Document Number: JWT_2020200001_20201012L00
ECLI: ECLI:AT:VWGH:2020:RA2020200001.L00
Case Number: Ra 2020/20/0001
Application Type: Vwgh
Court: Verwaltungsgerichtshof (VwGH)
Decision Date: 1602460800000
Word Count: 2164

Spruch
Das angefochtene Erkenntnis wird in seinen SpruchpunktenÂ A)Â II. bisÂ A)Â IV. wegen Rechtswidrigkeit seines Inhalts aufgehoben.
BegrÃ¼ndung
1Â Der Mitbeteiligte, ein afghanischer StaatsangehÃ¶riger, stellte am 15.Â SeptemberÂ 2015 einen Antrag auf internationalen Schutz und begrÃ¼ndete diesen im Wesentlichen damit, dass er von Bewohnern seines Heimatdorfes fÃ¼r den Brand einer Moschee verantwortlich gemacht und mit dem Umbringen bedroht werde.
2Â Mit Bescheid vom 23.Â AugustÂ 2016 wies das Bundesamt fÃ¼r Fremdenwesen und Asyl (BFA) den Antrag sowohl hinsichtlich der Zuerkennung des Status des Asylberechtigten (SpruchpunktÂ I.) als auch des Status des subsidiÃ¤r Schutzberechtigten (SpruchpunktÂ II.) als unbegrÃ¼ndet ab. Das BFA erteilte dem Mitbeteiligten keinen Aufenthaltstitel aus berÃ¼cksichtigungswÃ¼rdigen GrÃ¼nden, erlieÃŸ gegen ihn eine RÃ¼ckkehrentscheidung und stellte fest, dass seine Abschiebung nach Afghanistan zulÃ¤ssig sei (SpruchpunktÂ III.). Die Frist zur freiwilligen Ausreise wurde mit zweiÂ Wochen ab Rechtskraft der RÃ¼ckkehrentscheidung festgelegt (SpruchpunktÂ IV.).
3Â Dagegen erhob der Mitbeteiligte Beschwerde. Mit mÃ¼ndlich verkÃ¼ndetem Beschluss vom 19.Â MÃ¤rzÂ 2019 stellte das Bundesverwaltungsgericht (BVwG) das Beschwerdeverfahren hinsichtlich SpruchpunktÂ I. des angefochtenen Bescheides wegen ZurÃ¼ckziehung der Beschwerde ein (SpruchpunktÂ A.Â I.), erkannte dem Mitbeteiligten mit Erkenntnis vom selben Tag den Status des subsidiÃ¤r Schutzberechtigten in Bezug auf den Herkunftsstaat Afghanistan zu (SpruchpunktÂ A.Â II.), erteilte ihm eine befristete Aufenthaltsberechtigung (SpruchpunktÂ A.Â III.) und behob â€ždie Ã¼brigen Spruchteile des angefochtenen Bescheidesâ€œ ersatzlos (SpruchpunktÂ A.Â IV.). Die Revision erklÃ¤rte das BVwG gemÃ¤ÃŸ Art.Â 133 Abs.Â 4Â B-VG fÃ¼r nicht zulÃ¤ssig (SpruchpunktÂ B.). Ãœber Antrag der revisionswerbenden Partei erging am 25.Â NovemberÂ 2019 eine schriftliche Ausfertigung dieses Erkenntnisses im Umfang der SpruchpunkteÂ A.Â II. bisÂ A.Â IV.
4Â BegrÃ¼ndend fÃ¼hrte das BVwG -Â soweit fÃ¼r den vorliegenden Revisionsfall von BedeutungÂ - aus, der Mitbeteiligte sei afghanischer StaatsangehÃ¶riger, AngehÃ¶riger der Volksgruppe der Paschtunen, spreche Paschtu und bekenne sich zur sunnitischen Glaubensrichtung des Islam. Er sei ledig und habe keine Kinder. Er sei am 12.Â FebruarÂ 1997 in der afghanischen ProvinzÂ Baghlan geboren, habe Afghanistan im JuliÂ 2015 verlassen, sei Ã¼ber Pakistan nach Europa gereist und seither nicht mehr in Afghanistan gewesen. Der Mitbeteiligte habe in Afghanistan vierÂ Jahre lang die Schule besucht, aber keine Berufserfahrung gesammelt. Er sei gesund und arbeitsfÃ¤hig.
