Document Number: JJT_20200622_OLG0459_0070BS00064_20S0000_000
ECLI: ECLI:AT:OLG0459:2020:0070BS00064.20S.0622.000
Case Number: 7Bs64/20s
Application Type: Justiz
Court: OLG Linz
Decision Date: 1592784000000
Word Count: 1705

Kopf
Das Oberlandesgericht Linz hat durch die Richterinnen Dr. GfÃ¶llner als Vorsitzende,
Dr. Ganglberger-Roitinger und Mag. Fischer, LL.B. in der Strafsache gegen G***** K***** und andere wegen Finanzvergehen der Abgabenhinterziehung nach Â§Â§ 11 dritter Fall, 33 Abs 2 lit a FinStrG und weiterer strafbarer Handlungen Ã¼ber die Beschwerde der Staatsanwaltschaft Salzburg gegen den Beschluss des Landesgerichtes Salzburg vom
17. MÃ¤rz 2020, 35 Hv 30/19b-35, in nichtÃ¶ffentlicher Sitzung entschieden:
Spruch
Der Beschwerde wird Folge gegeben, der angefochtene Beschluss aufgehoben und dem Landesgericht Salzburg die Fortsetzung des Hauptverfahrens aufgetragen.
Text
BegrÃ¼ndung:
Beim Landesgericht Salzburg behÃ¤ngt zu 35 Hv 30/19b ein Strafverfahren unter anderem gegen nachstehend genannte Personen wegen der Finanzvergehen der Abgabenhinter-ziehung nach Â§Â§ 11 dritter Fall, 33 Abs 1 und Abs 2 lit a, 13 Abs 1 FinStrG.
Nach den gegen die Angeklagten von der Staatsanwaltschaft Salzburg eingebrachten Anklageschriften haben sie jeweils als Bauherr vorsÃ¤tzlich durch Vereinbarung und Leistung von Schwarzzahlungen an die Ing. T***** W***** GmbH & Co KG dazu beigetragen, dass Ing. T***** W***** im Amtsbereich des Finanzamtes Salzburg-Land als fÃ¼r die abgabenrechtlichen Belange verantwortlicher handelsrechtlicher GeschÃ¤ftsfÃ¼hrer der ***** Ing. T***** W***** GmbH (*****) und als Kommanditist der ***** Ing. T***** W***** GmbH & Co KG (*****), jeweils mit Sitz in *****, *****, oder als fÃ¼r seine abgabenrechtlichen Belange Verantwortlicher des***** Einzelunternehmens vorsÃ¤tzlich unter Verletzung der Verpflichtung zur ordnungsgemÃ¤ÃŸen Abgabe von dem Â§ 21 UStG 1994 entsprechenden Voranmeldungen oder unter Verletzung einer abgabenrechtlichen Offenlegungs- und Wahrheitspflicht durch Abgabe einer unrichtigen Umsatz- bzw. EinkommensteuererklÃ¤rung Abgaben verkÃ¼rzt, nÃ¤mlich
1.Â G***** K***** im Jahr 2011 in ***** und andernorts durch Schwarzzahlung von insgesamt EUR 10.735,00 Umsatzsteuer fÃ¼r 05/2011 und 11/2011 in HÃ¶he von insgesamt EUR 1.789,16 (Anklageschrift vom 24. Oktober 2019, ON 11);
2.Â DI I***** F***** im Zeitraum 2011 bis 2012 in ***** und andernorts durch Schwarzzahlung von insgesamt EUR 49.000,00 Umsatzsteuer fÃ¼r 09/2011, 10/2011, 12/2011 und 03/2012 in HÃ¶he von insgesamt EUR 8.166,67 (Anklageschrift vom 24. Oktober 2019, ON 11 in ON 13);
3.Â M***** B***** zu nicht nÃ¤her bekannten Zeiten im Jahr 2009 in ***** ***** und andernorts durch Schwarzzahlung von insgesamt EUR 2.189,64 Umsatzsteuer und Einkommensteuer fÃ¼r das Jahr 2009 in HÃ¶he von insgesamt EURÂ 813,94 (Anklageschrift vom 24. Oktober 2019, ON 11 in ON 14);
4.Â C***** K***** zu nicht nÃ¤her bekannten Zeiten im Jahr 2009 in ***** ***** und andernorts durch Schwarzzahlung von insgesamt EUR 4.268,49 Umsatzsteuer und Einkommensteuer fÃ¼r das Jahr 2009 in HÃ¶he von insgesamt EURÂ 1.586,70 (Anklageschrift vom 24. Oktober 2019, ON 11 in ON 15);
