Document Number: JJT_20200407_OGH0002_0140OS00024_20S0000_000
ECLI: ECLI:AT:OGH0002:2020:0140OS00024.20S.0407.000
Case Number: 14Os24/20s
Application Type: Justiz
Court: OGH
Decision Date: 1586217600000
Word Count: 1425

Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat am 7.Â AprilÂ 2020 durch den SenatsprÃ¤sidenten des Obersten Gerichtshofs Prof.Â Dr.Â Danek als Vorsitzenden, die HofrÃ¤tin des Obersten Gerichtshofs Mag.Â Hetlinger, den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Nordmeyer sowie die HofrÃ¤tinnen des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Mann und Dr.Â Setz-Hummel in der Strafsache gegen K***** Y***** wegen Vergehen der fortgesetzten GewaltausÃ¼bung nach Â§Â 107b AbsÂ 1 StGB und weiterer strafbarer Handlungen Ã¼ber die Nichtigkeitsbeschwerde und die Berufung des Angeklagten gegen das Urteil des Landesgerichts Linz als SchÃ¶ffengericht vom 10.Â DezemberÂ 2019, GZÂ 23Â HvÂ 21/19i-42a, nach AnhÃ¶rung der Generalprokuratur gemÃ¤ÃŸ Â§ 62 Abs 1 zweiter Satz OGH-GeoÂ 2019 den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Die Nichtigkeitsbeschwerde wird zurÃ¼ckgewiesen.
Zur Entscheidung Ã¼ber die Berufung werden die Akten dem Oberlandesgericht Linz zugeleitet.
Dem Angeklagten fallen die Kosten des bisherigen Rechtsmittelverfahrens zur Last.
Text
GrÃ¼nde:
Mit dem angefochtenen, auch einen in Rechtskraft erwachsenen Freispruch enthaltenden Urteil wurde K***** Y***** der Vergehen der fortgesetzten GewaltausÃ¼bung nach Â§Â 107b AbsÂ 1 StGB (I./a./ und I./b./) und der Verbrechen der fortgesetzten GewaltausÃ¼bung nach Â§Â 107b AbsÂ 1, AbsÂ 3 ZÂ 1 und AbsÂ 4 zweiter Satz zweiter Fall StGB (II./a./ und II./b./ sowie III./) schuldig erkannt.
Danach hat er in L***** gegen nachstehende Personen eine lÃ¤ngere Zeit hindurch fortgesetzt Gewalt ausgeÃ¼bt, wobei er die Taten betreffend seine zu II./ und III./ angefÃ¼hrten Kinder jeweils gegen eine unmÃ¼ndige Person beging und die Gewalt lÃ¤nger als ein Jahr ausÃ¼bte, und zwar gegen
I./Â V***** Y*****
a./Â von 30.Â NovemberÂ 2013 bis 30.Â AugustÂ 2015 und
b./Â von 15.Â JÃ¤nnerÂ 2016 bis 11.Â MaiÂ 2019,
indem er im zuÂ a./ genannten Zeitraum zumindest ein Mal monatlich und im zuÂ b./ genannten Zeitraum zwei bis drei Mal monatlich
1./Â ihr durch SchlÃ¤ge auf den Kopf, ReiÃŸen an den Haaren, WÃ¼rgen und im HerbstÂ 2014 durch Nachwerfen einer Gabel â€žGewalt zufÃ¼gteâ€œ;
2./Â sie gefÃ¤hrlich bedrohte, nÃ¤mlich mit dem Umbringen, wobei er ihr in manchen FÃ¤llen ein Messer am Hals anlegte, und am 11.Â MaiÂ 2019 durch â€“ im angefochtenen Urteil einzeln angefÃ¼hrte â€“ Ã„uÃŸerungen und Verhaltensweisen,
II./Â seine am ***** geborene Tochter S***** Y*****
a./Â von 30.Â NovemberÂ 2013 bis 30.Â AugustÂ 2015 und
b./Â von 15.Â JÃ¤nnerÂ 2016 bis 11.Â MaiÂ 2019,
indem er ihr zumindest ein Mal pro Woche SchlÃ¤ge auf den RÃ¼cken versetzte und sie am 11.Â MaiÂ 2019 durch eine im Urteil angefÃ¼hrte Ã„uÃŸerung gefÃ¤hrlich bedrohte;
III./Â seinen am ***** geborenen Sohn A***** Y***** von 15.Â JÃ¤nnerÂ 2016 bis 11.Â MaiÂ 2019, indem er ihm zumindest ein Mal pro Woche SchlÃ¤ge gegen den KÃ¶rper, insbesondere die Beine und in einem Fall auch auf den Oberarm versetzte und ihn am 11.Â MaiÂ 2019 durch eine im Urteil angefÃ¼hrte Ã„uÃŸerung gefÃ¤hrlich bedrohte.
