Document Number: JJT_20201214_LG00046_1910BL00069_20I0000_000
ECLI: ECLI:AT:LG00046:2020:1910BL00069.20I.1214.000
Case Number: 191Bl69/20i
Application Type: Justiz
Court: LG fÃ¼r Strafsachen Wien
Decision Date: 1607904000000
Word Count: 1867

Kopf
Das Landesgericht fÃ¼r Strafsachen Wien als Vollzugsgericht am Sitz des Oberlandesgerichtes Wien (Â§ 16 Abs 3 StVG) hat durch den Vorsitzenden Dr. Pohnert sowie die weiteren Senatsmitglieder Richterin Mag. Hahn und Oberstleutnant Ing. Faymann als fachkundigen Laienrichter Ã¼ber die Beschwerde des H***** K***** vom ***** gegen die Entscheidung des Leiters der Justizanstalt ***** vom 8.9.2020 nichtÃ¶ffentlich den
B e s c h l u s s
gefasst:
Spruch
Der Beschwerde wird nicht Folge gegeben.
Text
B e g r Ã¼ n d u n g :
Mit Entscheidung des Leiters der Justizanstalt ***** vom 8.9.2020 wurde dem Antrag des H***** K***** vom 7.9.2020, in dem er um GewÃ¤hrung eines ***** Ausganges nach Â§ 99a StVG am 10.9.2020 zwecks Teilnahme am BegrÃ¤bnis seines Cousins M***** W***** nicht stattgegeben, da kein Kontakt bestanden habe.
Gegen diese Entscheidung richtet sich die am ***** beim Landesgericht fÃ¼r Strafsachen Wien eingelangte fristgerechte Beschwerde des H***** K***** vom *****, in der er das in der EntscheidungsbegrÃ¼ndung angefÃ¼hrte mangelnde NaheverhÃ¤ltnis zum Verstorbenen bestreitet und darauf verweist, dass Letztgenannter auf Grund einer GehirnhautentzÃ¼ndung beeintrÃ¤chtigt und besachwaltet war. In seiner Replik auf die Stellungnahme des Anstaltsleiters merkt der BeschwerdefÃ¼hrer Ã¼berdies an, dass es M***** W***** mangels barrierefreien Zugangs in die JA ***** nicht mÃ¶glich war ihn mit einem Rollstuhl zu besuchen.
Folgender Sachverhalt wird als erwiesen angenommen und der gegenstÃ¤ndlichen Entscheidung zu Grunde gelegt:
Die Strafregisterauskunft (ON 7) des H***** K***** weist insgesamt sieben groÃŸteils massive Verurteilungen ausschlieÃŸlich nach dem SMG auf.
Derzeit wird an ihm - mit voraussichtlichem Entlassungszeitpunkt ***** - eine Freiheitsstrafe in der Dauer von ***** vollzogen, die anlÃ¤sslich der Verurteilung des Landesgerichts ***** vom *****, AZ *****, rechtskrÃ¤ftig seit *****, wegen Verbrechens des Suchtgifthandels nach Â§ 28a Abs 1 vierter Fall, Abs 4 Z 3 SMG Ã¼ber ihn verhÃ¤ngt wurde, weil er in ***** und anderen Orten im raschen RÃ¼ckfall
I./ im bewussten und gewollten Zusammenwirken als MittÃ¤ter mit B***** A***** und D***** D***** im Zeitraum von ***** bis ***** vorschriftswidrig Suchtgift, und zwar 2 Kilogramm Kokain, enthaltend 85,3% Cocain, in einer das 25-fache der Grenzmenge Ã¼bersteigenden Menge der Vertrauensperson â€žL*****â€œ zu einem Preis von â‚¬ 90.000,-- angeboten hat, und
II./Â am ***** vorschriftswidrig Suchtgift, und zwar 500 Gramm, enthaltend 85,3% Cocain, in einer das 25-fache der Grenzmenge (Â§ 28b SMG) vielfach Ã¼bersteigenden Menge der Vertrauensperson â€žL*****â€œ zu einem Preis von â‚¬ 25.000,-- angeboten hat.
Bereits davor hatte der BeschwerdefÃ¼hrer insgesamt ***** in Haft verbracht und findet sich in den seit ***** gefÃ¼hrten Aufzeichnungen Ã¼ber die Besuche des H***** K***** lediglich einer des M***** W***** in der Justizanstalt *****, und zwar am ***** 2010 (AS 26 in ON 4). In den Kontaktdaten der Telefonfreischaltung wurde M***** W***** nie als Telefonkontakt von H***** K***** definiert und bestand zwischen dem BeschwerdefÃ¼hrer und M***** W***** kein besonderes NaheverhÃ¤ltnis.