5Â Die Familie des Mitbeteiligten bestehe aus seinen Eltern, seiner Schwester und seinen zweiÂ BrÃ¼dern, die allesamt in Pakistan lebten. In seiner Heimatprovinz lebten noch seine GroÃŸmutter und sein Onkel samt dessen Familie. Eine finanzielle UnterstÃ¼tzung durch seine Familie oder die des Onkels sei bei einer Ansiedelung des Mitbeteiligten in Afghanistan â€žnicht zu erwartenâ€œ. Er stehe auch nicht mehr in Kontakt zu seiner in Kabul lebenden Tante und deren FamilienangehÃ¶rigen. Der Mitbeteiligte habe somit â€žkeine familiÃ¤ren und sozialen AnknÃ¼pfungspunkte in Afghanistan, auf die er im Falle einer RÃ¼ckkehr zurÃ¼ckgreifen kÃ¶nnteâ€œ.
6Â In seinen Feststellungen zur Situation im Herkunftsland hielt das BVwG unter anderem Folgendes fest:
â€žDie GroÃŸfamilie ist die zentrale soziale Institution in Afghanistan und bildet das wichtigste soziale Sicherheitsnetz der Afghanen. Alle Familienmitglieder sind Teil des familiÃ¤ren Netzes. Die GroÃŸfamilie trÃ¤gt zu Schutz, Betreuung und Versorgung ihrer Mitglieder bei. Sie bildet auch eine wirtschaftliche Einheit; die MÃ¤nner der Familie sind verpflichtet, die Mitglieder der GroÃŸfamilie zu unterstÃ¼tzen und die Familie in der Ã–ffentlichkeit zu reprÃ¤sentieren. Auslandsafghanen pflegen zumeist enge Kontakte mit ihren Verwandten in Afghanistan. Quellen zufolge verlieren nur sehr wenige Afghanen in Europa den Kontakt zu ihrer Familie.
[...]
Quellen zufolge halten Familien in Afghanistan in der Regel Kontakt zu ihrem nach Europa ausgewanderten Familienmitglied und wissen genau Bescheid, wo sich dieses aufhÃ¤lt und wie es ihm in Europa ergeht. Dieser Faktor wird in Asylinterviews meist heruntergespielt und viele Migranten, vor allem MinderjÃ¤hrige, sind instruiert zu behaupten, sie hÃ¤tten keine lebenden Verwandten mehr oder jeglichen Kontakt zu diesen verloren.â€œ
7Â BeweiswÃ¼rdigend fÃ¼hrte das BVwG unter anderem aus, die Feststellung, dass die Familie des Mitbeteiligten oder sonstige in Afghanistan aufhÃ¤ltige Verwandte bei seiner RÃ¼ckkehr nach Afghanistan â€žnicht in der Lageâ€œ seien, diesen finanziell zu unterstÃ¼tzen, grÃ¼nde sich auf dessen glaubhafte Angaben zu den Berufen und der Einkommenssituation seiner FamilienangehÃ¶rigen in der Einvernahme durch das BFA und in der mÃ¼ndlichen Verhandlung. Der Mitbeteiligte zÃ¤hle zur Gruppe der jungen, gesunden und arbeitsfÃ¤higen MÃ¤nner. Er verfÃ¼ge zusÃ¤tzlich Ã¼ber eine â€žtragfÃ¤higeâ€œ Schulbildung und habe sich in Ã–sterreich weitergebildet. Allerdings habe er â€žkaum Berufserfahrungâ€œ vorzuweisen, die es ihm ermÃ¶glichen wÃ¼rde, in seiner Heimat ausreichend Geld fÃ¼r den Lebensunterhalt zu verdienen. Ebenso kÃ¶nne er nicht â€žvon seiner in Pakistan lebenden Familieâ€œ oder seinen â€žin Afghanistan lebenden Verwandtenâ€œ, zu denen er teilweise keinen Kontakt mehr habe, unterstÃ¼tzt werden, weshalb eine UnterstÃ¼tzung durch die Familie ausgeschlossen werden kÃ¶nne. In Zusammenschau â€žmit den ins Verfahren eingeflossenen LÃ¤nderberichtenâ€œ lasse sich â€žgut erkennenâ€œ, dass fÃ¼r den Mitbeteiligten in seinem Heimatland keine Alternativen fÃ¼r einen Aufenthalt bestÃ¼nden (unter Hinweis auf eine in der Verhandlungsschrift dokumentierte -Â erkennbar vom Richter geÃ¤uÃŸerteÂ - Bewertung der Berichte Ã¼ber die Situation im Herkunftsstaat). Aufgrund der Angaben in der mÃ¼ndlichen Verhandlung vor dem BVwG sei davon auszugehen, dass der Mitbeteiligte keinen Kontakt zu sonstigen â€žin Afghanistan lebenden Verwandtenâ€œ habe. Daher habe der Mitbeteiligte in Afghanistan weder familiÃ¤ren RÃ¼ckhalt noch finde er dort ein tragfÃ¤higes soziales Netz vor.
