Document Number: JJT_20201015_OGH0002_0120OS00081_20H0000_000
ECLI: ECLI:AT:OGH0002:2020:0120OS00081.20H.1015.000
Case Number: 12Os81/20h
Application Type: Justiz
Court: OGH
Decision Date: 1602720000000
Word Count: 1427

Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat am 15.Â OktoberÂ 2020 durch den SenatsprÃ¤sidenten des Obersten Gerichtshofs Dr.Â SolÃ© als Vorsitzenden, den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Oshidari, die HofrÃ¤tinnen des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Michel-Kwapinski und Dr.Â Brenner sowie den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Haslwanter in Gegenwart des Mag.Â Nikolic als SchriftfÃ¼hrer in der Strafsache gegen David G***** und andere wegen des Verbrechens des gewerbsmÃ¤ÃŸigen schweren Betrugs nach Â§Â§Â 146, 147 AbsÂ 3, 148 zweiter Fall und 15 StGB und weiterer strafbarer Handlungen, AZÂ 81Â StÂ 13/19a der Zentralen Staatsanwaltschaft zur Verfolgung von Wirtschaftsstrafsachen und Korruption, Ã¼ber den Antrag des David G***** auf Erneuerung des Strafverfahrens gemÃ¤ÃŸ Â§Â 363a AbsÂ 1 StPO nach AnhÃ¶rung der Generalprokuratur in nichtÃ¶ffentlicher Sitzung den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Der Antrag wird zurÃ¼ckgewiesen.
Text
GrÃ¼nde:
Die Zentrale Staatsanwaltschaft zur Verfolgung von Wirtschaftsstrafsachen und Korruption (in der Folge: WKStA) fÃ¼hrt zu (nunmehr) AZÂ 81Â StÂ 13/19a seit 9.Â SeptemberÂ 2017 ein Ermittlungsverfahren gegen David G***** und weitere Beschuldigte sowie gegen den belangten Verband A***** AG wegen des Verdachts des schweren gewerbsmÃ¤ÃŸigen Betrugs nach Â§Â§Â 146, 147 AbsÂ 3, 148 zweiter Fall und 15 StGB sowie der GeldwÃ¤scherei nach â€žÂ§Â 165 AbsÂ 1, 2 und 4 StGBâ€œ (BSÂ 1).
Mit Beschluss vom 26.Â SeptemberÂ 2019 wies das Landesgericht fÃ¼r Strafsachen Wien den Antrag des David G***** auf Einstellung des Ermittlungsverfahrens gemÃ¤ÃŸ Â§Â 108 AbsÂ 1 ZÂ 2 StPO ab (GZÂ 354Â HRÂ 20/18t-119).
Der dagegen erhobenen Beschwerde des David G***** gab das Oberlandesgericht Wien mit Beschluss vom 7.Â AprilÂ 2020 nicht Folge (AZÂ 19Â BsÂ 312/19z).
Das Beschwerdegericht hielt fest, David G***** stehe im Verdacht, er habe als â€žvertretungsbefugtes Organ (GeschÃ¤ftsfÃ¼hrer)â€œ der A***** AG (vormals S***** AG)
1.Â mit dem Vorsatz, durch das Verhalten der GetÃ¤uschten sich oder einen Dritten unrechtmÃ¤ÃŸig zu bereichern, bislang unbekannte TÃ¤ter dazu bestimmt, nachgenannte Personen durch TÃ¤uschung Ã¼ber Tatsachen, nÃ¤mlich die wahrheitswidrige Vorgabe der Verwendung der zur VerfÃ¼gung gestellten Gelder zur DurchfÃ¼hrung der zuvor besprochenen GeschÃ¤ftsabschlÃ¼sse (â€žTradesâ€œ), zu nachstehenden Handlungen verleitet, welche diese oder andere in einem 300.000Â Euro Ã¼bersteigenden Gesamtbetrag am VermÃ¶gen schÃ¤digten, wobei er in der Absicht handelte, sich durch die wiederkehrende Begehung von schweren Betrugshandlungen lÃ¤ngere Zeit hindurch ein nicht bloÃŸ geringfÃ¼giges fortlaufendes Einkommen zu verschaffen, und die TÃ¤uschungen unter Verwendung von Massenmails zur Akquirierung potentieller Anleger sowie eines professionell gestalteten Internet-Auftritts samt Telefon- und E-Mail-Support fÃ¼r die darauffolgende GeschÃ¤ftsabwicklung begangen wurden, er mithin unter Einsatz besonderer FÃ¤higkeiten oder Mittel handelte, die eine wiederkehrende Begehung nahelegen, und zwar
