Document Number: JJT_20200528_OGH0002_0120OS00036_20S0000_000
ECLI: ECLI:AT:OGH0002:2020:0120OS00036.20S.0528.000
Case Number: 12Os36/20s (12Os37/20p, 12Os38/20k, 12Os39/20g, 12Os40/20d, 12Os41/20a, 12Os42/20y, 12Os43/20w)
Application Type: Justiz
Court: OGH
Decision Date: 1590624000000
Word Count: 982

Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat am 28.Â MaiÂ 2020 durch den SenatsprÃ¤sidenten des Obersten Gerichtshofs Dr.Â SolÃ© als Vorsitzenden sowie durch den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Oshidari und die HofrÃ¤tinnen des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Michel-Kwapinski, Dr.Â Brenner und Dr.Â Setz-Hummel in Gegenwart der SchriftfÃ¼hrerin Mag.Â Walter in der Strafsache gegen Patrick L***** und andere Angeklagte wegen des Verbrechens des schweren gewerbsmÃ¤ÃŸig durch Einbruch begangenen Diebstahls nach Â§Â§Â 127, 128 AbsÂ 1 ZÂ 5, 129 AbsÂ 2 ZÂ 1 (iVm AbsÂ 1 ZÂ 1 und 2), 130 AbsÂ 2 zweiter Fall (iVm Abs 1 erster Fall) und 15 StGB und weiterer strafbarer Handlungen, AZÂ 14Â HvÂ 41/19s des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Graz, Ã¼ber die von der Generalprokuratur gegen mehrere Urteile und BeschlÃ¼sse in diesem Verfahren erhobene Nichtigkeitsbeschwerde zur Wahrung des Gesetzes nach Ã¶ffentlicher Verhandlung in Anwesenheit des Vertreters der Generalprokuratur, Oberstaatsanwalt Dr.Â Santeler, LL.M., zu Recht erkannt:
Spruch
Im Verfahren AZÂ 14Â HvÂ 41/19s des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Graz verletzen
1./Â die Urteile des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Graz
a./Â vom 6.Â JuniÂ 2019, GZÂ 14Â HvÂ 41/19s-38a, und
b./Â vom 4.Â JuliÂ 2019, GZÂ 14Â HvÂ 41/19s-49,
soweit sie jeweils keinen Ausspruch Ã¼ber die Kostenersatzpflicht der Angeklagten enthalten, Â§Â 260 AbsÂ 1 ZÂ 5 StPO iVm Â§Â 389 AbsÂ 1 StPO,
2./Â das Urteil des Oberlandesgerichts Graz vom 20.Â DezemberÂ 2019, AZÂ 1Â BsÂ 156/19d (ONÂ 77), soweit darin dem Angeklagten auch die Kosten des Rechtsmittelverfahrens auferlegt wurden, Â§Â 390a AbsÂ 1 StPO iVm Â§Â 389 AbsÂ 1 StPO,
3./Â die KostenbestimmungsbeschlÃ¼sse des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Graz
a./Â vom 19.Â JuniÂ 2019 (ONÂ 58),
b./Â vom 20.Â SeptemberÂ 2019 (ONÂ 57),
c./Â vom 20.Â SeptemberÂ 2019 (ONÂ 59),
d./Â vom 20.Â SeptemberÂ 2019 (ONÂ 60) und
e./Â vom 27.Â JÃ¤nnerÂ 2020 (ONÂ 78),
Â§Â 381 AbsÂ 1 StPO iVm Â§Â 389 AbsÂ 1 StPO.
Es werden
a./Â das Urteil des Oberlandesgerichts Graz vom 20.Â DezemberÂ 2019, AZÂ 1Â BsÂ 156/19d, das im Ãœbrigen unberÃ¼hrt bleibt, im Kostenausspruch sowie
b./Â die unter 3./ angefÃ¼hrten BeschlÃ¼sse des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Graz, jeweils ersatzlos,
aufgehoben.
Text
GrÃ¼nde:
Mit Urteil des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Graz vom 6.Â JuniÂ 2019, GZÂ 14Â HvÂ 41/19s-38a, wurden â€“ soweit hier von Bedeutung â€“ Oliver K*****, Benjamin S*****, Horst P***** und Sophie D***** verschiedener strafbarer Handlungen schuldig erkannt und zu (zum Teil oder zur GÃ¤nze bedingt nachgesehenen) Freiheitsstrafen verurteilt.
