Document Number: JWT_2019010472_20200312L00
ECLI: ECLI:AT:VWGH:2020:RA2019010472.L00
Case Number: Ra 2019/01/0472
Application Type: Vwgh
Court: Verwaltungsgerichtshof (VwGH)
Decision Date: 1583971200000
Word Count: 2195

Spruch
Das angefochtene Erkenntnis wird wegen Rechtswidrigkeit seines Inhaltes aufgehoben.
BegrÃ¼ndung
Vorgeschichte
1 Der Mitbeteiligte, ein StaatsangehÃ¶riger Afghanistans, brachte am 4.Â JuliÂ 2015 nach illegaler Einreise in das Ã¶sterreichische Bundesgebiet den vorliegenden Antrag auf internationalen Schutz ein. Als Fluchtgrund brachte der Mitbeteiligte vor, sein Vater habe, als der Mitbeteiligte neunÂ Jahre alt gewesen sei, den Bruder eines einflussreichen, nÃ¤her bezeichneten Politikers in Afghanistan getÃ¶tet. Deshalb befÃ¼rchte der Mitbeteiligte nunmehr bei seiner RÃ¼ckkehr nach Afghanistan Blutrache. Nach diesem Ereignis sei der Mitbeteiligte zwÃ¶lfÂ Jahre illegal im Iran gewesen und viermal nach Afghanistan abgeschoben worden.
2 Mit Bescheid des Bundesamtes fÃ¼r Fremdenwesen und Asyl (BFA) vom 13.Â MÃ¤rzÂ 2017 wurde dieser Antrag hinsichtlich der Zuerkennung des Status des Asylberechtigten gemÃ¤ÃŸ Â§Â 3 Abs.Â 1 iVm Â§Â 12 Abs.Â 1 ZÂ 13 AsylGÂ 2005 (AsylGÂ 2005) abgewiesen (I.) und dem Mitbeteiligten gemÃ¤ÃŸ Â§Â 8 Abs.Â 1 AsylGÂ 2005 der Status der subsidiÃ¤r Schutzberechtigten zuerkannt (II.) und ihm eine befristete Aufenthaltsberechtigung erteilt (III.).
3 BegrÃ¼ndend fÃ¼hrte das BFA zur Nichtzuerkennung des Status des Asylberechtigten aus, der Mitbeteiligte habe ein asylrelevantes Vorbringen nicht glaubhaft gemacht. BeweiswÃ¼rdigend fÃ¼hrte das BFA im Wesentlichen aus, das gesamte Vorbringen des Mitbeteiligten stÃ¼tze sich auf ErzÃ¤hlungen der Mutter. Der Mitbeteiligte habe jede Bedrohung gegen ihn oder seine Familie nach ihrer Ausreise in den Iran verneint. Die Ereignisse, welche der Mitbeteiligte vorbringe, lÃ¤gen bereits Jahre zurÃ¼ck und seien somit nicht aktuell und gegenwÃ¤rtig. Den Iran habe der Mitbeteiligte verlassen, weil er dort illegal aufhÃ¤ltig gewesen sei und mehrmals von den iranischen BehÃ¶rden nach Afghanistan abgeschoben worden sei. Das Vorbringen sei in Teilbereichen nicht glaubhaft und kÃ¶nne selbst bei hypothetischer Unterstellung keine Asylrelevanz erreichen.
Angefochtenes Erkenntnis
4 Mit dem angefochtenen Erkenntnis wurde der Beschwerde des Mitbeteiligten gegen die Abweisung seines Antrages hinsichtlich der Zuerkennung des Status des Asylberechtigten stattgegeben und dem Mitbeteiligten gemÃ¤ÃŸ Â§Â 3 Abs.Â 1 AsylGÂ 2005 der Status des Asylberechtigten zuerkannt (A.I.) und gemÃ¤ÃŸ Â§Â 3 Abs.Â 5 AsylGÂ 2005 festgestellt, dass die Mitbeteiligten damit kraft Gesetzes die FlÃ¼chtlingseigenschaft zukommt (A.II.). Die ordentliche Revision wurde fÃ¼r nicht zulÃ¤ssig erklÃ¤rt (B).
