Document Number: JJT_20201111_OGH0002_0140OS00091_20V0000_000
ECLI: ECLI:AT:OGH0002:2020:0140OS00091.20V.1111.000
Case Number: 14Os91/20v
Application Type: Justiz
Court: OGH
Decision Date: 1605052800000
Word Count: 682

Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat am 11.Â NovemberÂ 2020 durch die SenatsprÃ¤sidentin des Obersten Gerichtshofs Mag.Â Hetlinger als Vorsitzende, die HofrÃ¤tin des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Bachner-Foregger, den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Nordmeyer, die HofrÃ¤tin des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Setz-Hummel sowie den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Haslwanter in der Strafsache gegen Dr.Â ***** K***** und andere Angeklagte wegen des Verbrechens der Untreue nach Â§Â 153 AbsÂ 1 und 3 zweiter Fall StGB, AZÂ 64Â HvÂ 101/15x des Landesgerichts Klagenfurt, Ã¼ber den Antrag des ***** O***** auf Erneuerung des Strafverfahrens gemÃ¤ÃŸ Â§Â 363a AbsÂ 1 StPO nach AnhÃ¶rung der Generalprokuratur gemÃ¤ÃŸ Â§Â 62 AbsÂ 1 zweiter Satz OGH-GeoÂ 2019 den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Antrag wird zurÃ¼ckgewiesen.
Text
GrÃ¼nde:
***** O***** wurde mit Urteil des Landesgerichts Klagenfurt vom 3.Â NovemberÂ 2016, GZÂ 64Â HvÂ 101/15x-433, (rechtskrÃ¤ftig mit 4.Â MÃ¤rzÂ 2019) freigesprochen (vgl zum Anklagevorwurf 12Â OsÂ 86/17i).
Er beantragte gemÃ¤ÃŸ Â§Â 393a AbsÂ 4 StPO, ihm einen Beitrag zu den Kosten der Verteidigung zu leisten, und zwar in HÃ¶he von 115.178,84Â Euro zu den Barauslagen und von 480.925,17Â Euro zu den Kosten des Verteidigers (ONÂ 490).
Mit Beschluss vom 30.Â OktoberÂ 2019 (ONÂ 511) verpflichtete das Landesgericht Klagenfurt den Bund zu einem Kostenbeitrag von 110.457,60Â Euro (darin enthalten 105.457,60Â Euro Beitrag zu den Barauslagen).
Der dagegen gerichteten Beschwerde des O***** gab das Oberlandesgericht Graz als Beschwerdegericht mit Beschluss vom 4.Â MÃ¤rzÂ 2020, AZÂ 10Â BsÂ 386/19v (ONÂ 525), nicht Folge.
Rechtliche Beurteilung
Nunmehr beantragt O***** gemÃ¤ÃŸ Â§Â 363a StPO die Erneuerung des zuvor bezeichneten Beschwerdeverfahrens wegen behaupteter Verletzung mehrerer Grundrechte (nominell ArtÂ 6 AbsÂ 3 litÂ c MRK, ArtÂ 1 1.Â ZPMRK [jeweils teils iVm ArtÂ 14 MRK] sowie ArtÂ 17, 21 und 47 GRC) durch die Beschwerdeentscheidung.
Der Antrag vermag nicht schlÃ¼ssig darzulegen, wie der Antragsteller durch die kritisierte Entscheidung in seinem von ArtÂ 6 AbsÂ 3 litÂ c MRK garantierten Recht tangiert worden sei, war er doch im oben bezeichneten Verfahren vor dem Landesgericht Klagenfurt (bis zu dessen rechtskrÃ¤ftiger Beendigung) durchgehend von einem Verteidiger seiner Wahl vertreten. Dass er (erfolglos) einen Antrag auf Beigebung eines Verfahrenshilfeverteidigers gestellt habe, behauptet er nicht.
Im Ãœbrigen gewÃ¤hrt ArtÂ 6 AbsÂ 3 litÂ c MRK keinen Anspruch auf (vollen) Ersatz der von einem (rechtskrÃ¤ftig) Freigesprochenen aufgewendeten Verteidigerkosten (vgl EGMR 1.Â 4.Â 2004, 69169/01, ReinmÃ¼ller/Ã–sterreich; 26.Â 1.Â 1999, 38087/97, Hibbert/Niederlande; 26.Â 3.Â 1996, 17314/90, Leutscher/Niederlande; VfSlgÂ 20.156; Peukert in Frowein/Peukert, EMRK3 ArtÂ 6 RzÂ 272).
