Document Number: JJT_20200414_OGH0002_0120OS00011_20I0000_000
ECLI: ECLI:AT:OGH0002:2020:0120OS00011.20I.0414.000
Case Number: 12Os11/20i
Application Type: Justiz
Court: OGH
Decision Date: 1586822400000
Word Count: 1468

Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat am 14.Â AprilÂ 2020 durch den SenatsprÃ¤sidenten des Obersten Gerichtshofs Dr.Â SolÃ© als Vorsitzenden sowie durch den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Oshidari und die HofrÃ¤tinnen des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Michel-Kwapinski, Dr.Â Brenner und Dr.Â Setz-Hummel in der Strafsache gegen Erwin B***** und eine Angeklagte wegen des Verbrechens des schweren sexuellen Missbrauchs von UnmÃ¼ndigen nach Â§Â 206 AbsÂ 1, AbsÂ 3 erster Fall StGB und weiterer strafbarer Handlungen Ã¼ber die Nichtigkeitsbeschwerde und die Berufung des Angeklagten Erwin B***** sowie die Berufung der Staatsanwaltschaft gegen das Urteil des Landesgerichts Korneuburg als SchÃ¶ffengericht vom 4.Â NovemberÂ 2019, GZÂ 632Â HvÂ 3/16y-104, nach AnhÃ¶rung der Generalprokuratur gemÃ¤ÃŸ Â§Â 62 AbsÂ 1 zweiter Satz OGH-GeoÂ 2019 den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Nichtigkeitsbeschwerde wird zurÃ¼ckgewiesen.
Zur Entscheidung Ã¼ber die Berufungen werden die Akten dem Oberlandesgericht Wien zugeleitet.
Dem Angeklagten Erwin B***** fallen auch die Kosten des bisherigen Rechtsmittelverfahrens zur Last.
Text
GrÃ¼nde:
Mit dem angefochtenen Urteil, das auch unbekÃ¤mpft in Rechtskraft erwachsene FreisprÃ¼che dieses Angeklagten und der Angeklagten Eveline B***** enthÃ¤lt, wurde Erwin B***** eines Verbrechens des schweren sexuellen Missbrauchs von UnmÃ¼ndigen nach Â§Â 206 AbsÂ 1, AbsÂ 3 erster Fall StGB sowie mehrerer Verbrechen des schweren sexuellen Missbrauchs von UnmÃ¼ndigen nach Â§Â 206 AbsÂ 1 StGB (I./), der Verbrechen des sexuellen Missbrauchs von UnmÃ¼ndigen nach Â§Â 207 AbsÂ 1 StGB (II./) sowie jeweils mehrerer Vergehen des Missbrauchs eines AutoritÃ¤tsverhÃ¤ltnisses nach Â§Â 212 AbsÂ 1 ZÂ 1 StGB (III./) und der Blutschande nach Â§Â 211 AbsÂ 1 StGB (IV./) schuldig erkannt.
Danach hat er in W***** und an anderen Orten
I./Â mit unmÃ¼ndigen Personen den Beischlaf und eine dem Beischlaf gleichzusetzende geschlechtliche Handlung unternommen, und zwar
1./Â von 2000 bis zum 19.Â MaiÂ 2004 in einer nicht mehr feststellbaren Anzahl von Angriffen mit seiner am ***** geborenen Tochter Y***** B*****, indem er regelmÃ¤ÃŸig Geschlechtsverkehr mit ihr durchfÃ¼hrte;
2./Â von SommerÂ 2007 bis MitteÂ 2008 in drei Angriffen mit seiner am ***** geborenen Tochter S***** B*****, indem er Vaginalverkehr mit ihr durchfÃ¼hrte und sie ein Mal dazu veranlasste, einen Oralverkehr an ihm durchzufÃ¼hren, wobei die Tat in einem Fall eine schwere KÃ¶rperverletzung (Â§Â 84 AbsÂ 1) des Opfers, nÃ¤mlich eine posttraumatische BelastungsstÃ¶rung, zur Folge hatte;
II./Â auÃŸer dem Fall des Â§Â 206 StGB geschlechtliche Handlungen an seiner am ***** geborenen, somit unmÃ¼ndigen Tochter S***** B***** vorgenommen, indem er sie oberhalb der Kleidung an der Brust und im Intimbereich streichelte, und zwar
1./Â von MitteÂ 2005 bis SommerÂ 2007 in mehreren Angriffen und
2./Â im SommerÂ 2008 in einem Angriff;
III./Â mit minderjÃ¤hrigen Personen, mit denen er in absteigender Linie verwandt ist, geschlechtliche Handlungen vorgenommen, und zwar
1./Â von 2000 bis SommerÂ 2008 mit seinen TÃ¶chtern Y***** B*****, geboren am ***** und S***** B*****, geboren am *****, durch die zu I./ und II./ beschriebenen Handlungen;
2./Â vom 20.Â MaiÂ 2004 bis zum 19.Â MaiÂ 2008 mit seiner am ***** geborenen Tochter Y***** B*****, indem er regelmÃ¤ÃŸig Geschlechtsverkehr mit ihr durchfÃ¼hrte;
IV./Â von 2000 bis MitteÂ 2008 durch die zu I./ und III./2./ beschriebenen Handlungen mit Personen, die mit ihm in gerader Linie verwandt sind, nÃ¤mlich mit seinen TÃ¶chtern, den Beischlaf vollzogen.