5 BegrÃ¼ndend stellte das Verwaltungsgericht das Fluchtvorbringen des Mitbeteiligten fest. BeweiswÃ¼rdigend fÃ¼hrte das Verwaltungsgericht aus, der Mitbeteiligte habe in der Verhandlung angespannt und gehemmt gewirkt und eine stark herabgesetzte geistige LeistungsfÃ¤higkeit gezeigt. Trotz dieser "geringen Intelligenz" habe er bei allen Einvernahmen die fluchtauslÃ¶senden Ereignisse, die er altersbedingt nur indirekt von seiner Mutter erfahren habe, vÃ¶llig gleichbleibend und schlÃ¼ssig geschildert und habe das "vergleichsweise geringe BeweiskalkÃ¼l der Glaubhaftmachung" zu der Tatsache erfÃ¼llen kÃ¶nnen, dass er in Afghanistan durch eine einflussreiche Familie mit Blutrache bedroht werde. Seine Angaben zum nÃ¤her bezeichneten Polizeibeamten und Politiker in Afghanistan stimmten mit den notorischen Tatsachen zu diesem Politiker Ã¼berein (Verweis auf mehrere Internetseiten). Zwischenfragen seien spontan und Ã¼berzeugend beantwortet worden. Sodann fÃ¼hrte das Verwaltungsgericht aus:
"Die Wahrscheinlichkeit, dass die beschwerdefÃ¼hrende Partei bloÃŸ ein -Â etwa von seiner MutterÂ - erfundenes und von ihm eingelerntes Vorbringen zum Zweck der Erlangung eines Daueraufenthaltsrechtes in Ã–sterreich prÃ¤sentierte, liegt unter 50%."
6 In rechtlicher Hinsicht fÃ¼hrte das Verwaltungsgericht aus, der Mitbeteiligte sei in Afghanistan der Blutrache einer einflussreichen Familie ausgesetzt; ihm drohe daher Verfolgung aus GrÃ¼nden der ZugehÃ¶rigkeit zur sozialen Gruppe seiner Familie. Gegen die Bedrohung in seiner Heimatprovinz stehe dem Mitbeteiligten keine zumutbare innerstaatliche Fluchtalternative zur VerfÃ¼gung.
7 Gegen dieses Erkenntnis richtet sich die vorliegende Amtsrevision des BFA.
8 Der Mitbeteiligte erstattete eine Revisionsbeantwortung. ZulÃ¤ssigkeit
9 Die Amtsrevision bringt zu ihrer ZulÃ¤ssigkeit vor, nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes sei eine Verfolgungsgefahr im Sinne des Â§Â 3 Abs.Â 1 AsylGÂ 2005 dann glaubhaft, wenn eine Verfolgung mit einer maÃŸgeblichen Wahrscheinlichkeit drohe, die entfernte MÃ¶glichkeit einer Verfolgung genÃ¼ge nicht (Verweis auf nÃ¤her bezeichnete Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes). Der Revisionsfall biete dem Verwaltungsgerichtshof die Gelegenheit, ausdrÃ¼cklich zur Frage Stellung zu nehmen, welches BeweismaÃŸ bei der Feststellung des einer Asylentscheidung zugrundeliegenden Sachverhalts heranzuziehen ist.