Ebenso wenig schlÃ¼ssig wird ein Eingriff, geschweige denn eine Verletzung in ArtÂ 1 1.Â ZPMRK dargetan. In Ermangelung eines anderen staatlichen Eingriffs kÃ¤me vorliegend â€“ unter Zugrundelegung des autonom auszulegenden Eigentumsbegriffs (vgl Grabenwarter/Pabel, EMRK6 Â§Â 25 RzÂ 3; Meyer-Ladewig/von Raumer in Meyer-Ladewig/Nettesheim/von Raumer [Hrsg], EMRK4 ArtÂ 1 1.Â ZP RzÂ 9; Kriebaum, IntKomm EMRK ArtÂ 1 1.Â ZP RzÂ 14) â€“ lediglich ein Eingriff in eine Forderung (hier: einen Ersatzanspruch gegen den Bund), auf deren Bestehen der Antragsteller legitimerweise hÃ¤tte vertrauen kÃ¶nnen, in Betracht. Voraussetzung fÃ¼r eine solcherart grundrechtlich geschÃ¼tzte Rechtsposition wÃ¤re jedoch ein nach geschriebenem staatlichen Recht oder gesicherter Rechtsprechung existierender, durchsetzbarer Anspruch (nÃ¤her dazu [jeweils mit Verweisen auf die Rechtsprechung des EGMR] Grabenwarter/Pabel, EMRK6 Â§Â 25 RzÂ 3 und 6; Meyer-Ladewig/von Raumer in Meyer-Ladewig/Nettesheim/von Raumer [Hrsg], EMRK4 ArtÂ 1 1.Â ZP RzÂ 12Â f und 17; Kriebaum, IntKomm EMRK ArtÂ 1 1.Â ZP RzÂ 59, 70, 73, 75 und 77), den der Antragsteller jedoch gerade nicht behauptet. Vielmehr beklagt er die Verfassungswidrigkeit der vom Beschwerdegericht â€“ im Ãœbrigen auch im Einklang mit oberstgerichtlicher Rechtsprechung (RIS-Justiz RS0101439) und Kommentarliteratur (Lendl, WK-StPO Â§Â 393a RzÂ 5) â€“ angewendeten Gesetzesbestimmung (Â§Â 393a StPO).
Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem zu ArtÂ 14 MRK erstatteten Vorbringen erÃ¼brigt sich, weil der Antragsteller insoweit den Instanzenzug â€“ mangels inhaltlich entsprechenden Vorbringens in der Beschwerde gegen den erstinstanzlichen Beschluss â€“ nicht (horizontal) erschÃ¶pft hat (RIS-Justiz RS0122737 [T13]). Im Ãœbrigen handelt es sich dabei bloÃŸ um ein akzessorisches Grundrecht, dessen Anwendung voraussetzt, dass der einer mÃ¶glichen Diskriminierung zugrunde liegende Sachverhalt in den Regelungsbereich eines Konventionsrechts fÃ¤llt (Grabenwarter/Pabel, EMRK6 Â§Â 26 RzÂ 4; Meyer-Ladewig/Lehner in Meyer-Ladewig/Nettesheim/von Raumer [Hrsg], EMRK4 ArtÂ 14 RzÂ 5).
AuÃŸerhalb der MRK und ihrer Zusatzprotokolle normierte Grundrechte bilden seit der zu AZÂ 13Â OsÂ 49/16d ergangenen Entscheidung eines verstÃ¤rkten Senats keinen PrÃ¼fungsmaÃŸstab eines auf Â§Â 363a StPO gestÃ¼tzten Antrags (RIS-Justiz RS0132365), weshalb sich eine Antwort auf die AusfÃ¼hrungen zu solchen Grundrechten (insbesondere der GRC) erÃ¼brigt.
Zu einem â€“ vom Antragsteller angeregten (vgl RIS-Justiz RS0130514) â€“ Vorgehen nach ArtÂ 89 AbsÂ 2 B-VG sah sich der Oberste Gerichtshof schon mit Blick auf die einschlÃ¤gige Rechtsprechung des Verfassungsgerichtshofs (VfSlgÂ 20.156; vgl auch VfSlgÂ 13.455) nicht veranlasst.
Der Erneuerungsantrag war daher â€“ in Ãœbereinstimmung mit der Stellungnahme der Generalprokuratur â€“ bei der nichtÃ¶ffentlichen Beratung zurÃ¼ckzuweisen (Â§Â 363b AbsÂ 2 StPO).