Rechtliche Beurteilung
Der dagegen aus Â§Â 281 AbsÂ 1 ZÂ 5, 9 litÂ a und 10 StPO erhobenen Nichtigkeitsbeschwerde des Angeklagten kommt keine Berechtigung zu.
Entgegen dem zu I./2./ erhobenen Einwand offenbar unzureichender BegrÃ¼ndung (ZÂ 5 vierter Fall) des konstatierten (Eventual-)Vorsatzes des Angeklagten in Bezug auf den Eintritt der schweren Tatfolge in Form einer posttraumatischen BelastungsstÃ¶rung bei S***** B***** (USÂ 14, 20), grÃ¼ndeten die Tatrichter diese Feststellungen zur subjektiven Tatseite â€“ zulÃ¤ssigerweise und unter dem Aspekt der BegrÃ¼ndungstauglichkeit nicht zu beanstanden (vgl RIS-Justiz RS0098671, RS0116882) â€“ auf das objektive Tatgeschehen und auf den Umstand, dass der Angeklagte mit seinen Ãœbergriffen nicht aufhÃ¶rte, obwohl ihm laut eigener Aussage die SelbstbeschÃ¤digungen seiner Tochter auffielen (USÂ 19Â f; ONÂ 92 SÂ 17Â f).
Die relevierte UnvollstÃ¤ndigkeit (ZÂ 5 zweiter Fall) durch das Fehlen einer Auseinandersetzung mit den â€žgegen die GlaubwÃ¼rdigkeit der Zeugen sprechenden UmstÃ¤ndenâ€œ liegt nicht vor.
Die RÃ¼ge moniert in diesem Zusammenhang, das Erstgericht habe sich nicht mit den gegen die GlaubwÃ¼rdigkeit des Zeugen Werner B***** sprechenden Beweisergebnissen auseinandergesetzt, weil es das divergente Aussageverhalten dieses Zeugen, der im gegen den Angeklagten gefÃ¼hrten Ermittlungsverfahren im JahrÂ 2009 die Kenntnis von sexuellen Ãœbergriffen des Angeklagten noch verneint und bei seiner neuerlichen Vernehmung im JahrÂ 2019 von einer Falschaussage gesprochen habe, nicht berÃ¼cksichtigt. Sie Ã¼bersieht jedoch, dass die Tatrichter dazu erwogen, dass Werner B***** im Ermittlungsverfahren im JahrÂ 2009 deshalb nichts Ã¼ber die ihm von seiner damaligen Ehefrau Y***** B***** anvertrauten sexuellen Ãœbergriffe durch ihren Vater angegeben hat, weil ihn seine Ehefrau darum ersucht hatte (USÂ 11Â f), die Angaben dieses Zeugen zu einem von Y***** B***** heimlich angefertigten Video (USÂ 12) durch die Aussagen der Zeugen S***** B***** und Kurt M***** bestÃ¤tigt wurden und bei den Zeugen Werner B***** und Kurt M*****, die einander nicht kennen, kein Motiv fÃ¼r eine Falschbelastung zutage kam (USÂ 18).
