Document Number: JJT_20201216_OGH0002_0120OS00086_20V0000_000
ECLI: ECLI:AT:OGH0002:2020:0120OS00086.20V.1216.000
Case Number: 12Os86/20v (12Os87/20s, 12Os88/20p)
Application Type: Justiz
Court: OGH
Decision Date: 1608076800000
Word Count: 6081

Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat am 16.Â DezemberÂ 2020 durch den SenatsprÃ¤sidenten des Obersten Gerichtshofs Dr.Â SolÃ© als Vorsitzenden sowie durch den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Hon.-Prof.Â Dr.Â Oshidari und die HofrÃ¤tinnen des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Michel-Kwapinski und Dr.Â Brenner und den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Haslwanter in Gegenwart des SchriftfÃ¼hrers Dr.Â Koller in der Strafsache gegen Nedzad B***** und weitere Angeklagte wegen des Verbrechens der terroristischen Vereinigung nach Â§Â 278b AbsÂ 2 StGB und weiterer strafbarer Handlungen Ã¼ber die Nichtigkeitsbeschwerden und die Berufungen der Angeklagten Nihad J***** und Fuat I***** sowie Ã¼ber die Berufungen der Staatsanwaltschaft und der Angeklagten Nedzad B***** und Arzija J***** gegen das Urteil des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Graz als Geschworenengericht vom 12.Â MÃ¤rzÂ 2020, GZÂ 6Â HvÂ 59/19d-1721, sowie Ã¼ber die Beschwerde des Nedzad B***** gegen den Beschluss des Vorsitzenden vom 16.Â JuniÂ 2020, GZÂ 6Â HvÂ 59/19d-1738, und die AntrÃ¤ge der Angeklagten Nedzad B***** und Arzija J***** auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die VersÃ¤umung der Frist zur AusfÃ¼hrung der Nichtigkeitsbeschwerde gegen das genannte Urteil in nichtÃ¶ffentlicher Sitzung teils beschlossen, teils zu Recht erkannt:
Spruch
Der Beschwerde des Nedzad B***** wird nicht Folge gegeben.
Den Angeklagten Nedzad B***** und Arzija J***** wird die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die VersÃ¤umung der Frist zur AusfÃ¼hrung der Nichtigkeitsbeschwerden nicht bewilligt.
Aus Anlass der Nichtigkeitsbeschwerden der Angeklagten Nihad J***** und Fuat I***** wird das angefochtene Urteil, das im Ãœbrigen unberÃ¼hrt bleibt, in den SchuldsprÃ¼chenÂ C./I./ (betreffend Nedzad B*****), C./III./ (betreffend Nihad J*****), C./IV./ (betreffend Fuat I*****) und C./IX./ (betreffend Arzija J*****) und im diesen zugrunde liegenden Wahrspruch der Geschworenen zu den HauptfragenÂ 1./3./, 3./3./, 4./3./ und 9./3./, demgemÃ¤ÃŸ auch in sÃ¤mtlichen StrafaussprÃ¼chen (einschlieÃŸlich der Vorhaftanrechnungen), in dem Nihad J***** betreffenden Ausspruch Ã¼ber die AusschlieÃŸung vom Wahlrecht sowie im Konfiskationsausspruch aufgehoben und die Sache in diesem Umfang zu neuer Verhandlung und Entscheidung an das Landesgericht fÃ¼r Strafsachen Graz als Geschworenengericht verwiesen.
Die Nichtigkeitsbeschwerden der Angeklagten Nihad J***** und Fuat I***** im Ãœbrigen werden zurÃ¼ckgewiesen.
Mit ihren Berufungen werden die Angeklagten Nedzad B*****, Nihad J*****, Fuat I***** und Arzija J***** sowie die Staatsanwaltschaft auf die Aufhebung verwiesen.
Den Angeklagten Nihad J***** und Fuat I***** fallen auch die Kosten des Rechtsmittelverfahrens zur Last.