Einen Ausspruch Ã¼ber die Verpflichtung zum Ersatz der Kosten des Strafverfahrens (Â§Â 389 AbsÂ 1 StPO) enthÃ¤lt das Urteil nicht (ONÂ 38a SÂ 5Â f; vgl auch ONÂ 38 SÂ 11Â ff). In den EntscheidungsgrÃ¼nden findet sich in diesem Zusammenhang nur der Satz â€žKostenersatz sowie Vorhaftanrechnung grÃ¼nden sich auf die angefÃ¼hrten Gesetzesstellen und sind Folgen der SchuldsprÃ¼cheâ€œ (ONÂ 38a SÂ 18; vgl auch den handschriftlichen Vermerk â€ž389 StPOâ€œ â€žzu ON 38â€œ [letztes Blatt der ONÂ 38]).
In Ansehung der genannten Angeklagten erwuchs das Urteil unbekÃ¤mpft in Rechtskraft.
Mit Urteil des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Graz vom 4.Â JuliÂ 2019, GZÂ 14Â HvÂ 41/19s-49, wurde Patrick L***** mehrerer Vergehen schuldig erkannt, hiefÃ¼r zu einer (bedingt nachgesehenen) Freiheitsstrafe verurteilt und nach Â§Â 22 AbsÂ 1 StGB in eine Anstalt fÃ¼r entwÃ¶hnungsbedÃ¼rftige Rechtsbrecher eingewiesen.
Auch dieses Urteil enthÃ¤lt keinen Ausspruch Ã¼ber die Verpflichtung zum Ersatz der Kosten des Strafverfahrens gemÃ¤ÃŸ Â§Â 389 AbsÂ 1 StPO (ONÂ 49 SÂ 1Â ff, insbesondere SÂ 3; vgl auch ONÂ 48 SÂ 7Â f), sondern gleichfalls nur den Satz â€žKostenersatz sowie Vorhaftanrechnung grÃ¼nden sich auf die angefÃ¼hrten Gesetzesstellen und sind Folgen des Schuldspruchesâ€œ in den EntscheidungsgrÃ¼nden (ONÂ 49 SÂ 10).
Der gegen dieses Urteil von Patrick L***** erhobenen Berufung wegen des Ausspruchs Ã¼ber die Strafe (ONÂ 51, 71) gab das Oberlandesgericht Graz mit Urteil vom 20.Â DezemberÂ 2019, AZÂ 1Â BsÂ 156/19d (ONÂ 77), keine Folge und sprach gestÃ¼tzt auf Â§Â 390a AbsÂ 1 StPO aus, dass dem Angeklagten auch die Kosten des Rechtsmittelverfahrens zur Last fallen (ONÂ 77 SÂ 1 und 3).
Mit â€“ unbekÃ¤mpft gebliebenen â€“ BeschlÃ¼ssen des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Graz vom 19.Â JuniÂ 2019 hinsichtlich Benjamin S***** (ONÂ 58), je vom 20.Â SeptemberÂ 2019 hinsichtlich Oliver K***** (ONÂ 57), Horst P***** (ONÂ 59) und Sophie D***** (ONÂ 60) und vom 27.Â JÃ¤nnerÂ 2020 hinsichtlich Patrick L***** (ONÂ 78) wurden die von den genannten Angeklagten jeweils zu tragenden Kosten des Strafverfahrens gemÃ¤ÃŸ Â§Â 381 AbsÂ 1 ZÂ 1 StPO ziffernmÃ¤ÃŸig bestimmt.