Aktuell wird H***** K***** im gelockerten Vollzug angehalten. Es kommt ihm grundsÃ¤tzlich die MÃ¶glichkeit zu, AusgÃ¤nge gemÃ¤ÃŸ Â§ 126 Abs 2 Z 4 StVG zu konsumieren.
Auf Grund der im Jahr 2020 herrschenden COVID-19-Pandemie und der aus diesem Anlass ergangenen Verordnung der Bundesministerin fÃ¼r Justiz, BGBl II 120/2020 in der fÃ¼r den verfahrensgegenstÃ¤ndlichen Zeitpunkt geltenden Fassung BGBl II 376/2020 (in Kraft getreten am 1.9.2020) galt nach Â§ 7, dass FreiheitsmaÃŸnahmen nach Â§Â§ 99, 99a, 126 Abs 2 Z 4 und Abs 4 StVG bis zum 30. September 2020 grundsÃ¤tzlich unzulÃ¤ssig sind und Ausnahmen nur zur Erledigung unaufschiebbarer, nicht substituierbarer persÃ¶nlicher Angelegenheiten sowie im Einzelfall, etwa zur Vorbereitung der Entlassung, bewilligt werden, sofern durch entsprechende PrÃ¤ventiv- und HygienemaÃŸnahmen das Infektionsrisiko minimiert werden kann.
Mit Ansuchen vom 7.9.2020 erbat H***** K***** die GewÃ¤hrung eines Ausgangs am 10.9.2020 in der Zeit von ***** Uhr bis ***** Uhr gemÃ¤ÃŸ Â§ 99a StVG und begrÃ¼ndete sein Begehren mit der Teilnahme am BegrÃ¤bnis seines Cousins M***** W***** am ***** Friedhof um ***** Uhr.
Diesem Ansuchen wurde mit am 9.9.2020 verkÃ¼ndeter Entscheidung vom 8.9.2020 nicht stattgegeben und begrÃ¼ndend auf die durchgefÃ¼hrten Erhebungen, die keinen Kontakt belegen, verwiesen. Die vom BeschwerdefÃ¼hrer gegenÃ¼ber dem Sozialen Dienst angefÃ¼hrte enge Beziehung zum Verstorbenen, die durch die Schwester des Insassen bestÃ¤tigt worden sei, war nicht erweisbar, weil seit der ersten Haft lediglich ein Besuch am ***** 2010 von M***** W***** erfolgte und dieser nicht in der Telefonliste eingetragen ist.
BeweiswÃ¼rdigend stÃ¼tzt sich der festgestellte Sachverhalt auf die in Klammerzitat angefÃ¼hrten einzelnen Fundstellen im Akt sowie die Einsichtnahme in die sonstigen von der Anstaltsleitung vorgelegten aktenmÃ¤ÃŸig erfassten VorgÃ¤nge, insbesondere die Stellungnahme des Leiters der Justizanstalt ***** vom ***** (ON 4) und die damit vorgelegten Unterlagen, nÃ¤mlich insbesondere das Ansuchen vom 7.9.2020 samt Entscheidung vom 8.9.2020, die Parte des M***** W*****, aus der dessen Ableben am ***** sowie dessen BegrÃ¤bnis am 10.9.2020, ***** Uhr, auf dem Friedhof ***** hervorgeht, und die Besucherliste des H***** K*****. Zudem wurde amtswegig eine Strafregisterauskuunft und das der derzeit in Vollzug befindlichen Strafe zu Grunde liegende Urteil des Landesgerichts ***** vom *****, AZ *****, samt bezughabender Rechtmittelentscheidung beigeschafft (ON 6).
Dass kein besonderes NaheverhÃ¤ltnis zwischen dem BeschwerdefÃ¼hrer und M***** W***** bestanden hatte, war â€“ trotz der entgegengesetzten Behauptung des H***** K*****, der sich auf die Behinderung seines Cousines berief â€“ auf Grund des bloÃŸ einmaligen Besuchskontakts in den vielen Jahren der Haft des BeschwerdefÃ¼hrers am ***** 2010 im Zusammenhalt mit dem vom BeschwerdefÃ¼hrer nicht in Abrede gestellten Umstand eines gÃ¤nzlich fehlenden Telefonkontaktes feststellbar.
Rechtliche Beurteilung
Rechtlich folgt:
GemÃ¤ÃŸ Â§ 120 Abs 1 StVG kÃ¶nnen sich die Strafgefangenen gegen jede ihre Rechte betreffende Entscheidung oder Anordnung und Ã¼ber jedes ihre Rechte betreffende Verhalten der Strafvollzugsbediensteten beschweren. Ãœber die Art der Ã¤rztlichen Behandlung kÃ¶nnen sich die Strafgefangenen jedoch nur nach Â§ 122 StVG beschweren. Die Beschwerde hat die angefochtene Entscheidung, Anordnung oder das Verhalten zu bezeichnen und die GrÃ¼nde fÃ¼r die Erhebung der Beschwerde, soweit sie nicht offenkundig sind, darzulegen und ist nach Abs 2 leg cit binnen 14 Tagen einzubringen.
