¼r die Annahme der Befassung des Angezeigten mit persÃ¶nlichen Agenden des Verstorbenen Ernst K***** oder mit gesellschaftsrechtlichen, wirtschaftsrechtlichen oder steuerlichen Angelegenheiten der M.Â K***** KG werden von der Beschwerde nicht aufgezeigt.
Demzufolge stand die bis zur VollmachtsauflÃ¶sung am 6.Â AprilÂ 2018 andauernde Vertretung der M.Â K***** KG den zu 1/a bis 1/d dargestellten Vertretungshandlungen unter dem Aspekt allfÃ¤lliger Interessenkollision (Â§Â 10 RL-BAÂ 2015) nicht entgegen.
Die Argumentation, der angezeigte Rechtsanwalt kÃ¶nnte als â€žlangjÃ¤hriger Vertrauensanwaltâ€œ der M.Â K***** KG Einblick in â€žalle gesellschaftsrechtlichen und wirtschaftlichen Belangeâ€œ und solcherart auch â€žin GeschÃ¤fts- und Betriebsgeheimnisseâ€œ erhalten haben, weshalb â€žnicht auszuschlieÃŸenâ€œ sei, dass er â€ždiese Kenntnisse nunmehr zum Nachteil der Witwe des verstorbenen KomplementÃ¤rsâ€œ verwenden wÃ¼rde, entzieht sich als bloÃŸe Spekulation einer sachbezogenen Erwiderung.
Die Kritik, es sei der Anzeigerin die MÃ¶glichkeit verwehrt gewesen, zur Verantwortung des angezeigten Rechtsanwalts Stellung zu nehmen, Ã¼bersieht, dass Anzeigern kein Recht auf GehÃ¶r im Disziplinarverfahren zukommt (vgl RIS-Justiz RS0055570 sowie Engelhart/Hoffmann/Lehner/
Rohregger/Vitek, RAO10 [2018] Â§Â 47 DSt RzÂ 6), sondern sie nur Ã¼ber dessen Ergebnis (hier nach Â§Â 28 AbsÂ 3 letzter Satz DSt) zu verstÃ¤ndigen sind.
Zur Verdachtslage des Einsatzes unerlaubter Druckmittel (2):
BezÃ¼glich des Absehens von der Einleitung eines Disziplinarverfahrens betreffend den Vorwurf der DruckausÃ¼bung auf Andrea C***** und Sabine Ka***** erstattete die Beschwerde (trotz des den gesamten Beschluss umfassenden Aufhebungsantrags) kein Vorbringen. Solcherart zeigte sie insofern auch keine Anhaltspunkte fÃ¼r eine (schuldhafte) Verletzung von Standesvorschriften durch den angezeigten Rechtsanwalt auf.
Der Beschwerde des Kammeranwalts war daher insgesamt nicht zu folgen.