5.Â M***** und J***** K***** gemeinsam als MittÃ¤ter zu nicht nÃ¤her bekannten Zeiten im Jahr 2011 in ***** und andernorts durch Schwarzzahlung von insgesamt EUR 16.240,00 Umsatzsteuer fÃ¼r das Jahr 2011 in HÃ¶he von EUR 2.706,67, wobei es beim Versuch geblieben sei (Anklageschrift vom 24. Oktober 2019, ON 12 in ON 16);
6.Â S***** L*****-K***** im Jahr 2012 in ***** durch Schwarzzahlung von zumindest EUR 5.010,00 Umsatzsteuer fÃ¼r 03/2012 in HÃ¶he von insgesamt EUR 835,00 (Anklageschrift vom 24. Oktober 2019, ON 11 in ON 17);
7.Â G***** S***** zu nicht nÃ¤her bekannten Zeiten im Jahr 2009 in ***** ***** und andernorts durch Schwarzzahlung von insgesamt EUR 3.394,90 Umsatzsteuer und Einkommensteuer fÃ¼r das Jahr 2009 in HÃ¶he von insgesamt EUR 1.121,63 (Anklageschrift vom 23. Oktober 2019, ON 11 in ON 18);
8.Â H***** S***** zu nicht nÃ¤her bekannten Zeiten im Jahr 2011 in ***** und andernorts durch Schwarzzahlung von insgesamt EUR 13.380,00 Umsatzsteuer fÃ¼r das Jahr 2011 in HÃ¶he von EUR 2.230,00, wobei es beim Versuch geblieben sei (Anklageschrift vom 24. Oktober 2019, ON 11 in ON 20);
9.Â I***** W***** im Jahr 2009 in ***** und andernorts durch Schwarzzahlung von insgesamt EUR 18.077,39 Umsatzsteuer fÃ¼r das Jahr 2009 in HÃ¶he von EUR 3.012,90 (Anklageschrift vom 24. Oktober 2019, ON 11 in ON 21);
10.Â W***** Z***** zu nicht nÃ¤her bekannten Zeiten im Jahr 2010 in ***** und andernorts durch Schwarzzahlung von insgesamt EUR 12.000,00 Umsatzsteuer und Einkommensteuer fÃ¼r das Jahr 2010 in HÃ¶he von insgesamt EUR 4.387,44, wobei es teilweise beim Versuch geblieben sei (Anklageschrift vom 24. Oktober 2019, ON 11 in ON 22);
11.Â B***** V***** zu nicht nÃ¤her bekannten Zeiten im Jahr 2010 in ***** ***** und andernorts durch Schwarzzahlung von insgesamt EUR 9.386,34 Umsatzsteuer und Einkommensteuer fÃ¼r das Jahr 2010 in HÃ¶he von insgesamt
EUR 3.496,24, wobei es teilweise beim Versuch geblieben sei (Anklageschrift vom
24. Oktober 2019, ON 11 in ON 23);
12.Â J***** und M***** S***** gemeinsam als MittÃ¤ter zu nicht nÃ¤her bekannten Zeiten im Jahr 2009 in ***** und andernorts durch Schwarzzahlung von insgesamt
EUR 15.721,88 Umsatzsteuer und Einkommensteuer fÃ¼r das Jahr 2009 in HÃ¶he von insgesamt EUR 5.844,19 (Anklageschrift vom 25. Oktober 2019, ON 12 in ON 24);
13.Â H***** L***** zu nicht nÃ¤her bekannten Zeiten im Jahr 2009 in ***** und andernorts durch Schwarzzahlung von insgesamt EUR 2.007,15 Umsatz-steuer und Einkommensteuer fÃ¼r das Jahr 2009 in HÃ¶he von insgesamt EUR 746,11 (Anklageschrift vom 25. Oktober 2019, ON 11 in ON 25);
14.Â H***** K***** zu nicht nÃ¤her bekannten Zeiten im Jahr 2009 in ***** und andernorts durch Schwarzzahlung von insgesamt EUR 11.047,85 Umsatzsteuer und Einkommensteuer fÃ¼r das Jahr 2009 in HÃ¶he von insgesamt EUR 4.106,75 (Anklageschrift vom 25. Oktober 2019, ON 11 in ON 26);
15.Â F***** J***** E***** zu nicht nÃ¤her bekannten Zeiten im Jahr 2009 in ***** und andernorts durch Schwarzzahlung von insgesamt EUR 6.452,15 Umsatzsteuer und Einkommensteuer fÃ¼r das Jahr 2009 in HÃ¶he von insgesamt EUR 2.398,42 (Anklage-schrift vom 25. Oktober 2019, ON 11 in ON 28);
16.Â N***** und D***** B***** gemeinsam als MittÃ¤ter im Jahr 2012 in ***** und andernorts durch Schwarzzahlung von EUR 10.000,00 Umsatzsteuer fÃ¼r 05/2012 in HÃ¶he von insgesamt EUR 1.666,67 (Anklageschrift vom 25. Oktober 2019, ON 12 in ON 29).