I.Â Ã¼ber die Plattform www.sp*****.com:
a.Â Harald B***** im Zeitraum 11.Â JuniÂ 2017 bis 18.Â JuliÂ 2017 in W***** zur Freigabe der Abbuchung eines Gesamtbetrags von 5.250Â Euro von seinem Kreditkartenkonto sowie zur Ãœberweisung von 62.750Â Euro;
b.Â Gerold D***** im Zeitraum FebruarÂ 2017 bis 24.Â OktoberÂ 2017 in K***** zur Freigabe der Abbuchung eines Betrags von 250Â Euro von seinem Kreditkartenkonto sowie zur Ãœberweisung von 35.000Â Euro;
c.Â Alfred K***** im Zeitraum FebruarÂ 2017 bis 20.Â JuniÂ 2017 in S***** zur Ãœberweisung eines Gesamtbetrags von 57.284Â Euro, wobei es hinsichtlich eines Betrags von 30.784Â Euro infolge Verweigerung der Zahlung durch das Opfer beim Versuch blieb;
d.Â Manfred P***** im Zeitraum 27.Â JuniÂ 2017 bis 2.Â JuliÂ 2017 in W***** zur Freigabe der Abbuchung eines Gesamtbetrags von 500Â Euro von seinem Kreditkartenkonto sowie zur Ãœberweisung eines Betrags von 5.000Â Euro;
e.Â Dr.Â Thomas Pe***** im Zeitraum 17.Â MaiÂ 2017 bis 4.Â AugustÂ 2017 in W***** zur Freigabe der Abbuchung eines Betrags von 250Â Euro von seinem Kreditkartenkonto sowie zur Ãœberweisung eines Gesamtbetrags von 175.000Â Euro;
f.Â Folker R***** im Zeitraum 4.Â MaiÂ 2017 bis 7.Â JuniÂ 2017 in G***** zur Freigabe der Abbuchung eines Gesamtbetrags von 500Â Euro von seinem Kreditkartenkonto sowie zur Ãœberweisung eines Gesamtbetrags von 21.300Â Euro;
g.Â JÃ¼rgen Re***** im Zeitraum JÃ¤nnerÂ 2017 bis 6.Â JuniÂ 2017 in S***** zur Ãœberweisung eines Gesamtbetrags von 20.000Â Euro;
h.Â Elisabeth Sc***** im Zeitraum 15.Â MÃ¤rzÂ 2017 bis 24.Â OktoberÂ 2017 in K***** zur Freigabe der Abbuchung von ihrem Kreditkartenkonto sowie zur Ãœberweisung von BetrÃ¤gen in GesamthÃ¶he von 87.900Â Euro;
i.Â Wolfgang Se***** im Zeitraum 12.Â JÃ¤nnerÂ 2017 bis 24.Â FebruarÂ 2017 in U***** zur Freigabe der Abbuchung eines Gesamtbetrags von 250Â Euro von seinem Kreditkartenkonto sowie zur Ãœberweisung eines Gesamtbetrags von 115.000Â Euro, wobei es hinsichtlich eines Betrags von 15.000Â Euro infolge Verweigerung der weiteren Zahlung durch das Opfer beim Versuch blieb;
j.Â Gerwald W***** im Zeitraum 20.Â AprilÂ 2017 bis 6.Â JuliÂ 2017 in H***** zur Freigabe der Abbuchung eines Gesamtbetrags von 1.500Â Euro von seinem Kreditkartenkonto sowie zur Ãœberweisung eines Betrags von 10.000Â Euro;
k.Â weitere bislang unbekannte Opfer zu Zahlungen in unbekannter HÃ¶he
II.Â Ã¼ber die Plattform www.z*****.com bzw. www.z*****.info:
a.Â Adam Wa***** im Zeitraum 23.Â AugustÂ 2017 bis 25.Â AugustÂ 2017 in W***** zur Freigabe der Abbuchung eines Gesamtbetrags von 1.800Â Euro von seinem Kreditkartenkonto sowie zur Ãœberweisung von 1.500Â Euro;