Nach Â§ 121 Abs 1 StVG hat Ã¼ber Beschwerden gegen Strafvollzugsbedienstete oder deren Anordnungen der Anstaltsleiter zu entscheiden. Richtet sich eine Beschwerde gegen eine Entscheidung, Anordnung oder ein Verhalten des Anstaltsleiters oder gegen die Verletzung der Entscheidungspflicht durch den Anstaltsleiter, und hilft er der Beschwerde nicht selbst ab, so hat darÃ¼ber das Vollzugsgericht (Â§ 16 Abs 3 StVG) zu entscheiden.
GemÃ¤ÃŸ Â§ 16 Abs 3 StVG entscheidet das Vollzugsgericht am Sitz des Oberlandesgerichts, in dessen Sprengel die Freiheitsstrafe vollzogen wird, Ã¼ber Beschwerden Z 1. gegen eine Entscheidung oder Anordnung des Anstaltsleiters,
Z 2. wegen Verletzung eines subjektiven Rechts durch ein Verhalten des Anstaltsleiters,
Z 3. wegen Verletzung der Entscheidungspflicht durch den Anstaltsleiter.
Entscheidungen sind inhaltliche Erledigungen von Ansuchen oder Beschwerden sowie Ordnungsstraferkenntnisse. Entscheidungen sind â€“ anders als Anordnungen â€“ immer dem Anstaltsleiter zuzurechnen, auch wenn sie im Rahmen des innerbehÃ¶rdlichen Mandats von einem anderen Strafvollzugsbediensteten getroffen wurden und kommt es dabei nicht auf die Form der Entscheidung an (Drexler/Weger, StVG4 Â§ 120 Rz 4; Pieber in WKÂ²-StVG Â§ 16 Rz 11/3).
Somit ist die ZustÃ¤ndigkeit des Vollzugsgerichts gegeben und ist auch von der Rechtzeitigkeit der am ***** beim Landesgericht ***** eingelangten Beschwerde vom ***** (Postaufgabedatum *****) gegen die am 9.9.2020 verkÃ¼ndete Entscheidung vom 8.9.2020 auszugehen.
Der Beschwerde kommt jedoch aus nachfolgenden ErwÃ¤gungen keine Berechtigung zu:
Strafgefangene haben unter den in Â§ 99 Abs 1 und Â§ 99a Abs 1 StVG genannten Voraussetzungen einen subjektiv-Ã¶ffentlichen Rechtsanspruch auf GewÃ¤hrung eines Ausganges. Demnach ist einem nicht besonders gefÃ¤hrlichen Strafgefangenen, der nach der Art und dem Beweggrund der strafbaren Handlung, deretwegen er verurteilt worden ist, sowie nach seinem Lebenswandel vor der Anhaltung und seiner AuffÃ¼hrung wÃ¤hrend dieser weder fÃ¼r die Sicherheit des Staates, noch fÃ¼r die der Person oder des Eigentums besonders gefÃ¤hrlich ist, auf sein Ansuchen hÃ¶chstens zweimal im Vierteljahr zu gestatten, die Anstalt in der Dauer von hÃ¶chstens zwÃ¶lf Stunden am Tag zu verlassen, wenn die voraussichtlich noch zu verbÃ¼ÃŸende Strafzeit drei Jahre nicht Ã¼bersteigt und der Strafgefangene den Ausgang zu einem der im Â§ 93 Abs 2 StVG genannten Zwecke, sohin zur Regelung wichtiger persÃ¶nlicher, wirtschaftlicher oder rechtlicher Angelegenheiten, die weder schriftlich erledigt noch bis zur Entlassung aufgeschoben werden kÃ¶nnen, sowie zur Aufrechterhaltung familiÃ¤rer und sonstiger persÃ¶nlicher Bindungen, benÃ¶tigt. Der Ausgang ist dabei gemÃ¤ÃŸ Â§Â§ 99a Abs 3 iVm 99 Abs 5 StVG vom Anstaltsleiter allenfalls nur unter gewissen Auflagen, wie etwa jener der Begleitung durch einen Strafvollzugsbediensteten zu gewÃ¤hren.