8Â In seiner rechtlichen WÃ¼rdigung fÃ¼hrte das BVwG aus, dem Mitbeteiligten sei eine RÃ¼ckkehr in die Herkunftsprovinz Baghlan, die als volatile Provinz eingestuft sei, aufgrund der dort vorherrschenden Sicherheitslage â€žjedenfalls nicht zumutbarâ€œ. Die Zumutbarkeit der Inanspruchnahme einer innerstaatlichen Fluchtalternative in den StÃ¤dtenÂ Mazar-eÂ Sharif oder Herat verneinte das BVwG. Die beiden StÃ¤dte seien zwar sicher erreichbar, die Sicherheitslage stehe einer Ansiedlung nicht entgegen und die Versorgungslage sei trotz der Folgen der DÃ¼rre in den Provinzen Herat und Balkh â€žzumindest als grundlegend gesichertâ€œ anzusehen. Laut den Richtlinien des UNHCR vom 30.Â AugustÂ 2018 sei die Inanspruchnahme einer innerstaatlichen Fluchtalternative jedoch â€žu.a.Â nur dann zumutbarâ€œ, wenn die betroffene Person im voraussichtlichen Neuansiedlungsgebiet Zugang zu einem UnterstÃ¼tzungsnetzwerk durch Mitglieder ihrer (erweiterten) Familie oder durch Mitglieder ihrer grÃ¶ÃŸeren ethnischen Gemeinschaft habe und man sich vergewissert habe, dass diese willens und in der Lage seien, die betroffene Person tatsÃ¤chlich zu unterstÃ¼tzen. Die einzige Ausnahme von diesem Erfordernis der externen UnterstÃ¼tzung stellten nach Auffassung von UNHCR alleinstehende, leistungsfÃ¤hige MÃ¤nner und verheiratete Paare im berufsfÃ¤higen Alter ohne besondere GefÃ¤hrdungsfaktoren dar.
9Â EASO komme fÃ¼r das Personenprofil der â€žAntragsteller, welche auÃŸerhalb von Afghanistan geboren sind bzw.Â Ã¼ber einen sehr langen Zeitraum im Ausland gelebt habenâ€œ zu dem Ergebnis, dass diesen die Inanspruchnahme einer innerstaatlichen Schutzalternative in den genannten StÃ¤dten dann nicht zumutbar sein kÃ¶nne, wenn sie dort Ã¼ber keinerlei UnterstÃ¼tzungsnetzwerk verfÃ¼gten, das ihnen bei der Bestreitung ihres Lebensunterhalts behilflich sein kÃ¶nne. DiesbezÃ¼glich sei bei der PrÃ¼fung auf folgende Teilaspekte Bedacht zu nehmen: Vorhandensein eines UnterstÃ¼tzungsnetzwerks, Ortskenntnisse und sozialer und wirtschaftlicher Hintergrund des Antragstellers.
