Document Number: JJT_20200929_OGH0002_0140OS00079_20D0000_000
ECLI: ECLI:AT:OGH0002:2020:0140OS00079.20D.0929.000
Case Number: 14Os79/20d (14Os80/20a, 14Os81/20y)
Application Type: Justiz
Court: OGH
Decision Date: 1601337600000
Word Count: 955

Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat am 29.Â SeptemberÂ 2020 durch die SenatsprÃ¤sidentin des Obersten Gerichtshofs Mag.Â Hetlinger als Vorsitzende, den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Nordmeyer, die HofrÃ¤tinnen des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Mann und Dr.Â Setz-Hummel sowie den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Haslwanter in Gegenwart der SchriftfÃ¼hrerin Dr.Â Ondreasova in der Strafsache gegen ***** G***** wegen des Vergehens der SachbeschÃ¤digung nach Â§Â 125 StGB und einer weiteren strafbaren Handlung, AZÂ 8Â UÂ 109/20i (vormals AZÂ 9Â UÂ 108/13i) des Bezirksgerichts Innsbruck, Ã¼ber die von der Generalprokuratur gegen mehrere VorgÃ¤nge in diesem Verfahren erhobene Nichtigkeitsbeschwerde zur Wahrung des Gesetzes nach Ã¶ffentlicher Verhandlung in Anwesenheit des Vertreters der Generalprokuratur, Generalanwalt Dr.Â Janda, zu Recht erkannt:
Spruch
Im Verfahren AZÂ 8Â UÂ 109/20i (vormals AZÂ 9Â UÂ 108/13i) des Bezirksgerichts Innsbruck verletzt
1./Â die Verlesung des gerichtsmedizinischen Gutachtens der SachverstÃ¤ndigen Ass.-Prof.Â Dr.Â A***** (ONÂ 6) sowie der Angaben der Zeugen ***** G***** und ***** M***** enthaltenden Abschlussberichte der Polizeiinspektion M***** vom 17.Â DezemberÂ 2012 (ONÂ 2) und der Polizeiinspektion S***** vom 4.Â JÃ¤nnerÂ 2013 (ONÂ 2 in ONÂ 5) Â§Â 252 AbsÂ 1 StPO iVm Â§Â 447 StPO;
2./Â das Unterlassen der Zustellung einer Ausfertigung des Hauptverhandlungsprotokolls spÃ¤testens zugleich mit der Zustellung der Urteilsausfertigung an den Angeklagten Â§Â 271 AbsÂ 6 letzter Satz StPO iVm Â§Â 447 StPO;
3./Â das Unterlassen der Anordnung der Zustellung einer Rechtsmittelbelehrung in der richterlichen ZustellverfÃ¼gung vom 5.Â JuniÂ 2013 Â§Â 152 AbsÂ 3 iVm Â§Â 129 AbsÂ 4 Geo sowie das Unterbleiben der Zustellung der Rechtsmittelbelehrung Â§Â 6 AbsÂ 2 StPO.
Das Abwesenheitsurteil des Bezirksgerichts Innsbruck vom 14.Â MaiÂ 2013, GZÂ 9Â UÂ 108/13i-20, wird aufgehoben und es wird die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung an dieses Gericht verwiesen.
Text
GrÃ¼nde:
Im Verfahren AZÂ 8Â UÂ 109/20i (vormals AZÂ 9Â UÂ 108/13i) des Bezirksgerichts Innsbruck legte die Staatsanwaltschaft Innsbruck mit Strafantrag vom 1.Â MÃ¤rzÂ 2013 (ONÂ 9) ***** G***** zur Last, die Vergehen der SachbeschÃ¤digung nach Â§Â 125 StGB (I./) und der KÃ¶rperverletzung nach Â§Â 83 AbsÂ 1 StGB (II./) begangen zu haben.