Mit dem angefochtenen Beschluss stellte das Erstgericht das Strafverfahren gegen oben genannte Angeklagte jeweils wegen geringfÃ¼gigen Verschuldens nach Â§ 25 Abs 1 FinStrG ein. Als schuldmildernd zu berÃ¼cksichtigen seien die untergeordnete Tatbeteiligung, die von den Angeklagten nicht zu vertretende lange Verfahrensdauer, das lange ZurÃ¼ckliegen der angeklagten Taten und seitherige Wohlverhalten der Angeklagten, die vollstÃ¤ndige Schadensgutmachung durch den unmittelbaren TÃ¤ter, die gestÃ¤ndige bzw. zumindest zur Wahrheitsfindung beitragende Einlassung der Angeklagten sowie deren bisheriger ordentliche Lebenswandel. Teilweise sei es auch beim Versuch geblieben. Angesichts des geringen strafbestimmenden Wertbetrages von EUR 746,11 bis EUR 8.166,67 sei zudem das Erfolgsunrecht (noch) gering.
Dagegen richtet sich die Beschwerde der Staatsanwaltschaft, mit der sie die ersatzlose Aufhebung des angefochtenen Beschlusses und die Anordnung der DurchfÃ¼hrung der Hauptverhandlung begehrt. Dies im Wesentlichen mit der BegrÃ¼ndung, dass die den Angeklagten zur Last liegenden VerkÃ¼rzungsbetrÃ¤ge jeweils deutlich Ã¼ber der â€“ auch hier maÃŸgeblichen â€“ GeringfÃ¼gigkeitsgrenze bei VermÃ¶gensdelikten liegen und daher keine unbedeutenden Folgen im Sinne des Â§ 25 Abs 1 FinStrG darstellen wÃ¼rden (ON 36).
Die Angeklagten K*****, K*****, L*****-K***** (nunmehr K*****-L*****), W*****, Z*****, S***** und K***** erstatteten GegenausfÃ¼hrung.
Die Beschwerde ist berechtigt.
Rechtliche Beurteilung
Vorweg ist klarzustellen, dass die Bestimmung Ã¼ber das Absehen von der Strafe nach Â§ 25 Abs 1 erster Satz FinStrG ausschlieÃŸlich den verwaltungsbehÃ¶rdlichen Kompetenzbereich betrifft. Im gerichtlichen Finanzstrafverfahren gelangt die Bestimmung Ã¼ber die Einstellung wegen GeringfÃ¼gigkeit nach Â§ 191 StPO zur Anwendung. Dies auch dann, wenn sich die ZustÃ¤ndigkeit des Gerichtes â€“ so wie hier â€“ ausschlieÃŸlich auf Â§ 53 Abs 4 FinStrG grÃ¼ndet (vgl. LÃ¤ssig in HÃ¶pfel/Ratz, WKÂ² FinStrG Â§ 25 Rz 1; Winkler in Tannert/Kotschnigg, FinStrG
Â§ 25 Rz 9, 15; Kalcher in Reger/Judmaier/Kalcher/Kuroki, FinStrG4 Bd. II Â§ 25 Rz 36; 14 Os 136/92, 9 Os 58/84, 11 Os 37/83, 9 Os 34/83, 12 Os 26/83 zu den durch Â§ 191 StPO ersetzenden Â§ 42 StGB [BGBl I Nr. 93/2007]).