10Â Beim Mitbeteiligten handle es sich um einen Mann im erwerbsfÃ¤higen Alter mit geringer Schulbildung und ohne handwerkliche FÃ¤higkeiten. Er verfÃ¼ge Ã¼ber wenig Berufserfahrung im Einzelhandel; die grundsÃ¤tzliche TeilnahmemÃ¶glichkeit am Erwerbsleben kÃ¶nne bei ihm vorausgesetzt werden. Er sei in Afghanistan geboren und in seiner Heimatprovinz aufgewachsen, habe â€žaber nur kurze Zeit seines Lebens in dieser Provinz Afghanistans verbrachtâ€œ, weshalb er Ã¼ber â€žkeinerlei Ortskenntnisse und lediglich Ã¼ber geringe Kenntnisse der lokalen Gepflogenheiten in Afghanistanâ€œ verfÃ¼ge. Der Mitbeteiligte habe keine aufrechten familiÃ¤ren Bezugspunkte oder â€žsonstigen intensiven sozialen AnknÃ¼pfungspunkteâ€œ in Afghanistan und wÃ¤re daher bei einer RÃ¼ckkehr nach Afghanistan vorerst auf sich gestellt und gezwungen, in einer der afghanischen GroÃŸstÃ¤dte nach Wohnraum und Arbeit zu suchen, ohne dort Ã¼ber irgendwelche Kenntnisse der Ã¶rtlichen und infrastrukturellen Gegebenheiten zu verfÃ¼gen. Es sei auch nicht von einer finanziellen oder sonstigen UnterstÃ¼tzung des Mitbeteiligten durch FamilienangehÃ¶rige auszugehen. Daher sei der Beschwerde in Bezug auf die Zuerkennung des Status des subsidiÃ¤r Schutzberechtigten stattzugeben, dem Mitbeteiligten eine befristete Aufenthaltsbewilligung zu erteilen und die Ã¼brigen Spruchpunkte aufzuheben gewesen. Die ordentliche Revision wurde nicht zugelassen.
11Â Die vorliegende Amtsrevision richtet sich gegen die SpruchpunkteÂ A.Â II. bisÂ A.Â IV. des angefochtenen Erkenntnisses. Zur BegrÃ¼ndung ihrer ZulÃ¤ssigkeit bringt sie -Â unter anderemÂ - ein Abweichen von den im Erkenntnis des Verwaltungsgerichtshofes vom 23.Â JÃ¤nnerÂ 2018, RaÂ 2018/18/0001, dargelegten Kriterien fÃ¼r die Zumutbarkeit der Inanspruchnahme einer innerstaatlichen Fluchtalternative vor und macht geltend, dass allein die Tatsache, dass ein Asylwerber in seinem Herkunftsstaat Ã¼ber keine familiÃ¤ren Kontakte verfÃ¼ge, die Annahme einer innerstaatlichen Fluchtalternative nicht hindere und der Verwaltungsgerichtshof auch im Hinblick auf den EASO-Leitfaden vom JuniÂ 2018 und die UNHCR-Richtlinien vom 30.Â AugustÂ 2018 klargestellt habe, dass das Vorhandensein eines sozialen Netzwerks in Mazar-eÂ Sharif fÃ¼r einen alleinstehenden, gesunden, erwachsenen Mann ohne besondere VulnerabilitÃ¤t keine Voraussetzung fÃ¼r die Zumutbarkeit der Inanspruchnahme einer innerstaatlichen Fluchtalternative sei (Hinweis auf VwGHÂ 25.6.2019, RaÂ 2018/19/0546). Auch mit dem Argument, der Mitbeteiligte habe nur eine â€žgeringfÃ¼gigeâ€œ Ausbildung erhalten und kaum Berufserfahrung,Â lege das BVwG nicht nachvollziehbar dar, weshalb es diesem nicht mÃ¶glich wÃ¤re, in den StÃ¤dtenÂ Mazar-eÂ Sharif oder Herat nach allfÃ¤lligen anfÃ¤nglichen Schwierigkeiten FuÃŸ zu fassen (Hinweis auf VwGHÂ 31.10.2019, RaÂ 2019/20/0309).
12Â Nach Einleitung des Vorverfahrens durch den Verwaltungsgerichtshof hat der Mitbeteiligte eine Revisionsbeantwortung erstattet, in der er die ZurÃ¼ck- oderÂ Abweisung der Revision beantragt.
Der Verwaltungsgerichtshof hat erwogen:
13Â Die Revision ist aus den in ihr genannten GrÃ¼nden zulÃ¤ssig. Sie ist auch begrÃ¼ndet.