In der am 14.Â MaiÂ 2013 in Abwesenheit des â€“ gemÃ¤ÃŸ Â§Â 164 StPO zu beiden AnklagevorwÃ¼rfen vernommenen (vgl ONÂ 2 SÂ 21Â ff sowie ONÂ 2 in ONÂ 5 SÂ 17Â ff) und ordnungsgemÃ¤ÃŸ geladenen (ONÂ 17), anwaltlich nicht vertretenen â€“ Angeklagten durchgefÃ¼hrten Hauptverhandlung verlas die Einzelrichterin â€žgemÃ¤ÃŸ Â§Â 252 AbsÂ 1 ZÂ 4 StPOâ€œ das gerichtsmedizinische Gutachten der SachverstÃ¤ndigen Ass.-Prof.Â Dr.Â A***** (ONÂ 6) und â€žgemÃ¤ÃŸ Â§Â 252 AbsÂ 2 StPOâ€œ (unter anderem) â€ždie Anzeige der PIÂ M***** ONÂ 2 (â€¦) sowie die Anzeige der PIÂ S***** ONÂ 2 in ONÂ 5â€œ (ONÂ 19 SÂ 1Â f).
Mit Abwesenheitsurteil vom selben Tag (ONÂ 20) wurde der Angeklagte der Vergehen der SachbeschÃ¤digung nach Â§Â 125 StGB (1./) und der KÃ¶rperverletzung nach Â§Â 83 AbsÂ 1 StGB (2./) schuldig erkannt und zu einer Geldstrafe verurteilt.
Danach hat er
1./Â zwischen 1.Â Juli und 27.Â SeptemberÂ 2012 in I***** im bewussten und gewollten Zusammenwirken mit einem MittÃ¤ter (Â§Â 12 StGB) fremde Sachen beschÃ¤digt und dadurch einen Schaden von 1.450Â Euro herbeigefÃ¼hrt, indem sie in der Wohnung von ***** M***** zwei GlastÃ¼ren einschlugen, Stromkabel ausrissen und eine elektrische Jalousie verbogen;
2./Â am 26.Â SeptemberÂ 2012 in N***** ***** G***** am KÃ¶rper verletzt, indem er ihm mit einem Messer ins Gesicht stach, wodurch dieser eine Schnittwunde im Bereich der rechten Wange erlitt.
Die getroffenen Feststellungen grÃ¼ndete das Erstgericht auf â€ždie aufgenommenen Beweiseâ€œ zum SchuldspruchÂ 2./ konkret auf die gestÃ¤ndige Verantwortung des Angeklagten und zum SchuldspruchÂ 1./ auf die â€“ ausschlieÃŸlich auf den Angaben des Zeugen ***** M***** beruhende (ONÂ 2 in ONÂ 5 SÂ 3Â ff und 21Â ff) â€“ (gemeint:) Anzeige der Polizeiinspektion S***** vom 4.Â JÃ¤nnerÂ 2013 (USÂ 2Â f).
Am 5.Â JuniÂ 2013 verfÃ¼gte die Bezirksrichterin die Zustellung des Abwesenheitsurteils, nicht aber die Zustellung (auch) einer Rechtsmittelbelehrung fÃ¼r Abwesenheitsurteile im bezirksgerichtlichen Verfahren sowie einer Ausfertigung des Hauptverhandlungsprotokolls (ONÂ 20 SÂ 3). Das Abwesenheitsurteil wurde dem Angeklagten am 12.Â JuniÂ 2013 durch Hinterlegung zugestellt (ONÂ 20 nach SÂ 3; vgl auch ONÂ 24 und 26), wobei der Urteilsausfertigung nach dem Akteninhalt weder eine Rechtsmittelbelehrung noch eine Ausfertigung des Hauptverhandlungsprotokolls angeschlossen war (vgl ONÂ 20 SÂ 3Â ff sowie ONÂ 38).
