Document Number: JJT_20200507_OGH0002_0130OS00034_20D0000_000
ECLI: ECLI:AT:OGH0002:2020:0130OS00034.20D.0507.000
Case Number: 13Os34/20d
Application Type: Justiz
Court: OGH
Decision Date: 1588809600000
Word Count: 1055

Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat am 7.Â MaiÂ 2020 durch den SenatsprÃ¤sidenten des Obersten Gerichtshofs Prof.Â Dr.Â LÃ¤ssig als Vorsitzenden sowie die HofrÃ¤te und die HofrÃ¤tinnen des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Nordmeyer, Mag.Â Michel, Dr.Â Oberressl und Dr.Â Brenner in der Strafsache gegen Idriz M***** und einen anderen Angeklagten wegen Verbrechen des Raubes nach Â§Â§Â 15, 142 AbsÂ 1 StGB Ã¼ber die Nichtigkeitsbeschwerden und die Berufungen der Angeklagten Idriz M***** und Qendrim M***** gegen das Urteil des Landesgerichts Salzburg als SchÃ¶ffengericht vom 17.Â SeptemberÂ 2019, GZÂ 40Â HvÂ 84/19f-39, sowie die Beschwerde des Angeklagten Idriz M***** gegen den zugleich ergangenen Beschluss auf VerlÃ¤ngerung einer Probezeit nach AnhÃ¶rung der Generalprokuratur nichtÃ¶ffentlich (Â§Â 62 AbsÂ 1 zweiter Satz OGH-GeoÂ 2019) den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Nichtigkeitsbeschwerden werden zurÃ¼ckgewiesen.
Zur Entscheidung Ã¼ber die Berufungen und die Beschwerde werden die Akten dem Oberlandesgericht Linz zugeleitet.
Den Angeklagten fallen auch die Kosten des bisherigen Rechtsmittelverfahrens zur Last.
Text
GrÃ¼nde:
Mit dem angefochtenen Urteil wurden Idriz M***** und Qendrim M***** jeweils des Verbrechens des Raubes nach Â§Â§Â 15, 142 AbsÂ 1 StGB schuldig erkannt.
Danach haben am 4.Â OktoberÂ 2018 in S*****
(I)Â Qendrim M***** im einverstÃ¤ndlichen Zusammenwirken (Â§Â 12 erster Fall StGB) mit einem Unbekannten V***** und C***** mit Gewalt gegen deren Person fremde bewegliche Sachen mit auf unrechtmÃ¤ÃŸige Bereicherung gerichtetem Vorsatz wegzunehmen oder abzunÃ¶tigen versucht, indem der eine V*****, nachdem diese ihre WohnungstÃ¼r geÃ¶ffnet hatte, am Nacken packte, ihr eine Hand auf den Mund drÃ¼ckte und sie in die Wohnung schob, wodurch sie zu Boden fiel, und der andere C***** anzugreifen trachtete, wobei es infolge dessen Gegenwehr beim Versuch blieb, sowie
(II)Â Idriz M***** mit auf unrechtmÃ¤ÃŸige Bereicherung gerichtetem Vorsatz (USÂ 7) zur strafbaren Handlung der unmittelbaren TÃ¤ter (I) beigetragen (Â§Â 12 dritter Fall), indem er den Abend zuvor mit C***** und V***** verbrachte, mit ihnen in deren Wohnung alkoholische GetrÃ¤nke konsumierte, wÃ¤hrenddessen mehrmals Qendrim M***** telefonisch Hinweise fÃ¼r die spÃ¤tere TatausfÃ¼hrung gab und schlieÃŸlich, nachdem er die Wohnung bereits verlassen hatte, noch zweimal die TÃ¼rglocke betÃ¤tigte und sich jeweils fÃ¼r den Abend bedankte, sodass V***** den nachfolgend (um etwa 3:00Â Uhr) anlÃ¤utenden unmittelbaren TÃ¤tern ohne VorsichtsmaÃŸnahmen zu ergreifen die WohnungstÃ¼r Ã¶ffnete.
Rechtliche Beurteilung
Dagegen richten sich die von Idriz M***** auf ZÂ 5, von Qendrim M***** auf ZÂ 5, 5a und 8 jeweils des Â§Â 281 AbsÂ 1 StPO gestÃ¼tzten Nichtigkeitsbeschwerden der beiden Angeklagten.