14Â Der Verwaltungsgerichtshof erkennt in stÃ¤ndiger Rechtsprechung, dass bei der Beurteilung in Bezug auf Art.Â 3Â EMRK eine EinzelfallprÃ¼fung vorzunehmen ist, in deren Rahmen konkrete und nachvollziehbare Feststellungen zu der Frage zu treffen sind, ob einer Person im Fall der RÃ¼ckkehr in ihren Herkunftsstaat die reale Gefahr (â€žrealÂ riskâ€œ) einer gegen Art.Â 3Â EMRK verstoÃŸenden Behandlung droht. Es bedarf einer ganzheitlichen Bewertung der mÃ¶glichen Gefahren, die sich auf die persÃ¶nliche Situation des Betroffenen in Relation zur allgemeinen Menschenrechtslage im Zielstaat zu beziehen hat. Die AuÃŸerlandesschaffung eines Fremden in den Herkunftsstaat kann auch dann eine Verletzung von Art.Â 3Â EMRK bedeuten, wenn der Betroffene dort keine Lebensgrundlage vorfindet, also die GrundbedÃ¼rfnisse der menschlichen Existenz (bezogen auf den Einzelfall) nicht gedeckt werden kÃ¶nnen. Eine solche Situation ist nur unter exzeptionellen UmstÃ¤nden anzunehmen. Die bloÃŸe MÃ¶glichkeit einer durch die LebensumstÃ¤nde bedingten Verletzung des Art.Â 3Â EMRK reicht nicht aus. Vielmehr ist es zur BegrÃ¼ndung einer drohenden Verletzung von Art.Â 3Â EMRK notwendig, detailliert und konkret darzulegen, warum solche exzeptionellen UmstÃ¤nde vorliegen (vgl.Â VwGHÂ 25.5.2016, RaÂ 2016/19/0036; 14.8.2019, RaÂ 2019/20/0347; 17.9.2019, RaÂ 2019/14/0160).
15Â Soweit es die Beurteilung betrifft, ob eine innerstaatliche Fluchtalternative besteht, hat der Verwaltungsgerichtshof festgehalten, dass die Frage der Sicherheit des Asylwerbers in dem als innerstaatliche Fluchtalternative geprÃ¼ften Gebiet des Herkunftsstaates wesentliche Bedeutung hat. Es muss mit ausreichender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden kÃ¶nnen, dass der Asylwerber in diesem Gebiet Schutz vor asylrechtlich relevanter Verfolgung und vor Bedingungen, die nach Â§Â 8 Abs.Â 1 AsylGÂ 2005 die GewÃ¤hrung von subsidiÃ¤rem Schutz rechtfertigten, findet. Sind diese Voraussetzungen zu bejahen, so wird dem Asylwerber unter dem Aspekt der Sicherheit regelmÃ¤ÃŸig auch die Inanspruchnahme der innerstaatlichen Fluchtalternative zuzumuten sein. Um von einer zumutbaren innerstaatlichen Fluchtalternative sprechen zu kÃ¶nnen, reicht es aber nicht aus, dem Asylwerber entgegen zu halten, dass er in diesem Gebiet keine Folter oder unmenschliche oder erniedrigende Behandlung zu erwarten hat. Es muss ihm vielmehr mÃ¶glich sein, im Gebiet der innerstaatlichen Fluchtalternative nach allfÃ¤lligen anfÃ¤nglichen Schwierigkeiten FuÃŸ zu fassen und dort ein Leben ohne unbillige HÃ¤rten zu fÃ¼hren, wie es auch andere Landsleute fÃ¼hren kÃ¶nnen. Es handelt sich letztlich um eine Entscheidung im Einzelfall, die auf der Grundlage ausreichender Feststellungen Ã¼ber die zu erwartende Lage des Asylwerbers in dem in Frage kommenden Gebiet sowie dessen sichere undÂ legale Erreichbarkeit getroffen werden muss (vgl.Â VwGHÂ 23.1.2018, RaÂ 2018/18/0001; 29.5.2019, RaÂ 2019/20/0208, mwN).
16Â Eine schwierige Lebenssituation, insbesondere bei der Arbeitsplatz- und Wohnraumsuche sowie in wirtschaftlicher Hinsicht, die ein Fremder im Fall der RÃ¼ckkehr in sein Heimatland vorfinden wÃ¼rde, reicht nach der Judikatur des Verwaltungsgerichtshofes fÃ¼r sich betrachtet nicht aus, um die Verletzung des nach Art.Â 3Â EMRK geschÃ¼tzten Rechts mit maÃŸgeblicher Wahrscheinlichkeit annehmen zu kÃ¶nnen oder um eine innerstaatliche Fluchtalternative zu verneinen (vgl.Â VwGHÂ 27.5.2019, RaÂ 2019/14/0153, Rn.Â 123,Â mwN).