Rechtliche Beurteilung
Der dagegen auf Â§Â 281 AbsÂ 1 ZÂ 4 und 5a StPO gestÃ¼tzten Nichtigkeitsbeschwerde des Angeklagten kommt keine Berechtigung zu.
Der VerfahrensrÃ¼ge (ZÂ 4) zuwider wurden durch die Abweisung (ONÂ 42 SÂ 2Â f) des Antrags auf â€žEinholung eines kinderpsychologischen SachverstÃ¤ndigengutachtens zur Frage der AussagefÃ¤higkeit und AussagetÃ¼chtigkeit der S***** Y***** und des A***** Y*****, hierbei auch in Bezug auf eine allfÃ¤llige Fremdsuggestion der beiden MinderjÃ¤hrigenâ€œ (ONÂ 40 SÂ 12 iVm ONÂ 34), Verteidigungsrechte nicht verletzt.
Die Beurteilung der AussagefÃ¤higkeit und GlaubwÃ¼rdigkeit eines Zeugen obliegt â€“ als Akt freier BeweiswÃ¼rdigung (Â§Â 258 AbsÂ 2 StPO) â€“ allein den Tatrichtern (RIS-Justiz RS0098297). Die Hilfestellung eines SachverstÃ¤ndigen kommt bei dieser Beurteilung nur ausnahmsweise in Betracht, etwa bei erheblichen Bedenken gegen die allgemeine Wahrnehmungs- und WiedergabefÃ¤higkeit des Zeugen (insb bei geistigen SchwÃ¤chen oder EntwicklungsstÃ¶rungen) oder bei objektiven Anhaltspunkten, die gegen die Aussageehrlichkeit des Zeugen schlechthin (und damit losgelÃ¶st vom Einzelfall) sprechen (RIS-Justiz RS0097733, RS0097576, RS0120634; Hinterhofer, WK-StPO Â§Â 126 RzÂ 11Â f).
In Betreff der Zeugin S***** Y***** behauptete der Beweisantrag deren Beeinflussung bei der polizeilichen Vernehmung durch Anwesenheit ihrer weinenden Mutter und eine durch GesprÃ¤che mit Familienmitgliedern hervorgerufene und anhand der Verwendung nicht alterstypischer WÃ¶rter erkennbare Fremdsuggestion bei der kontradiktorischen Vernehmung. Damit stÃ¼tzte sich der Antrag lediglich auf UmstÃ¤nde, die gegen die GlaubwÃ¼rdigkeit oder VerlÃ¤sslichkeit der Zeugin im gegebenen Anlassfall sprechen kÃ¶nnen, aber keine gravierenden Bedenken gegen die AussagefÃ¤higkeit der Zeugin im Allgemeinen wecken.
Ebenfalls keine solche Ausnahmekonstellation zeigte der Beweisantrag in Betreff des Zeugen A***** Y***** mit den Behauptungen auf, die Kindsmutter sei bei der polizeilichen Vernehmung desselben nicht nur anwesend gewesen, sondern habe sich auch aktiv an dieser beteiligt, und der Zeuge weise ein geringes Alter auf und sei zu einem Geschehen vernommen worden, bei dem er erst fÃ¼nf Jahre alt gewesen sei.