Zur Nichtigkeitsbeschwerde des Idriz M*****:
Das SchÃ¶ffengericht ging anhand des Ergebnisses einer RufdatenrÃ¼ckerfassung von einer Vielzahl telefonischer Kontakte des Idriz M***** mit seinem Bruder Qendrim M***** im Zeitraum von 3.Â OktoberÂ 2018, 21:54Â Uhr, bis 4.Â OktoberÂ 2018, 3:29Â Uhr, aus (USÂ 4 bisÂ 6).
Ob ihm Idriz M***** just â€žim ersten Telefonat um 21:54Â Uhrâ€œ â€“ somit noch bevor C***** diesen â€žkurz nach Mitternachtâ€œ zu sich nach Hause einlud (um den gemeinsam verbrachten Abend â€žausklingen zu lassenâ€œ [USÂ 4])Â â€“ â€ždie Ã–rtlichkeitâ€œ (nÃ¤mlich die ihm schon von frÃ¼heren Besuchen bekannte [USÂ 4] Wohnung des C***** und der V*****) â€žnÃ¤her beschriebâ€œ (USÂ 14), ist weder fÃ¼r die Schuld- noch fÃ¼r die Subsumtionsfrage bedeutsam, somit nicht entscheidend.
Darauf bezogene EinwÃ¤nde (aus ZÂ 5 dritter Fall) verfehlen daher von vornherein den Bezugspunkt der unternommenen Anfechtung (RIS-Justiz RS0106268).
Die TÃ¤terschaft des Qendrim M***** ist zwar (nur) fÃ¼r dessen Schuldspruch entscheidend, fÃ¼r die Annahme jener des Idriz M***** ist sie jedoch fallkonkret erheblich (vgl USÂ 9 bis 15; zum Begriff Ratz, WK-StPO Â§Â 281 RzÂ 409).
Soweit sie (gestÃ¼tzt auf ZÂ 5 zweiter Fall) die Feststellung dieses Tatumstands (USÂ 5) bekÃ¤mpft, versÃ¤umt es die RÃ¼ge aber prozessordnungswidrig (RIS-Justiz RS0119370), an der Gesamtheit der diesbezÃ¼glichen UrteilserwÃ¤gungen (USÂ 9 bis 15) MaÃŸ zu nehmen.
Im Ãœbrigen sind (losgelÃ¶st vom Akteninhalt aufgestellte) Beschwerdebehauptungen zum â€žtatsÃ¤chlichen Erscheinungsbildâ€œ des Qendrim M***** (â€ž185Â cmâ€œ, â€ž95Â kgâ€œ, Statur â€žkrÃ¤ftigâ€œ) kein in der Hauptverhandlung vorgekommenes (Â§Â 258 AbsÂ 1 StPO) Beweisergebnis, das in einem erÃ¶rterungsbedÃ¼rftigen (ZÂ 5 zweiter Fall) Widerspruch zu einer â€žTÃ¤terbeschreibungâ€œ stehen kÃ¶nnte, die C***** bei der Anzeigenerstattung gab (ONÂ 2 SÂ 81 [iVm ONÂ 38 SÂ 32]: â€žzwischen 175 und 180Â cmâ€œ, â€žnormale Staturâ€œ). Im Rechtsmittel relevierte Angaben des Qendrim M*****, dieser habe im Rahmen seiner â€žBeschÃ¤ftigung im Umzugsunternehmen des Erstangeklagtenâ€œ â€žbis zu 400Â kg schwere Klaviere zu transportierenâ€œ (ONÂ 38 SÂ 15), stellen jedenfalls keinen derartigen Widerspruch her.
Ebenso wenig steht die â€“ zudem ohne konkreten Aktenbezug (siehe aber RIS-Justiz RS0124172 [T5]) â€“ als Ã¼bergangen (ZÂ 5 zweiter Fall) reklamierte Aussage der V*****, sie habe, als sie am 3.Â OktoberÂ 2018 um etwa 23:40Â Uhr nachhause gekommen sei, einen â€žMann mit Kapuzeâ€œ gesehen, der sich in der StraÃŸe gegenÃ¼ber ihrem Wohnhaus auf einen Stuhl gesetzt habe (ONÂ 2 SÂ 49 iVm ONÂ 38 SÂ 26), (irgend-)einer Feststellung Ã¼ber eine entscheidende Tatsache erÃ¶rterungsbedÃ¼rftig entgegen.