10 Vorliegend habe das Verwaltungsgericht seiner BeweiswÃ¼rdigung zugrundegelegt, dass fÃ¼r die Glaubhaftmachung einer Tatsache der Ãœberzeugungsgrad des Gerichtes bzw.Â der BehÃ¶rde bei einer Wahrscheinlichkeit von Ã¼ber 50Â % liegen mÃ¼sse. Konkret lege das Verwaltungsgericht seine Entscheidung zugrunde, dass die Wahrscheinlichkeit dafÃ¼r, dass das Vorbringen des Mitbeteiligten erfunden sei, unter 50Â % ("dhÂ bei 49,999...Â % oder darunter") liege. Daraus folge, dass die Wahrscheinlichkeit dafÃ¼r, dass das Tatsachenvorbringen des Mitbeteiligten der Wahrheit entspreche, Ã¼ber 50Â % ("dhÂ bei 50,000...1Â %" oder darÃ¼ber") liegen mÃ¼sse. Dagegen verlange das AVG im Verwaltungsverfahren grundsÃ¤tzlich den vollen Beweis.
11 Die Revision ist zulÃ¤ssig. Sie ist auch berechtigt. Verfolgungsgefahr und wohlbegrÃ¼ndete Furcht
12 Nach der stÃ¤ndigen Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes ist zentraler Aspekt der in Art.Â 1 AbschnittÂ A ZÂ 2Â Genfer FlÃ¼chtlingskonvention definierten Verfolgung im Herkunftsstaat die wohlbegrÃ¼ndete Furcht davor. Eine Furcht kann nur dann wohlbegrÃ¼ndet sein, wenn sie im Licht der speziellen Situation des Asylwerbers unter BerÃ¼cksichtigung der VerhÃ¤ltnisse im Verfolgerstaat objektiv nachvollziehbar ist. Es kommt nicht darauf an, ob sich eine bestimmte Person in einer konkreten Situation tatsÃ¤chlich fÃ¼rchtet, sondern ob sich eine mit Vernunft begabte Person in dieser Situation aus KonventionsgrÃ¼nden fÃ¼rchten wÃ¼rde. Unter Verfolgung ist ein ungerechtfertigter EingriffÂ von erheblicher IntensitÃ¤t in die zu schÃ¼tzende persÃ¶nliche SphÃ¤re des Einzelnen zu verstehen. Erhebliche IntensitÃ¤t liegt vor, wenn der EingriffÂ geeignet ist, die Unzumutbarkeit der Inanspruchnahme des Schutzes des Heimatstaates zu begrÃ¼nden. Die Verfolgungsgefahr steht mit der wohlbegrÃ¼ndeten Furcht in engstem Zusammenhang und ist Bezugspunkt der wohlbegrÃ¼ndeten Furcht. Eine Verfolgungsgefahr ist dann anzunehmen, wenn eine Verfolgung mit einer maÃŸgeblichen Wahrscheinlichkeit droht; die entfernte MÃ¶glichkeit einer Verfolgung genÃ¼gt nicht (vgl.Â VwGHÂ 23.10.2019, RaÂ 2019/19/0413, mwN).
Vorbringen des Asylwerbers
13 Dem Vorbringen des Asylwerbers kommt zentrale Bedeutung zu. Das geht auch aus Â§Â 18 Abs.Â 1 AsylGÂ 2005 deutlich hervor, wonach das Bundesamt fÃ¼r Fremdenwesen und Asyl und das Bundesverwaltungsgericht in allen Stadien des Verfahrens von Amts wegen darauf hinzuwirken haben, dass die fÃ¼r die Entscheidung erheblichen Angaben gemacht oder lÃ¼ckenhafte Angaben Ã¼ber die zur BegrÃ¼ndung des Antrages geltend gemachten UmstÃ¤nde vervollstÃ¤ndigt, die Beweismittel fÃ¼r diese Angaben bezeichnet oder die angebotenen Beweismittel ergÃ¤nzt und Ã¼berhaupt alle AufschlÃ¼sse gegeben werden, welche zur BegrÃ¼ndung des Antrages notwendig erscheinen. Diese Pflicht bedeutet aber nicht, ohne entsprechendes Vorbringen des Asylwerbers oder ohne sich aus den Angaben konkret ergebende Anhaltspunkte -Â wie im vorliegenden FallÂ - jegliche nur denkbaren Lebenssachverhalte ergrÃ¼nden zu mÃ¼ssen (vgl.