Im Ãœbrigen wurde in den BeweisantrÃ¤gen nicht einmal behauptet, dass die (unmÃ¼ndigen) Zeugen sowie deren gesetzliche Vertreter die Zustimmung zur jeweiligen Begutachtung erteilt haben oder erteilen wÃ¼rden (RIS-Justiz RS0108614, RS0118956; Ratz, WK-StPO Â§Â 281 RzÂ 350). Der Beschwerdekritik, man kÃ¶nne erst nach der Auftragserteilung wissen, ob die Erstellung eines Gutachtens faktisch mÃ¶glich ist, und der Verteidiger kÃ¶nne schon aus standesrechtlichen GrÃ¼nden nicht direkt mit den Opfern Kontakt aufnehmen, ist zu entgegnen, dass ein Antrag auf Befragung der Opfer sowie deren gesetzlichen Vertreters zu einem solchen EinverstÃ¤ndnis nicht gestellt wurde und eine Verpflichtung des Gerichts zu amtswegiger ErgÃ¤nzung eines Beweisantrags wiederum nicht besteht (RIS-Justiz RS0108614 [T1, T2]). Dass der BeschwerdefÃ¼hrer an entsprechender Antragstellung gehindert gewesen wÃ¤re (vgl zur AufklÃ¤rungsrÃ¼ge [ZÂ 5a] RIS-Justiz RS0115823), behauptet die RÃ¼ge ohnehin nicht.
Zu Recht abgewiesen (ONÂ 42 SÂ 2Â f) wurde auch der Antrag (ONÂ 40 SÂ 12Â f iVm ONÂ 34) auf Vernehmung mehrerer Zeugen zu â€žden AblÃ¤ufen innerhalb des Familienverbandes des Angeklagtenâ€œ. Denn warum die Zeugen ***** A*****, ***** Yi***** und ***** H***** als â€žTÃ¼r an TÃ¼r Nachbarnâ€œ des Angeklagten bestÃ¤tigen kÃ¶nnten, â€ždass kein einziges Mal Drohungen oder GewalttÃ¤tigkeiten innerhalb der Wohnung des Angeklagten aufgetreten wÃ¤renâ€œ und dieser â€žgegenÃ¼ber seiner Ehefrau sowie auch den Kindern keine lautstarken Drohungen geÃ¤uÃŸertâ€œ oder Gewalt angewendet hat, legt der Antrag nicht dar (RIS-Justiz RS0118444).
Durch den Antrag auf Vernehmung der Zeugen R***** Ãœ***** und E***** Ãœ*****, welche langjÃ¤hrige Freunde des Angeklagten und seiner Familie seien, mit dieser mehrere Monate zusammengelebt hÃ¤tten, regelmÃ¤ÃŸig Kontakt pflegen wÃ¼rden und gemeinsam auf Urlaub gewesen seien, sollte unter Beweis gestellt werden, â€ždass der Angeklagte zu seiner Familie, insbesondere zu seiner Tochter S***** Y***** und seinem Sohn A***** Y*****, ein familiÃ¤res, nicht gewalttÃ¤tiges und liebevolles VerhÃ¤ltnis pflegt(e)â€œ. Weshalb dieser Umstand den gegenstÃ¤ndlichen Taten entgegenstehen sollte, legte der Antrag nicht dar. Soweit er zur ErschÃ¼tterung der GlaubwÃ¼rdigkeit der Zeugen V***** Y*****, S***** Y***** und A***** Y***** gestellt wurde (vgl dazu RIS-Justiz RS0028345), unterblieb die Darlegung konkreter Anhaltspunkte fÃ¼r die Annahme, die Zeugen hÃ¤tten in Bezug auf entscheidende Tatsachen nicht die Wahrheit gesagt (RIS-Justiz RS0120109 [T3]).
Das zur Fundierung der AntrÃ¤ge in der Nichtigkeitsbeschwerde nachgetragene Vorbringen ist aufgrund des Neuerungsverbots unbeachtlich (RIS-Justiz RS0099618, RS0098978).