Die Kritik an der Beurteilung der Einlassung des BeschwerdefÃ¼hrers (zu den GrÃ¼nden fÃ¼r seine mehrmalige Kontaktaufnahme mit Qendrim M***** in der Tatnacht und nachfolgende LÃ¶schung der betreffenden Telefonate â€žaus der Anruflisteâ€œ) als unglaubhaft (USÂ 12Â ff) erschÃ¶pft sich in einem Angriff auf die tatrichterliche BeweiswÃ¼rdigung (Â§Â 258 AbsÂ 2 StPO) nach Art einer â€“ im kollegialgerichtlichen Verfahren nicht vorgesehenen (Â§Â 283 AbsÂ 1 StPO) â€“ Berufung wegen des Ausspruchs Ã¼ber die Schuld.
Zur Nichtigkeitsbeschwerde des Qendrim M*****:
Die MÃ¤ngelrÃ¼ge behauptet einen unerÃ¶rtert gebliebenen â€žoffenbaren Widerspruchâ€œ zwischen â€žder TÃ¤terbeschreibung und dem tatsÃ¤chlichen Erscheinungsbildâ€œ des BeschwerdefÃ¼hrers (nominell ZÂ 5 zweiter und fÃ¼nfter Fall) und vermeint, die Annahme telefonischen Austauschs â€žÃ¼ber den ganzen Abend hinwegâ€œ stehe in â€žkrassem Widerspruchâ€œ (ZÂ 5 dritter Fall) zur Feststellung, C***** habe Idriz M***** â€žerst kurz nach Mitternachtâ€œ in seine Wohnung eingeladen. Insoweit sei auf die Erledigung der â€“ gleichgerichteten â€“ EinwÃ¤nde des Idriz M***** verwiesen.
Aus ZÂ 5a und ZÂ 8 rÃ¼gt die Beschwerde, das SchÃ¶ffengericht habe anstelle des in der Anklageschrift genannten und â€žim ganzen Strafverfahrenâ€œ â€žnie in Zweifel gezogene[n]â€œ Tatzeitpunkts â€“ â€žgegen 3:30Â Uhrâ€œ â€“ â€žunangekÃ¼ndigtâ€œ â€žetwa 3:00Â Uhrâ€œ als Tatzeit konstatiert und damit gegen das aus ArtÂ 6 AbsÂ 3 litÂ a und b MRK abzuleitende Ãœberraschungsverbot verstoÃŸen.
Ein geÃ¤nderter rechtlicher Gesichtspunkt, der â€“ aus ZÂ 8 relevant â€“ im Sinn des Â§Â 262 StPO eine AnhÃ¶rung der Beteiligten des Verfahrens erfordert hÃ¤tte (RIS-Justiz RS0121419 [insbesondere T14], RS0113755; Ratz, WK-StPO Â§Â 281 RzÂ 545), steht damit jedoch nicht in Rede.
Unter dem Aspekt der ZÂ 5a wiederum gilt das Ãœberraschungsverbot nur in Betreff von Feststellungen zu entscheidenden Tatsachen (Ratz, WK-StPO Â§Â 281 RzÂ 480, 492; vgl RIS-Justiz RS0120025, jÃ¼ngst 12Â OsÂ 114/19k). Entscheidend (RIS-Justiz RS0106268 [T7]) aber ist die Tatzeit â€“ hier wie auch in der Regel (vgl RIS-Justiz RS0098557) â€“ keineswegs. Das Erfordernis welcher konkreten (nicht von Amts wegen vorgenommenen) Beweisaufnahme â€žzu einem Alibi um 3:00Â Uhrâ€œ, die zu beantragen er durch die â€žunangekÃ¼ndigte Ã„nderung des Tatzeitpunktsâ€œ gehindert gewesen sein will, sich aus den Akten (ZÂ 5a) ergeben sollte, lÃ¤sst die Beschwerde offen.
Die Nichtigkeitsbeschwerden waren daher schon bei der nichtÃ¶ffentlichen Beratung sofort zurÃ¼ckzuweisen (Â§Â 285d AbsÂ 1 StPO). Daraus folgt die ZustÃ¤ndigkeit des Oberlandesgerichts zur Erledigung der Berufungen und der (impliziten) Beschwerde (Â§Â§Â 285i, 498 AbsÂ 3 StPO).
Der Kostenausspruch beruht auf Â§Â 390a AbsÂ 1 StPO.