Â VwGHÂ 15.10.2018, RaÂ 2018/14/0143, mwN). 14 Das Asylverfahren bietet nur beschrÃ¤nkte MÃ¶glichkeiten, Sachverhalte, die sich im Herkunftsstaat des Asylwerbers ereignet haben sollen, vor Ort zu verifizieren. Hat der Asylwerber keine anderen Beweismittel, so bleibt ihm lediglich seine Aussage gegenÃ¼ber den AsylbehÃ¶rden, um das Schutzbegehren zu rechtfertigen. Diesen Beweisschwierigkeiten trÃ¤gt das Ã¶sterreichische Asylrecht in der Weise Rechnung, dass es lediglich die Glaubhaftmachung der Verfolgungsgefahr verlangt. Um den Status des Asylberechtigten zu erhalten, muss die Verfolgung nur mit einer maÃŸgeblichen Wahrscheinlichkeit drohen. Die entfernte MÃ¶glichkeit einer Verfolgung genÃ¼gt jedoch nicht. Das Vorbringen des Asylwerbers muss, um eine maÃŸgebliche Wahrscheinlichkeit und nicht nur eine entfernte MÃ¶glichkeit einer Verfolgung glaubhaft zu machen, eine entsprechende Konkretisierung aufweisen. Die allgemeine Behauptung von Verfolgungssituationen, wie sie in allgemein zugÃ¤nglichen Quellen auffindbar sind, wird grundsÃ¤tzlich zur Dartuung von selbst Erlebtem nicht genÃ¼gen (vgl.Â VwGHÂ 2.9.2019, RoÂ 2019/01/0009, mwN).
GlaubwÃ¼rdigkeit des Vorbringens
15 Nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes ist die Beurteilung des rechtlichen Begriffs der Glaubhaftmachung auf der Grundlage positiv getroffener Feststellungen von Seiten des erkennenden Verwaltungsgerichts vorzunehmen, aber im Fall der UnglaubwÃ¼rdigkeit der Angaben des Asylwerbers kÃ¶nnen derartige positive Feststellungen vom Verwaltungsgericht nicht getroffen werden (vgl.Â VwGHÂ 11.4.2018, RaÂ 2018/20/0040, mwN, und VwGHÂ 18.11.2015, RaÂ 2015/18/0237Â -Â 0240, jeweils mwN). 16 Der Verwaltungsgerichtshof hat auch klargestellt, dass die Glaubhaftmachung wohl begrÃ¼ndeter Furcht vor Verfolgung nicht mit der vorzunehmenden BeweiswÃ¼rdigung ("GlaubwÃ¼rdigkeit" seiner Angaben) gleichgesetzt werden kann, weil nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes die Beurteilung des rechtlichen Begriffs der "Glaubhaftmachung" auf der Grundlage positiv getroffener Feststellungen von Seiten der erkennenden BehÃ¶rde vorzunehmen ist, im Falle der UnglaubwÃ¼rdigkeit der Angaben des Asylwerbers aber derartige positive Feststellungen von der BehÃ¶rde nicht getroffen werden kÃ¶nnen (vgl.Â VwGHÂ 23.9.2014, RaÂ 2014/01/0058, mwN).
17 Im Beschluss vom 15.Â MÃ¤rzÂ 2016, RaÂ 2015/01/0069, hat der Verwaltungsgerichtshof festgehalten, an der Voraussetzung, dass eine asylrelevante Verfolgung mit maÃŸgeblicher Wahrscheinlichkeit glaubhaft zu machen ist, Ã¤ndert auch der Umstand nichts, dass das Bundesverwaltungsgericht dieses allgemeine Vorbringen als glaubwÃ¼rdig erachtet hat (Rn.Â 17).