Mit dem Vorbringen, der Umstand, dass der Zeuge Werner B***** â€žwissentlich seine eigene Tochter in den letzten zehn Jahren bei einem GefÃ¤hrder untergebrachtâ€œ habe (vgl jedoch USÂ 18, wonach es dem Genannten â€žoffensichtlich gleichgÃ¼ltigâ€œ war, dass sein Kind bei den GroÃŸeltern lebte), stehe im Widerspruch mit der Aussage des Zeugen, er hÃ¤tte im JahrÂ 2009 umgehend Anzeige erstatten wollen, wobei â€žGleichesâ€œ auch fÃ¼r den Zeugen M***** gelte, bekÃ¤mpft der BeschwerdefÃ¼hrer bloÃŸ unzulÃ¤ssig die BeweiswÃ¼rdigung des Erstgerichts nach Art einer im kollegialgerichtlichen Verfahren nicht vorgesehenen Schuldberufung.
Inwiefern der Aspekt, dass Y***** B***** â€žtrotz des Erlebtenâ€œ ihre eigenen Kinder bei den GroÃŸeltern belieÃŸ und sie damit â€žwissentlich der GefÃ¤hrdung ausgesetzt hÃ¤tteâ€œ, den inkriminierten Tathandlungen erÃ¶rterungsbedÃ¼rftig entgegenstehen soll (ZÂ 5 zweiter Fall; RIS-Justiz RS0098646 [insb T8]) legt die RÃ¼ge nicht dar.
Mit der Kritik, die â€žBegrÃ¼ndungâ€œ fÃ¼r die vom SchÃ¶ffensenat attestierte GlaubwÃ¼rdigkeit der Zeugin S***** B***** (vgl USÂ 16 bis 18) sei â€žnicht ausreichendâ€œ, wird kein formaler BegrÃ¼ndungsmangel iSd ZÂ 5 dargetan, sondern bloÃŸ mit eigenen â€“ teils spekulativen â€“ BeweiswerterwÃ¤gungen (zum â€žhÃ¤ufigen LÃ¼genâ€œ der S***** B*****, zu mÃ¶glichen GrÃ¼nden ihres Auszugs aus dem Elternhaus, zum Fehlen des vom Opfer und von Zeugen â€žin unterschiedlicher Artâ€œ geschilderten Videos sowie zu den Angaben der Zeugen Petra F*****, Manuela B*****, Andreas Ma***** und Bernhard B*****, denen â€žkeine Beweiskraftâ€œ zukomme, da sich S***** B***** ihnen erst â€žkurz vor der Anzeigenerstattungâ€œ anvertraut habe und diese nur â€žZeugen vom HÃ¶rensagenâ€œ [zur prinzipiellen ZulÃ¤ssigkeit vgl Hinterhofer/Oshidari, Strafverfahren RzÂ 2.195, 7.523] seien) erneut in unzulÃ¤ssiger Weise die tatrichterliche BeweiswÃ¼rdigung bekÃ¤mpft.
Die gegen die Annahme der Qualifikation nach Â§Â 206 AbsÂ 3 erster Fall StGB gerichtete RÃ¼ge zu I./2./ (nominell ZÂ 9 litÂ a, der Sache nach ZÂ 10) behauptet das Fehlen von Feststellungen zur KausalitÃ¤t der Tathandlungen des Angeklagten fÃ¼r die eingetretene schwere KÃ¶rperverletzung der S***** B***** (in Form einer posttraumatischen BelastungsstÃ¶rung), weil nur konstatiert worden sei, dass die Tathandlungen â€ždie Symptomatik deutlich verschlimmertâ€œ haben.
Entgegen dem Beschwerdevorbringen â€“ das sich nicht an der Gesamtheit der EntscheidungsgrÃ¼nde orientiert (vgl aber RIS-Justiz RS0099810) â€“ haben die Tatrichter konstatiert, dass eine der zu I./2./ angefÃ¼hrten Taten eine posttraumatische BelastungsstÃ¶rung der S***** B***** zur Folge hatte und das Opfer, wenngleich diese psychische Erkrankung ihren Ausgang bereits im Kindesalter nahm, die inkriminierten Tathandlungen als traumatisierend erlebte, diese die Symptomatik deutlich verschlimmerten und das Opfer unter WaschzwÃ¤ngen litt und Einschlaf- und DurchschlafstÃ¶rungen sowie AlbtrÃ¤ume auftraten (US 10 iVm USÂ 17Â f). Weshalb darin keine Feststellung, dass eine der inkriminierten Taten mitursÃ¤chlich fÃ¼r den Eintritt der schweren KÃ¶rperverletzung war (vgl Burgstaller in WK2 StGB Â§Â 80 RzÂ 68; Philipp in WKÂ² StGB Â§Â 201 RzÂ 30) zu erblicken sein soll, gibt die RÃ¼ge nicht bekannt.