Rechtliche Beurteilung
Wie die Generalprokuratur in ihrer Nichtigkeitsbeschwerde zur Wahrung des Gesetzes zutreffend aufzeigt, stehen mehrere VorgÃ¤nge in diesem Verfahren mit dem Gesetz nicht in Einklang:
1./Â GemÃ¤ÃŸ Â§Â 252 AbsÂ 1 StPO dÃ¼rfen â€“ soweit hier von Relevanz â€“ Protokolle Ã¼ber die Vernehmung von Zeugen und andere amtliche SchriftstÃ¼cke, in denen Aussagen von Zeugen festgehalten worden sind, sowie Gutachten von SachverstÃ¤ndigen in der Hauptverhandlung nur in den in Â§Â 252 AbsÂ 1 ZÂ 1 bis 4 StPO genannten FÃ¤llen verlesen werden. Aus dem Nichterscheinen des gesetzeskonform geladenen Angeklagten zur Hauptverhandlung kann dessen EinverstÃ¤ndnis mit einer Verlesung im Sinn des Â§Â 252 AbsÂ 1 ZÂ 4 StPO nicht abgeleitet werden (vgl RIS-Justiz RS0117012; Bauer, WK-StPO Â§Â 427 RzÂ 13; Kirchbacher, WK-StPO Â§Â 252 RzÂ 103). Da auch keiner der in Â§Â 252 AbsÂ 1 ZÂ 1 bisÂ 3 StPO genannten FÃ¤lle vorlag, widersprach sowohl die Verlesung des Gutachtens der gerichtsmedizinischen SachverstÃ¤ndigen Ass.-Prof.Â Dr.Â A***** (ONÂ 6) als auch jene der â€“ in Protokollen oder Amtsvermerken festgehaltene Angaben des Zeugen ***** G***** (ONÂ 2 SÂ 4, 6 und 31Â ff) und ***** M***** (ONÂ 2 in ONÂ 5 SÂ 3Â ff und 21Â ff) enthaltenden â€“ Abschlussberichte der Polizeiinspektion M***** vom 17.Â DezemberÂ 2012 (ONÂ 2) und der Polizeiinspektion S***** vom 4.Â JÃ¤nnerÂ 2013 (ONÂ 2 in ONÂ 5) Â§Â 252 AbsÂ 1 StPO iVm Â§Â 447 StPO.
2./Â GemÃ¤ÃŸ Â§Â 271 AbsÂ 6 letzter Satz StPO ist den Beteiligten des Verfahrens, soweit sie nicht darauf verzichtet haben, ehestmÃ¶glich, spÃ¤testens aber zugleich mit der Urteilsausfertigung eine Ausfertigung des Protokolls Ã¼ber die Hauptverhandlung zuzustellen. Indem das Bezirksgericht Innsbruck dem Angeklagten nicht spÃ¤testens zugleich mit der Urteilsausfertigung ein Protokoll Ã¼ber die Hauptverhandlung Ã¼bermittelt hat, hat es gegen Â§Â 271 AbsÂ 6 letzter Satz StPO verstoÃŸen.
3./Â GemÃ¤ÃŸ Â§Â 152 AbsÂ 3 Geo ist (unter anderem) bei der Zustellung eines Abwesenheitsurteils stets auch eine entsprechende Rechtsmittelbelehrung zuzustellen, wobei dies vom Richter in der ZustellverfÃ¼gung ausdrÃ¼cklich anzuordnen ist (Â§Â 129 AbsÂ 4 Geo). Indem Letzteres verabsÃ¤umt wurde (vgl zur Wirksamkeit der Zustellung RIS-Justiz RS0096136 [T7]), liegt ein VerstoÃŸ gegen die genannten Bestimmungen der Geo vor (RIS-Justiz RS0059446, RS0096533; zur Wahrnehmung der Verletzung von Verordnungen durch den Obersten Gerichtshof siehe RIS-Justiz RS0102164 [T1]). Das Fehlen der Zustellung der Rechtsmittelbelehrung an den Angeklagten bewirkt wiederum einen VerstoÃŸ gegen Â§Â 6 AbsÂ 2 StPO.
Es ist nicht auszuschlieÃŸen, dass sich die angefÃ¼hrten Gesetzesverletzungen zum Nachteil des Angeklagten ausgewirkt haben. Der Oberste Gerichtshof sah sich veranlasst, ihre Feststellung auf die im Spruch ersichtliche Weise mit konkreter Wirkung zu verbinden (Â§Â 292 letzter Satz StPO). Vom aufgehobenen Urteil rechtslogisch abhÃ¤ngige Entscheidungen und VerfÃ¼gungen gelten gleichfalls als beseitigt (RIS-Justiz RS0100444).