18 Ebenso hat der Verwaltungsgerichtshof keine Anhebung des gemÃ¤ÃŸ Â§Â 3 Abs.Â 1 AsylGÂ 2005 anzulegenden BeweismaÃŸes gesehen, wenn das BVwG fÃ¼r die Beurteilung des Fluchtvorbringens alleine das BeweismaÃŸ der Glaubhaftigkeit heranzog und das vom Revisionswerber erstattete Vorbringen ebenso ausschlieÃŸlich auf dessen GlaubwÃ¼rdigkeit hin wÃ¼rdigte (vgl.Â VwGHÂ 25.2.2019, RaÂ 2018/19/0707).
19 Zu den unionsrechtlichen Anforderungen an das in Art.Â 4 der RichtlinieÂ 2011/95 (Statusrichtlinie) vorgesehene Verfahren zur PrÃ¼fung der Tatsachen und UmstÃ¤nde hat der Gerichtshof der EuropÃ¤ischen Union (EuGH) in seiner Rechtsprechung (vgl.Â EuGHÂ 4.10.2018, C-56/17, Fathi, Rn.Â 84 bisÂ 87) wie folgt festgehalten:
"Erforderlich ist allerdings, dass der Antragsteller sein Vorbringen (...) gebÃ¼hrend substantiiert, da bloÃŸe Behauptungen (...) nur den Ausgangspunkt des in Art.Â 4 der RichtlinieÂ 2011/95 vorgesehenen Verfahrens zur PrÃ¼fung der Tatsachen und UmstÃ¤nde bilden (vgl.Â entsprechend Urteile vom 2.Â DezemberÂ 2014, A u. a., C- 148/13 bis CÂ 150/13, EU:C:2014:2406, Rn.Â 49, sowie vom 25.Â JanuarÂ 2018, F, C-473/16, EU:C:2018:36, Rn.Â 28).
Insoweit ergibt sich unmittelbar aus dem Wortlaut von Art.Â 4 Abs.Â 1 dieser Richtlinie, dass die Mitgliedstaaten es als Pflicht des Antragstellers betrachten kÃ¶nnen, so schnell wie mÃ¶glich alle zur BegrÃ¼ndung des Antrags auf internationalen Schutz erforderlichen Anhaltspunkte darzulegen (vgl.Â entsprechend Urteil vom 2.Â DezemberÂ 2014, A u. a., C-148/13 bis C-150/13, EU:C:2014:2406, Rn.Â 50).
Soweit im Rahmen der PrÃ¼fung der zustÃ¤ndigen BehÃ¶rden nach Art.Â 4 dieser Richtlinie fÃ¼r Aussagen einer Person, die internationalen Schutz beantragt, Unterlagen oder sonstige Beweise fehlen, kÃ¶nnen diese Aussagen nur berÃ¼cksichtigt werden, wenn die kumulativen Voraussetzungen von Art.Â 4 Abs.Â 5 Buchst.Â a bisÂ e der Richtlinie erfÃ¼llt sind.
Zu diesen Voraussetzungen gehÃ¶ren u.Â a.Â die Tatsache, dass festgestellt wurde, dass die Aussagen des Antragstellers kohÃ¤rent und plausibel sind und zu den fÃ¼r seinen Fall relevanten, verfÃ¼gbaren besonderen und allgemeinen Informationen nicht in Widerspruch stehen, sowie der Umstand, dass die generelle GlaubwÃ¼rdigkeit des Antragstellers festgestellt worden ist (vgl.Â in diesem Sinne Urteil vom 25.Â JanuarÂ 2018, F, C-473/16, EU:C:2018:36, Rn.Â 33). Gegebenenfalls muss die zustÃ¤ndige BehÃ¶rde auch ErklÃ¤rungen fÃ¼r das Fehlen von Beweisen und die generelle GlaubwÃ¼rdigkeit des Antragstellers berÃ¼cksichtigen (Urteil vom 25.Â JanuarÂ 2018, F, C-473/16, EU:C:2018:36, Rn.Â 41 und die dort angefÃ¼hrte Rechtsprechung)."