Text
GrÃ¼nde:
Mit dem angefochtenen, auf dem Wahrspruch der Geschworenen beruhenden Urteil, das auch rechtskrÃ¤ftige FreisprÃ¼che Mitangeklagter enthÃ¤lt, wurden
Nedzad B***** der Verbrechen der terroristischen Vereinigung nach Â§Â 278b AbsÂ 2 StGB (A./VII./), der kriminellen Organisation nach Â§Â 278a StGB (B./I./) und der staatsfeindlichen Verbindungen nach Â§Â 246 AbsÂ 2 erster und zweiter Fall (iVm AbsÂ 1) StGB (C./I./),
Nihad J***** der Verbrechen der terroristischen Vereinigung nach Â§Â 278b AbsÂ 2 StGB (A./I./ und A./II./), der kriminellen Organisation nach Â§Â 278a StGB (B./III./) und der staatsfeindlichen Verbindungen nach Â§Â 246 AbsÂ 2 erster und zweiter Fall (iVm AbsÂ 1) StGB (C./III./),
Fuat I***** der Verbrechen der terroristischen Vereinigung nach Â§Â 278b AbsÂ 2 StGB (A./I./ und A./II./), der kriminellen Organisation nach Â§Â 278a StGB (B./IV./) und der staatsfeindlichen Verbindungen nach Â§Â 246 AbsÂ 2 erster und zweiter Fall (iVm Abs 1) StGB (C./IV./) sowie
Arzija J***** der Verbrechen der terroristischen Vereinigung nach Â§Â 278b AbsÂ 2 StGB (A./II./ und A./VI./), der kriminellen Organisation nach Â§Â 278a StGB (B./IX./) und der staatsfeindlichen Verbindungen nach Â§Â 246 AbsÂ 2 erster und zweiter Fall (iVm AbsÂ 1) StGB (C./IX./)
schuldig erkannt.
Danach haben von AnfangÂ 2012 bis zum 26.Â JÃ¤nnerÂ 2017
A./Â in W*****, G***** und anderen Orten des Bundesgebiets sowie in Syrien sich an den terroristischen Vereinigungen â€žJabhat al-Nusraâ€œ bis SommerÂ 2013 und â€žIslamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS)â€œ bzw â€žIslamischer Staat (IS)â€œ von JahresendeÂ 2012 bis zum 26.Â JÃ¤nnerÂ 2017, somit jeweils an einem auf lÃ¤ngere Zeit angelegten Zusammenschluss von mehr als zwei Personen, der darauf ausgerichtet ist, dass von einem oder mehreren Mitgliedern dieser Vereinigung mehrere terroristische Straftaten (Â§Â 278c StGB) ausgefÃ¼hrt werden, nÃ¤mlich Mord (Â§Â 75 StGB), KÃ¶rperverletzungen nach den Â§Â§Â 83 bis 87 StGB, erpresserische EntfÃ¼hrung (Â§Â 102 StGB), schwere NÃ¶tigung (Â§Â 106 StGB), gefÃ¤hrliche Drohung nach Â§Â 107 AbsÂ 2 StGB, schwere SachbeschÃ¤digung (Â§Â 126 StGB), durch die eine Gefahr fÃ¼r das Leben eines anderen oder fÃ¼r fremdes Eigentum in groÃŸem AusmaÃŸ entstehen kann, und vorsÃ¤tzliche GemeingefÃ¤hrdungsdelikte (Â§Â§Â 169, 171, 173, 175, 176, 177a, 177b, 178 StGB), die geeignet sind, eine schwere oder lÃ¤ngere Zeit anhaltende StÃ¶rung des Ã¶ffentlichen Lebens oder eine schwere SchÃ¤digung des Wirtschaftslebens herbeizufÃ¼hren, und mit dem Vorsatz begangen werden, die BevÃ¶lkerung auf schwerwiegende Weise einzuschÃ¼chtern, Ã¶ffentliche Stellen oder internationale Organisationen zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung zu nÃ¶tigen oder die politischen, verfassungsrechtlichen, wirtschaftlichen oder sozialen Grundstrukturen eines Staates oder einer internationalen Organisation ernsthaft zu erschÃ¼ttern oder zu zerstÃ¶ren, als Mitglieder (Â§Â 278 AbsÂ 3 [dritter Fall] StGB) an deren AktivitÃ¤ten in dem Wissen (Â§Â 5 AbsÂ 3 StGB) beteiligt, dadurch diese terroristischen Vereinigungen in deren Ziel, vorerst in Syrien und im Irak und schlieÃŸlich weltweit einen radikal islamistischen Gottesstaat (Kalifat) zu errichten, und deren strafbare Handlungen, nÃ¤mlich die zur Erreichung dieses Ziels als erforderlich angesehenen terroristischen Straftaten gemÃ¤ÃŸ Â§Â 278c AbsÂ 1 StGB, zu fÃ¶rdern, und zwar
I./Â Nihad J***** und Fuat I***** sowie der abgesondert verfolgte Agim A*****, indem sie im Verein â€žT***** â€“ Islamischer Glaubensvereinâ€œ als Mitglieder der faktischen FÃ¼hrungsgruppe (teils) im bewussten und gewollten Zusammenwirken mit den abgesondert verfolgten Evrim Ba*****, Nermin S***** und Sejad Z***** und in ihren Leitungsfunktionen, nÃ¤mlich Nihad J***** als Kassier (vom 2.Â JuniÂ 2008 bis zum 26.Â AugustÂ 2012) und als SchriftfÃ¼hrer (vom 30.Â AugustÂ 2014 bis zum 29.Â AugustÂ 2016) und Fuat I***** als Obmann (bis zum 29.Â AugustÂ 2016)