17Â Weiters entspricht es in Bezug auf Afghanistan der -Â auch zur hier maÃŸgeblichen Berichtslage ergangenenÂ - Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes, dass einem gesunden Asylwerber im erwerbsfÃ¤higen Alter, der eine der Landessprachen Afghanistans beherrscht, mit den kulturellen Gepflogenheiten seines Herkunftsstaates vertraut ist und die MÃ¶glichkeit hat, sich durch GelegenheitstÃ¤tigkeiten eine Existenzgrundlage zu sichern, die Inanspruchnahme einer innerstaatlichen Fluchtalternative in bestimmten Gebieten Afghanistans zugemutet werden kann, und zwar selbst dann, wenn er nicht in Afghanistan geboren wurde, dort nie gelebt und keine AngehÃ¶rigen in Afghanistan hat (vgl.Â auch dazu VwGH RaÂ 2019/14/0153, Rn.Â 124, mwN, weitersÂ zBÂ VwGHÂ 13.2.2020, RaÂ 2019/19/0406; 15.4.2020, RaÂ 2019/20/0340, jeweilsÂ mwN).
18Â Von dieser Rechtsprechung ist das Bundesverwaltungsgericht, das in seinen ErwÃ¤gungen nicht aufzeigt, dass besondere UmstÃ¤nde des Einzelfalles vorgelegen wÃ¤ren, wonach anhand der den konkreten Fall betreffenden Feststellungen eine andere EinschÃ¤tzung Platz zu greifen hÃ¤tte, abgewichen.
19Â DarÃ¼ber hinaus lÃ¤sst sich dem angefochtenen Erkenntnis keine nachvollziehbare BegrÃ¼ndung fÃ¼r die Annahme entnehmen, dass der Mitbeteiligte lediglich â€žÃ¼ber geringe Kenntnisse der lokalen Gepflogenheiten in Afghanistanâ€œ verfÃ¼ge. Auf den Umstand, dass der Mitbeteiligte, der Afghanistan erst im JuliÂ 2015 -Â sohin im Alter von 18Â JahrenÂ - verlassen habe, folglich in Afghanistan aufgewachsen ist und sozialisiert wurde, geht das BVwG in diesem Zusammenhang nicht ein (vgl.Â VwGHÂ 31.10.2019, RaÂ 2019/20/0309, weiters zu einer den gleichen BegrÃ¼ndungsduktus wie das angefochtene Erkenntnis aufweisenden Entscheidung des BVwG vgl.Â VwGHÂ 20.3.2020, RaÂ 2019/18/0194). Darauf, dass der Mitbeteiligte Ã¼ber keine detaillierten Ortskenntnisse betreffend die afghanischen GroÃŸstÃ¤dte verfÃ¼gt, kommt es hingegen nicht an; insoweit unterscheidet sich seine Situation nÃ¤mlich nicht maÃŸgeblich von jener, in der sich afghanische StaatsangehÃ¶rige befinden, die sich Zeit ihres Lebens in anderen Teilen Afghanistans aufgehalten haben und solche Kenntnisse gleichfalls nicht aufweisen (vgl.Â in diesem Sinne VwGHÂ 17.9.2019, RaÂ 2019/14/0160; 26.2.2020, RaÂ 2019/18/0017).
20Â Die in den Feststellungen des BVwG erwÃ¤hnten UmstÃ¤nde, dass der Mitbeteiligte nur â€žgeringe Schulbildungâ€œ, keine â€žhandwerklichen FÃ¤higkeitenâ€œ und nur â€žwenig Berufserfahrung im Einzelhandelâ€œ habe, vermÃ¶gen eine nachvollziehbare Grundlage fÃ¼r die Annahme, dass es dem Mitbeteiligten nicht mÃ¶glich wÃ¤re, in den StÃ¤dtenÂ Herat oder Mazar-eÂ Sharif nach allfÃ¤lligen anfÃ¤nglichen Schwierigkeiten FuÃŸ zu fassen, nicht darzustellen (zum -Â Ã¤hnlichenÂ - Argument fehlender â€žweiterfÃ¼hrenderâ€œ Ausbildung vgl.Â VwGHÂ 31.10.2019, RaÂ 2019/20/0309).
21Â Das angefochtene Erkenntnis war daher wegen Rechtswidrigkeit des Inhaltes gemÃ¤ÃŸ Â§Â 42 Abs.Â 2 ZÂ 1Â VwGG aufzuheben.
Wien, am 12.Â OktoberÂ 2020