20 Diese Vorschriften beschrÃ¤nken aber "nicht die Mittel, die die BehÃ¶rden heranziehen dÃ¼rfen, und schlieÃŸen insbesondere nicht aus, dass im Zuge der PrÃ¼fung der Tatsachen und UmstÃ¤nde auf Gutachten zurÃ¼ckgegriffen wird, um mit grÃ¶ÃŸerer Genauigkeit feststellen zu kÃ¶nnen, inwieweit der Antragsteller tatsÃ¤chlich internationalen Schutzes bedarf" (vgl.Â EuGHÂ 25.1.2018, C-473/16, F, Rn.Â 34).
21 Nach der oben angefÃ¼hrten Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes ist -Â abgesehen vom Fall einer Wahrunterstellung (vgl.Â dazu etwa VwGHÂ 25.6.2019, RaÂ 2019/19/0032, Rn.Â 13)Â - die GlaubwÃ¼rdigkeit des Vorbringens des Asylwerbers zu prÃ¼fen (vgl.Â zur Beurteilung der GlaubwÃ¼rdigkeit des Vorbringens eines Asylwerbers ausdrÃ¼cklich Â§Â 18 Abs.Â 3 AsylGÂ 2005). Diese PrÃ¼fung erfolgt unter BerÃ¼cksichtigung der oben angefÃ¼hrten, vom EuGH judizierten unionsrechtlichen Anforderungen.
22 Erst danach erfolgt die Prognoseentscheidung gemÃ¤ÃŸ Â§Â 3 AsylGÂ 2005, ob mit dem als glaubwÃ¼rdig erachteten Vorbringen eine wohl begrÃ¼ndete Furcht vor Verfolgung glaubhaft gemacht wird (vgl.Â zur Prognoseentscheidung VwGHÂ 8.9.2016, RaÂ 2015/20/0217, mwN; vgl.Â zu der dabei vorzunehmenden einzelfallbezogenen Beurteilung VwGHÂ 2.9.2019, RoÂ 2019/01/0009, mwN).
23 Vorliegend richtet sich die Amtsrevision des BFA gegen die zur GlaubwÃ¼rdigkeit des Vorbringens des Asylwerbers vorgenommene BeweiswÃ¼rdigung des Verwaltungsgerichts.
BeweiswÃ¼rdigung
24 Nach der stÃ¤ndigen Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes soll sich das Revisionsmodell nach dem Willen des Verfassungsgesetzgebers an der Revision nach den Â§Â§Â 500Â ffÂ ZPO orientieren (vgl.Â RVÂ 1618 BlgNRÂ 24.Â GP, 16). Ausgehend davon ist der Verwaltungsgerichtshof als Rechtsinstanz tÃ¤tig, zur ÃœberprÃ¼fung der BeweiswÃ¼rdigung ist er im Allgemeinen nicht berufen. Auch kann einer Rechtsfrage nur dann grundsÃ¤tzliche Bedeutung zukommen, wenn sie Ã¼ber den konkreten Einzelfall hinaus Bedeutung besitzt. Eine Rechtsfrage grundsÃ¤tzlicher Bedeutung im Zusammenhang mit der BeweiswÃ¼rdigung liegt nur dann vor, wenn das Verwaltungsgericht die im Einzelfall vorgenommene BeweiswÃ¼rdigung in einer die Rechtssicherheit beeintrÃ¤chtigenden, unvertretbaren Weise vorgenommen hat (vgl.Â fÃ¼r viele etwa VwGHÂ 11.12.2019, RaÂ 2019/01/0465, mwN).
25 Die Amtsrevision sieht in der vorliegenden Rechtssache eine derartig krasse Fehlbeurteilung des Verwaltungsgerichtes darin, dass sich das Verwaltungsgericht bei der Beurteilung der GlaubwÃ¼rdigkeit des Vorbringens des Mitbeteiligten auf ein mathematisches KalkÃ¼l einer "Wahrscheinlichkeit unter 50Â %" gestÃ¼tzt hat.