FÃ¼r die angesprochenen RechtsgÃ¼ter ist ein Verurteilter dann besonders gefÃ¤hrlich, wenn es wahrscheinlich ist, dass er in Freiheit Straftaten nicht bloÃŸ leichter Art zum Schaden dieser RechtsgÃ¼ter wiederholen oder ausfÃ¼hren wird, wobei im Sinne eines beweglichen Systems bereits eine geringere Wahrscheinlichkeit einer schweren Straftat ebenso die besondere GefÃ¤hrlichkeit begrÃ¼ndet, wie eine mit hÃ¶herer Wahrscheinlichkeit zu erwartende wiederholte Begehung weniger schwerwiegender Straftat, weil in beiden FÃ¤llen ein vergleichbares SchutzbedÃ¼rfnis der Gesellschaft besteht. An eine solche â€žTatbegehungsgefahrâ€œ begrÃ¼ndende UmstÃ¤nde ist ein weniger strenger MaÃŸstab anzulegen, als in den FÃ¤llen des Â§ 173 Abs 2 Z 3 StPO (vgl Pieber in WK2 StVG Â§ 99, 99a Rz 1 iVm Â§ 5 Rz 28 f mwN).
Unter den in Â§Â§ 99 Abs 1, 99a Abs 1 StVG genannten Voraussetzungen haben Strafgefangene ein subjektiv-Ã¶ffentliches Recht auf GewÃ¤hrung der Lockerung des Ausgangs, wobei Â§ 99 Abs 1 Z 1 lit b StVG in diesem Zusammenhang normiert, dass einem Strafgefangenen, dessen voraussichtlich noch zu verbÃ¼ÃŸende Strafzeit drei Jahre nicht Ã¼bersteigt, Ã¼ber seinen Antrag eine Unterbrechung der Freiheitsstrafe in der Dauer von hÃ¶chstens acht Tagen zur Teilnahme an dem BegrÃ¤bnis eines AngehÃ¶rigen oder einem anderen ihm besonders nahestehenden Menschen zu gewÃ¤hren ist, wenn er nach der Art und dem Beweggrund der strafbaren Handlung, deretwegen er verurteilt worden ist, sowie nach seinem Lebenswandel vor der Anhaltung und seiner AuffÃ¼hrung wÃ¤hrend dieser weder fÃ¼r die Sicherheit des Staates, noch fÃ¼r die der Person oder des Eigentums besonders gefÃ¤hrlich ist.
Â§Â§ 99 und 99a StVG dienen grundsÃ¤tzlich somit dazu, das soziale Netz des Strafgefangenen auÃŸerhalb der Anstalt zu erhalten und soziale Beziehungen einschlieÃŸlich der wirtschaftlichen und rechtlichen Angelegenheiten zu pflegen. Bei einem Ausgang (Â§ 99a StVG) handelt sich um â€žsoziales Trainingâ€œ zur Hintanhaltung negativer Begleiterscheinungen der Haft (Drexler/Weger, StVG4 Â§ 99a Rz 1).
Diese Bestimmungen, sowie auch die des Â§ 126 Abs 2 Z 4 StVG erfahren allerdings auf Grund des zum Entscheidungszeitpunkt anzuwenden gewesenen Â§ 7 Abs 1 der Verordnung der Bundesministerin fÃ¼r Justiz Ã¼ber besondere Vorkehrungen im Anwendungsbereich des Strafvollzugsgesetzes zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19, BGBl II 120/2020 idF BGBl II Nr. 376/2020 die EinschrÃ¤nkung, dass diese FreiheitsmaÃŸnahmen bis zum Ablauf des 30. September 2020 grundsÃ¤tzlich unzulÃ¤ssig waren. Ausnahmen konnten gemÃ¤ÃŸ Â§ 7 Abs 2 dieser Verordnung idF BGBl II Nr. 241/2020 nur zur Erledigung unaufschiebbarer, nicht substituierbarer persÃ¶nlicher Angelegenheiten sowie im Einzelfall, etwa zur Vorbereitung der Entlassung, bewilligt werden, sofern durch entsprechende PrÃ¤ventiv- und HygienemaÃŸnahmen das Infektionsrisiko minimiert werden kann.
Ausgehend von den getroffenen Feststellungen, wonach einerseits kein besonderes NaheverhÃ¤ltnis zwischen dem verstorbenen M***** W***** und dem BeschwerdefÃ¼hrer bestand und andererseits es sich bei der Teilnahme an einem BegrÃ¤bnis nicht um eine nicht substituierbare persÃ¶nliche Angelegenheit handelt und diese auch nicht zur Vorbereitung der erst in mehreren Jahren vorgesehenen Entlassung notwendig ist, lag im konkreten Fall somit keine Ausnahme iSd Â§ 7 Abs 2 der Verordnung der Bundesministerin fÃ¼r Justiz Ã¼ber besondere Vorkehrungen im Anwendungsbereich des Strafvollzugsgesetzes zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19 idF BGBl. II Nr. 376/2020 vor.
Es ist daher die bekÃ¤mpfte Entscheidung des Anstaltsleiters nicht zu beanstanden, sodass spruchgemÃ¤ÃŸ zu entscheiden war.