Rechtliche Beurteilung
Wie die Generalprokuratur in ihrer gemÃ¤ÃŸ Â§Â 23 StPO erhobenen Nichtigkeitsbeschwerde zur Wahrung des Gesetzes zutreffend ausfÃ¼hrt, stehen die dargestellten Urteile und BeschlÃ¼sse des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Graz sowie das genannte Urteil des Oberlandesgerichts Graz mit dem Gesetz nicht im Einklang:
1./Â Im Fall eines Schuldspruchs ist der Angeklagte gemÃ¤ÃŸ Â§Â 389 AbsÂ 1 StPO auch zum Ersatz der Kosten des Strafverfahrens zu verpflichten. Die Entscheidung Ã¼ber die Prozesskosten ist gemÃ¤ÃŸ Â§Â 260 AbsÂ 1 ZÂ 5 StPO notwendiger Bestandteil des Strafurteils. DemgemÃ¤ÃŸ wÃ¤re das Landesgericht fÃ¼r Strafsachen Graz dazu verhalten gewesen, die Verpflichtung der (sÃ¤mtlich schuldig gesprochenen) Angeklagten zum Ersatz der Kosten des Strafverfahrens im Erkenntnis auszusprechen. Dieses Unterbleiben des Ausspruchs Ã¼ber die Kostentragung ist mangels Anfechtung nicht mehr nachzuholen (vgl Lendl, WK-StPO Â§Â 260 RzÂ 49; Â§Â 389 RzÂ 4). Der in den EntscheidungsgrÃ¼nden angefÃ¼hrte Hinweis, wonach sich (auch) der Kostenersatz auf die â€žjeweiligeâ€œ Gesetzesstelle grÃ¼ndet und Folge des Schuldspruchs ist (ONÂ 38a SÂ 18, ONÂ 49 SÂ 10), vermag â€“ ebenso wie die handschriftliche AnfÃ¼hrung der betreffenden Gesetzesstelle im Aktenvermerk â€žzu ONÂ 38â€œ â€“ einen Ausspruch gemÃ¤ÃŸ Â§Â 260 AbsÂ 1 ZÂ 5 StPO nicht zu ersetzen.
In der Unterlassung des Ausspruchs Ã¼ber die Verpflichtung der Angeklagten zum Kostenersatz verletzen daher die Urteile des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Graz vom 6.Â JuniÂ 2019, GZÂ 14Â HvÂ 41/19s-38a, und vom 4.Â JuliÂ 2019, GZÂ 14Â HvÂ 41/19s-49, jeweils Â§Â 389 AbsÂ 1 StPO iVm Â§Â 260 AbsÂ 1 ZÂ 5 StPO.
2./Â Voraussetzung fÃ¼r eine Kostenersatzpflicht im Rechtsmittelverfahren (Â§Â 390a AbsÂ 1 StPO) ist â€“ sofern das Rechtsmittelgericht nicht in der Sache selbst erkennt â€“ ein grundsÃ¤tzlicher Ausspruch derselben gemÃ¤ÃŸ Â§Â 389 StPO (oder Â§Â 390 StPO) in der Entscheidung erster Instanz (RIS-Justiz RS0101332; Lendl, WK-StPO Â§Â 389 RzÂ 4Â f und Â§Â 390a RzÂ 4; Fabrizy, StPO13 Â§Â 389 RzÂ 3).
Zufolge unbekÃ¤mpft gebliebener Unterlassung des Ausspruchs der allgemeinen Kostenersatzpflicht im Urteil des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Graz vom 4.Â JuliÂ 2019, GZÂ 14Â HvÂ 41/19s-49, verletzt der Ausspruch der Ersatzpflicht auch der Kosten des Rechtsmittelverfahrens in der Berufungsentscheidung des Oberlandesgerichts Graz vom 20.Â DezemberÂ 2019, AZÂ 1Â BsÂ 156/19d (ONÂ 77), somit Â§Â 390a AbsÂ 1 StPO.
3./Â Mangels grundsÃ¤tzlicher Entscheidung Ã¼ber die Kostenersatzpflicht entbehren Ã¼berdies die BeschlÃ¼sse des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Graz vom 19.Â JuniÂ 2019 (ONÂ 58), vom 20.Â SeptemberÂ 2019 (ONÂ 57, 59 und 60) sowie vom 27.Â JÃ¤nnerÂ 2020 (ONÂ 78), in denen jeweils die Kosten des Strafverfahrens gemÃ¤ÃŸ Â§Â 381 AbsÂ 1 ZÂ 1 StPO ziffernmÃ¤ÃŸig bestimmt wurden, einer Grundlage (RIS-Justiz RS0101304) und stehen daher mit den Bestimmungen der Â§Â§Â 389 AbsÂ 1, 381 AbsÂ 1 StPO nicht im Einklang (vgl Lendl, WK-StPO Â§Â 381 RzÂ 3, Â§Â 389 RzÂ 6).
Da sich die unter 2./ und 3./ aufgezeigten Gesetzesverletzungen zum Nachteil der Verurteilten auswirkten, sah sich der Oberste Gerichtshof veranlasst, deren Feststellung â€“ wie im Spruch ersichtlich â€“ mit konkreter Wirkung zu verbinden (Â§Â 292 letzter Satz StPO).