Der TatsachenrÃ¼ge (ZÂ 5a) ist voranzustellen, dass diese nur unertrÃ¤gliche Feststellungen zu entscheidenden Tatsachen und vÃ¶llig lebensfremde Ergebnisse der BeweiswÃ¼rdigung durch konkreten Verweis auf aktenkundige Beweismittel â€“ unter gleichzeitiger Bedachtnahme auf die Gesamtheit der tatrichterlichen BeweiserwÃ¤gungen â€“ verhindern will (RIS-Justiz RS0118780). Eine Ã¼ber die PrÃ¼fung erheblicher Bedenken hinausgehende Auseinandersetzung mit der Ãœberzeugungskraft von Beweisergebnissen â€“ wie sie die Berufung wegen Schuld des Einzelrichterverfahrens einrÃ¤umt â€“ wird durch sie aber nicht erÃ¶ffnet (RIS-Justiz RS0119583).
Indem der BeschwerdefÃ¼hrer einerseits unter Verweis auf mehrere Passagen der Anzeige vom 11.Â Mai 2019 (ONÂ 2) behauptet, die Familie der V***** Y***** neige â€žoffenbar zu Ãœbertreibungenâ€œ, andererseits aus seiner Sicht bestehende â€žAuffÃ¤lligkeiten und WidersprÃ¼cheâ€œ in den Aussagen der Zeugen V***** Y*****, S***** Y***** und A***** Y***** auflistet, bekÃ¤mpft er die BeweiswÃ¼rdigung nach Art einer Schuldberufung. Soweit dabei WidersprÃ¼che in den Aussagen der Zeugen betreffend â€ždie Art und Weise des Zusammentreffensâ€œ nach dem Einkauf am 11.Â Mai 2019, den Vorfall vom selben Tag in der Wohnung des S***** At***** und den Umfang der von V***** Y***** und S***** Y***** an ihre Verwandten und Freunde weitergegebenen Informationen thematisiert werden, richtet sich die RÃ¼ge nicht einmal gegen Feststellungen zu entscheidenden Tatsachen (RIS-Justiz RS0117499). Dasselbe gilt fÃ¼r die AnfÃ¼hrung von â€žAuffÃ¤lligkeitenâ€œ in den Angaben des Zeugen V***** A***** betreffend den vom Freispruch umfassten Vorfall.
Mit den Divergenzen in den Aussagen der Zeugen V***** Y***** und S***** Y***** zur HÃ¤ufigkeit der Gewalt sowie der Verantwortung des Angeklagten hat sich das SchÃ¶ffengericht â€“ der Beschwerde zuwider â€“ auseinandergesetzt (USÂ 8Â f und 10Â f).
Die von der RÃ¼ge ins Treffen gefÃ¼hrten unterschiedlichen Angaben der Zeugin V***** Y***** zur Art der Gewalt des Angeklagten gegenÃ¼ber seinen Kindern, die das selbe Thema betreffenden Angaben der Zeugin ***** Ya***** sowie die von der Beschwerde aufgezÃ¤hlten Passagen der Aussagen der Zeugen ***** G*****, S***** At*****, E***** A*****, die (zusammengefasst) nie Verletzungen an V***** Y***** wahrgenommen und denen vor dem 11.Â MaiÂ 2019 von der Genannten nie Ã¼ber SchlÃ¤ge durch den Angeklagten berichtet wurde, wecken wiederum mit Blick auf die Gesamtheit der Beweisergebnisse keine erheblichen Bedenken gegen die Richtigkeit des Ausspruchs Ã¼ber entscheidende Tatsachen.
Mit den â€žHinweisen zur vorliegenden Fremdsuggestionâ€œ bei S***** Y***** und A***** Y***** und zu â€žsprachlichen AuffÃ¤lligkeiten in ihren Aussagenâ€œ sowie mit dem Verweis auf das Vorbringen zu in der Hauptverhandlung gestellten BeweisantrÃ¤gen entspricht die BeweiswÃ¼rdigungskritik erneut nicht den Kriterien der ZÂ 5a.
Die Nichtigkeitsbeschwerde war daher bei der nichtÃ¶ffentlichen Beratung sofort zurÃ¼ckzuweisen (Â§Â 285d AbsÂ 1 StPO), woraus die ZustÃ¤ndigkeit des Oberlandesgerichts zur Entscheidung Ã¼ber die Berufung folgt (Â§Â 285i StPO).
Die Kostenersatzpflicht beruht auf Â§Â 390a AbsÂ 1 StPO.