GemÃ¤ÃŸ Â§Â 191 Abs 1 StPO iVm Â§ 195 Abs 1, 203 FinStrG hat die Staatsanwaltschaft von der Verfolgung einer nur mit Geldstrafe und/oder einer drei Jahre nicht Ã¼bersteigenden Freiheitsstrafe bedrohten Finanzstraftat abzusehen und das Ermittlungsverfahren einzustellen, wenn in AbwÃ¤gung der Schuld, der Folgen der Tat und des Verhaltens des Beschuldigten nach der Tat, insbesondere im Hinblick auf eine allfÃ¤llige Schadensgut-machung, sowie weiterer UmstÃ¤nde, die auf die Strafbemessung Einfluss hÃ¤tten, der StÃ¶rwert der Tat als gering anzusehen wÃ¤re und eine Bestrafung nicht geboten erscheint, um den Beschuldigten von der Begehung strafbarer Handlungen abzuhalten oder der Begehung strafbarer Handlungen durch andere entgegenzuwirken. Nach AbsÂ 2 leg cit hat das Gericht unter denselben Voraussetzungen das Verfahren bis zum Schluss der Hauptverhandlung mit Beschluss einzustellen.
Unter â€žStÃ¶rwert der Tatâ€œ werden alle konkreten Tatauswirkungen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit verstanden, somit auch Art, AusmaÃŸ und Wichtigkeit aller effektiven Nachteile sowohl fÃ¼r den betroffenen Einzelnen als auch fÃ¼r die Gesellschaft im Ganzen (vgl. Schroll in Fuchs/Ratz, WK StPO Â§ 191 Rz 31). Die Frage der unbedeutenden Folgen darf daher nicht ausschlieÃŸlich nach den Folgen des Finanzvergehens, die beim TÃ¤ter eingetreten sind, beurteilt werden, sondern es sind dabei auch alle anderen steuerlichen Folgen und typische BegleitschÃ¤den zu berÃ¼cksichtigen (vgl. Kalcher, aaO Â§ 25 Rz 6).
Wie von der Staatsanwaltschaft zutreffend aufgezeigt kann sich die Beurteilung, was unter unbedeutenden Folgen zu verstehen ist, im Finanzstrafrecht nicht wesentlich von den fÃ¼r VermÃ¶gensdelikte entwickelten Kriterien entfernen (vgl. RIS-Justiz RS0086370). Danach hat sich eine Obergrenze von rund EUR 100,00 etabliert (vgl. Salimi in HÃ¶pfel/Ratz, WKÂ² StGB
Â§ 141 Rz 21; RIS-Justiz RS0120079).
Ausgehend davon und unter BerÃ¼cksichtigung des mit einer Abgabenhinterziehung (gerade) im Baugewerbe verbundenen sozialen StÃ¶rwerts kÃ¶nnen die Folgen der hier zu bewertenden Taten entgegen der Ansicht des Erstgerichtes nicht (mehr) als unbedeutend bezeichnet werden.
Neben den Erfordernissen des geringen StÃ¶rwerts der Tat setzt das GeringfÃ¼gigkeitskorrektiv nach Â§ 191 StPO zudem voraus, dass eine Bestrafung weder aus spezial- noch generalprÃ¤ventiven GrÃ¼nden geboten erscheint. Eine Verfahrenseinstellung ist daher unzulÃ¤ssig, wenn das Unterbleiben einer Bestrafung in anderen Abgabepflichtigen die Neigung zu gleichartigen oder anderen Delikten verstÃ¤rken kÃ¶nnte; wenn sie also geeignet ist, das Finanzvergehen hinsichtlich der zu erwartenden Folgen zu bagatellisieren und damit die allgemein abschreckende Wirkung der im Gesetz erwÃ¤hnten Strafdrohung zu paralysieren (vgl. Kalcher, aaO Â§ 25 Rz 40). Gerade bei sogenannten â€žMassendeliktenâ€œ, worunter auch Finanzvergehen zu zÃ¤hlen sind, sieht die Rechtsprechung die Bestrafung als generalprÃ¤ventive Notwendigkeit (vgl. Winkler, aaO Â§ 25 Rz 47).
Dass es sich bei Schwarzzahlungen an Bauunternehmen um keine EinzelfÃ¤lle handelt, zeigt bereits die Anzahl der angeklagten â€“ teils bereits rechtskrÃ¤ftig verurteilten â€“ Bauherren in gegenstÃ¤ndlichem Verfahrenskomplex rund um die Ing. T***** W***** GmbH & Co KG, weshalb einer Verfahrenseinstellung nach Â§ 191 StPO auch generalprÃ¤ventive GrÃ¼nde entgegenstehen.
Rechtsmittelbelehrung:
Gegen diese Entscheidung steht ein weiterer Rechtszug nicht zu (Â§ 89 Abs 6 StPO).