DarÃ¼ber hinaus legt die RÃ¼ge nicht dar, weshalb die konstatierte MitkausalitÃ¤t des vorgeworfenen Verhaltens fÃ¼r die eingetretenen (schweren) Verletzungsfolgen zur BegrÃ¼ndung deren strafrechtlicher Zurechnung nicht ausreichen sollte (vgl RIS-Justiz RS0091997 [T1, T2], RS0089343).
Soweit die RÃ¼ge (nominell ZÂ 9 litÂ a, der Sache nach ZÂ 10) zu I./2./ kritisiert, das Erstgericht habe weder einen â€žMisshandlungsvorsatzâ€œ noch â€ždas Wissen um die fahrlÃ¤ssige Tatbildverwirklichungâ€œ festgestellt, weshalb es an dem â€žvom Gesetz geforderten subjektiven Tatbestandsmerkmalâ€œ fÃ¼r eine Verurteilung nach der Qualifikationsnorm des Â§Â 206 AbsÂ 3 erster Fall StGB fehle, legt sie nicht prozessordnungsgemÃ¤ÃŸ aus dem Gesetz abgeleitet dar (vgl RIS-Justiz RS0116565), weshalb die Urteilskonstatierungen zur subjektiven Tatseite (vgl USÂ 14, 20) nicht hinreichend deutlich den (Eventual-)Vorsatz auf den Eintritt einer schweren KÃ¶rperverletzung (Â§Â 84 AbsÂ 1 StGB) zum Ausdruck bringen sollten und welche weiteren Feststellungen, Ã¼ber die getroffenen hinaus, fÃ¼r die rechtsrichtige Subsumtion des Sachverhalts unter die genannte Qualifikation noch erforderlich gewesen wÃ¤ren.
Der VollstÃ¤ndigkeit halber bleibt festzuhalten, dass die angesprochene Bestimmung eine Erfolgsqualifikation darstellt, fÃ¼r deren Verwirklichung gemÃ¤ÃŸ Â§Â 7 AbsÂ 2 StGB fahrlÃ¤ssige HerbeifÃ¼hrung der (schweren) Tatfolge genÃ¼gt (Burgstaller/SchÃ¼tz in WK2 StGB Â§Â 7 RzÂ 27 und Â§Â 6 RzÂ 96Â ff; Philipp in WK2 StGB Â§Â 201 RzÂ 30, Â§Â 206 RzÂ 16; vgl auch RIS-Justiz RS0089253).
Mit Blick auf Â§Â 290 AbsÂ 1 zweiter Satz StPO bleibt zum SchuldspruchÂ IV./ hinzuzufÃ¼gen, dass unter â€žBeischlafâ€œ im Sinn des Â§Â 211 StGB ausschlieÃŸlich der â€žnatÃ¼rlicheâ€œ vaginale Beischlag zu verstehen ist (vgl Philipp in WK2 StGB Â§Â 211 RzÂ 7). Aus der verfehlten Subsumtion des Oralverkehrs am Angeklagten durch seine Tochter S***** B***** (I./2./) auch nach Â§Â 211 AbsÂ 1 StGB resultierte jedoch kein konkreter Nachteil fÃ¼r den Angeklagten (vgl Ratz, WK-StPO Â§Â 290 RzÂ 22Â f), weshalb sich der Oberste Gerichtshof nicht zu amtswegigem Vorgehen veranlasst sah.
Die Nichtigkeitsbeschwerde war daher bereits bei der nichtÃ¶ffentlichen Beratung sofort zurÃ¼ckzuweisen (Â§Â 285d AbsÂ 1 StPO). Daraus folgt die ZustÃ¤ndigkeit des Oberlandesgerichts zur Entscheidung Ã¼ber die Berufungen (Â§Â 285i StPO).
Der Kostenausspruch beruht auf Â§Â 390a AbsÂ 1 StPO.