26 Eine derartige mathematische Betrachtungsweise, die ein KalkÃ¼l einer "50Â %-igen Wahrscheinlichkeit" zur Beurteilung einer asylrelevanten Verfolgung zugrundelegte, hat der Verwaltungsgerichtshof in seiner Rechtsprechung schon vom Ansatz her nicht geteilt (vgl.Â grundsÃ¤tzlich VwGHÂ 19.12.2007, 2006/20/0771, und aus der daran anschlieÃŸenden Rechtsprechung etwa VwGHÂ 15.10.2008, 2006/20/0622, oder VwGHÂ 26.6.2008, 2006/20/0686). 27 Gleiches gilt fÃ¼r das vorliegend vom Verwaltungsgericht herangezogene mathematische KalkÃ¼l einer "Wahrscheinlichkeit unter 50Â %".
28 Wie die Amtsrevision zutreffend ausfÃ¼hrt, kann ein solches -Â im Ãœbrigen schon mangels Darstellung der Berechnungen (und der hiefÃ¼r angenommenen Ausgangsdaten) nicht nachvollziehbares (vgl.Â auch hiezu VwGHÂ 19.12.2007, 2006/20/0771)Â - KalkÃ¼l eine nachvollziehbare Auseinandersetzung mit dem Vorbringen des Asylwerbers nach den oben angefÃ¼hrten Leitlinien nicht ersetzen. 29 Daher erweist sich die vorliegende BeweiswÃ¼rdigung schon aus diesem Grund als krass fehlerhaft.
30 Weiters ist im vorliegenden Zusammenhang auf die Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes hinzuweisen, wonach das Verwaltungsgericht, wenn es von einer Entscheidung des BFA abweichen will, gehalten ist, auf die beweiswÃ¼rdigenden Argumente des BFA einzugehen und nachvollziehbar zu begrÃ¼nden, aus welchen GrÃ¼nden es zu einer anderen Entscheidung kommt (vgl.Â unter Verweis auf die Parteistellung des BFA gemÃ¤ÃŸ Â§Â 18Â VwGVG VwGHÂ 15.5.2019, RaÂ 2019/01/0012, mwN).
31 DarÃ¼ber hinaus ist in der vorliegenden Revisionssache zu beachten, dass die vom Mitbeteiligten vorgebrachten Ereignisse, wenn sie als glaubwÃ¼rdig zugrundegelegt werden kÃ¶nnen, zeitlich lange zurÃ¼ckliegen (der Mitbeteiligte befand sich seinem eigenen Vorbringen nach noch im Kindesalter und konnte den Feststellungen des Verwaltungsgerichtes selbst Erlebtes nicht vorbringen). Daher wÃ¤re fÃ¼r die Frage der Asylrelevanz konkret zu prÃ¼fen, ob der Mitbeteiligte im Zeitpunkt der Entscheidung (hier des Verwaltungsgerichts) weiterhin mit einer maÃŸgeblichen Wahrscheinlichkeit und nicht mit einer entfernten MÃ¶glichkeit mit Verfolgungshandlungen rechnen mÃ¼sste (AktualitÃ¤t der Verfolgung; vgl.Â etwa VwGHÂ 25.9.2018, RaÂ 2017/01/0203, mwN).
Ergebnis
32 Schon aus diesen GrÃ¼nden war das angefochtene Erkenntnis gemÃ¤ÃŸ Â§Â 42 Abs.Â 1 ZÂ 1Â VwGG wegen Rechtswidrigkeit seines Inhaltes aufzuheben. Bei diesem Ergebnis muss nicht darauf eingegangen werden, ob die vom Verwaltungsgericht vertretene Annahme einer Verfolgung des Mitbeteiligten zu Recht erfolgt ist.
Wien, am 12.Â MÃ¤rzÂ 2020