b.Â David Si***** im Zeitraum Anfang AugustÂ 2017 bis 14.Â AugustÂ 2017 in L***** zur Freigabe der Abbuchung eines Gesamtbetrags von 250Â Euro von seinem Kreditkartenkonto sowie zur Ãœberweisung von 12.500Â Euro;
c.Â Kurt M***** zu einem nicht nÃ¤her bekannten Zeitpunkt vor dem 30.Â OktoberÂ 2017 in V***** zur Freigabe der Abbuchung eines Gesamtbetrags von 10.000Â Euro von seinem Kreditkartenkonto sowie zur Ãœberweisung eines Gesamtbetrags von 30.000Â Euro;
d.Â Heinrich Ro***** im Zeitraum 26.Â JuliÂ 2017 bis Anfang OktoberÂ 2017 zur Freigabe der Abbuchung von seinem Kreditkartenkonto sowie zur Ãœberweisung von BetrÃ¤gen in einer GesamthÃ¶he von 14.250Â Euro;
e.Â Franz Josef We***** im Zeitraum 31.Â JuliÂ 2017 bis 14.Â NovemberÂ 2017 in A***** zur Ãœberweisung von BetrÃ¤gen in GesamthÃ¶he von 140.000Â Euro;
f.Â weitere bislang unbekannte Opfer zu Zahlungen in unbekannter HÃ¶he;
III.Â Ã¼ber die Plattformen www.u*****.com und www.sp*****.com:
a.Â Andreas P***** zu nicht nÃ¤her bekannten Zeitpunkten vor dem 25.Â SeptemberÂ 2017 in W***** zur Zahlung eines Gesamtbetrags von 95.000Â Euro;
b.Â Grazsina T***** zu nicht nÃ¤her bekannten Zeitpunkten zwischen 10.Â JÃ¤nnerÂ 2017 und 15.Â NovemberÂ 2017 in W***** zur Zahlung eines Gesamtbetrags von 10.846,29Â Euro;
c.Â weitere bislang unbekannte Opfer zu Zahlungen in unbekannter HÃ¶he;
2.Â im Zeitraum 2.Â NovemberÂ 2016 bis 28.Â AugustÂ 2017 in W***** die Herkunft von 50.000Â Euro Ã¼bersteigenden VermÃ¶genswerten, die aus einer mit mehr als einjÃ¤hriger Freiheitsstrafe bedrohten Handlung, nÃ¤mlich aus den zu PunktÂ A.1. angefÃ¼hrten Handlungen sowie bislang nicht nÃ¤her bekannten AnlagebetrÃ¼gereien und nicht lizenzierten Finanzdienstleistungen und Wetten der Sa***** Ltd., der U***** Ltd., der U*****Limited und der P***** Ltd., sohin zumindest dem Verbrechen des gewerbsmÃ¤ÃŸig schweren Betrugs nach Â§Â§Â 146, 147 AbsÂ 3, 148 zweiter Fall StGB, herrÃ¼hrten, verschleiert, indem er die von den Opfern der Vortaten geleisteten Zahlungen Ã¼ber die von ihm beherrschte und nach auÃŸen hin zu Marketingzwecken errichtete A***** AG teils an die von ihm beherrschten Gesellschaften, teils an die TÃ¤ter der Vortaten bzw die von ihnen beherrschten Gesellschaften weiterleitete.
Zusammengefasst hielt das Oberlandesgericht fest, dass im vorliegenden Ermittlungsverfahren eine Verletzung des Beschleunigungsgebots in Strafsachen (Â§Â 9 StPO) nicht auszumachen sei. Auf Basis der vom Beschwerdegericht benannten Beweisergebnisse und mit Blick auf den starken internationalen Bezug der Strafsache und die Verdachtslage hinsichtlich eines Schadensbetrags â€žin MillionenhÃ¶heâ€œ sowie eine Vielzahl von GeschÃ¤digten rechtfertige die bisherige Dauer des Ermittlungsverfahrens jedenfalls dessen Fortsetzung.
Rechtliche Beurteilung
Der gegen diese Entscheidung des Oberlandesgerichts erhobene Antrag auf Erneuerung des Strafverfahrens (Â§Â 363a AbsÂ 1 StPO) des David G***** geht fehl.
Bei einem â€“ wie hier â€“ nicht auf ein Urteil des EGMR gestÃ¼tzten Erneuerungsantrag handelt es sich um einen subsidiÃ¤ren Rechtsbehelf, weshalb alle gegenÃ¼ber dem EGMR normierten ZulÃ¤ssigkeitsvoraussetzungen der ArtÂ 34 und 35 MRK sinngemÃ¤ÃŸ auch fÃ¼r einen solchen Antrag gelten (RIS-Justiz RS0122737).
Da die Opfereigenschaft nach ArtÂ 34 MRK nur anzunehmen ist, wenn der BeschwerdefÃ¼hrer substantiiert und schlÃ¼ssig vortrÃ¤gt, in einem bestimmten Konventionsrecht verletzt zu sein, hat auch ein Erneuerungsantrag nach Â§Â 363a StPO deutlich und bestimmt darzulegen, worin eine (vom Obersten Gerichtshof sodann selbst zu beurteilende) Grundrechtsverletzung iSd Â§Â 363a AbsÂ 1 StPO zu erblicken sei. Dabei hat sich der Erneuerungswerber mit der als grundrechtswidrig bezeichneten Entscheidung in allen relevanten Punkten auseinanderzusetzen (RIS-Justiz RS0124359) und â€“ soweit er (auf Grundlage der Gesamtheit der EntscheidungsgrÃ¼nde) nicht BegrÃ¼ndungsmÃ¤ngel aufzuzeigen oder erhebliche Bedenken gegen die Richtigkeit getroffener Feststellungen zu erwecken vermag â€“ seine Argumentation auf Basis der Tatsachenannahmen der bekÃ¤mpften Entscheidung zu entwickeln (RIS-Justiz RS0125393 [T1]).
Diesen Anforderungen wird der Erneuerungsantrag nicht gerecht.
Inwiefern eine Verletzung des ArtÂ 6 MRK im â€žRecht auf einen gesetzlichen Richterâ€œ (vgl ArtÂ 6 AbsÂ 1 erster Satz MRK) vorliegen sollte, macht der Erneuerungswerber nicht klar (dazu schon 12Â OsÂ 160/18y).
Ebenso wenig zeigt der Erneuerungsantrag eine Verletzung des allgemeinen Beschleunigungsgebots in Strafsachen (ArtÂ 6 AbsÂ 1 MRK) auf:
Der Antrag auf Einstellung gemÃ¤ÃŸ Â§Â 108 AbsÂ 1 ZÂ 2 StPO dient dem Beschleunigungsgebot in Strafsachen (Â§Â 9 StPO, ArtÂ 6 MRK). Es soll sichergestellt werden, dass das Ermittlungsverfahren nur so lange dauert, als es zur ÃœberfÃ¼hrung des Beschuldigten erforderlich und angemessen ist (vgl Pilnacek/Stricker, WK-StPO Â§Â 108 RzÂ 9 ff).
Indem der Erneuerungswerber behauptet, seit dem Zwischenbericht des Bundeskriminalamts vom 3.Â SeptemberÂ 2019 (ONÂ 116) hÃ¤tte die WKStA keine Ermittlungshandlungen gesetzt, gelingt es ihm jedoch nicht, eine Grundrechtsverletzung durch die Beschwerdeentscheidung aufzuzeigen. Vielmehr nimmt der Erneuerungsantrag nicht MaÃŸ an der BegrÃ¼ndung des Oberlandesgerichts, wonach mit Blick auf den starken internationalen Bezug und die KomplexitÃ¤t der Strafsache (vgl Kier, WK-StPO Â§Â 9 RzÂ 5) von einer Verletzung des Beschleunigungsgebots durch die Staatsanwaltschaft nicht gesprochen werden kÃ¶nne, zumal auch auslÃ¤ndische Ermittlungsergebnisse abzuwarten bzw auszuwerten seien (vgl BSÂ 15Â ff). Der Beschuldigte wiederholt bloÃŸ sein Vorbringen im Einstellungsantrag und in der Beschwerde, indem er behauptet, es lÃ¤gen mangels strukturierter, mit ihm in Zusammenhang stehender Ermittlungsschritte bloÃŸ â€žunstatthafte Vermutungenâ€œ gegen ihn vor, argumentiert dabei aber nicht auf Basis der kritisierten Entscheidung (BS 11 ff).
Der Erneuerungsantrag war daher bereits bei der nichtÃ¶ffentlichen Beratung zurÃ¼ckzuweisen (Â§Â 363b AbsÂ 2 ZÂ 3 StPO).