1./Â in Umsetzung der ideologischen Vorgaben von Nedzad B*****, Farhad Q*****, Abu Ma***** und Abu Mo***** die Errichtung eines nach radikal islamistischen GrundsÃ¤tzen ausgerichteten und als â€žIslamischer Staatâ€œ (Kalifat) bezeichneten Gottesstaates vorerst in Syrien und im Irak und schlieÃŸlich weltweit durch den als â€žDschihadâ€œ bezeichneten bewaffneten Kampf zum Ziel des Vereins T***** erklÃ¤rten und den Verein T***** zu einem der Standorte und StÃ¼tzpunkte der terroristischen Vereinigungen â€žJabhat al-Nusraâ€œ und â€žIslamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS)â€œ bzw â€žIslamischer Staat (IS)â€œ in Ã–sterreich formten,
2./Â das Vereinsleben auf die Erreichung des zu PunktÂ 1./ beschriebenen Ziels ausrichteten und dazu die Mitglieder und Besucher des Vereins in persÃ¶nlichen GesprÃ¤chen, mit im Verein aufgelegten BroschÃ¼ren und Schriften radikal islamistischer Prediger wie Nedzad B***** und Farhad Q***** und mit ihren nach diesen ideologischen Vorgaben gehaltenen VortrÃ¤gen aufforderten, sich in ihrer LebensfÃ¼hrung und der Erziehung ihrer Kinder an dieser radikal islamistischen Ideologie zu orientieren, und sich an diesen terroristischen Vereinigungen als Mitglieder (Â§Â 278 AbsÂ 3 StGB) fÃ¼r den in Syrien und im Irak, aber auch in Ã–sterreich zu fÃ¼hrenden und als â€žDschihadâ€œ bezeichneten bewaffneten Kampf zur Errichtung eines als Kalifat bezeichneten, nach radikal islamistischen GrundsÃ¤tzen ausgerichteten Gottesstaates zu beteiligen,
3./Â fÃ¼r ihre Kinder und die Kinder der Mitglieder und Besucher des Vereins einen auf dem als Scharia bezeichneten islamischen Recht beruhenden Unterricht nach der radikal islamistischen Ideologie der terroristischen Vereinigung â€žIslamischer Staat (IS)â€œ als Gegenerziehung zum staatlichen Unterricht anboten und abhielten,
4./Â im HerbstÂ 2015 den zu AZÂ 7Â HvÂ 50/16h des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Graz wegen des Verdachts der Verbrechen der terroristischen Vereinigung nach Â§Â 278b AbsÂ 2 StGB und der kriminellen Organisation nach Â§Â 278a StGB angeklagten und als Mitglied der terroristischen Vereinigung â€žIslamischer Staatâ€œ anzusehenden S***** Baki***** als neues Mitglied im Verein aufnahmen, um die Stellung des Vereins T***** als Standort und StÃ¼tzpunkt der terroristischen Vereinigung â€žIslamischer Staatâ€œ weiter zu stÃ¤rken und den Kontakt zu Vertretern dieser terroristischen Vereinigung zu verbessern;
II./Â Nihad J*****, Fuat I***** und Arzija J*****, indem sie im bewussten und gewollten Zusammenwirken mit den abgesondert verfolgten Agim A***** und Evrim Ba***** nach der im Verein T***** vermittelten radikal islamistischen Ideologie von Nedzad B***** und Farhad Q***** und dem am 29.Â JuniÂ 2014 ergangenen Aufruf des selbst ernannten Kalifen Abu Bak*****, wonach jeder Muslim im Sinn der â€žHidschraâ€œ verpflichtet sei, in das von der terroristischen Vereinigung Islamischer Staat in Syrien und im Irak eroberte Gebiet zu Ã¼bersiedeln, nachgenannte Personen teils unter der Zusicherung, ihnen bald nachzufolgen, aufforderten oder zumindest darin bestÃ¤rkten, mit ihren mÃ¼ndigen und unmÃ¼ndigen Kindern nach Syrien in das Herrschaftsgebiet der terroristischen Vereinigung â€žIslamischer Staatâ€œ zu Ã¼bersiedeln, sich als Mitglieder an der terroristischen Vereinigung â€žIslamischer Staatâ€œ zu beteiligen, am Aufbau einer radikal islamistisch ausgerichteten sozialen Infrastruktur als Ersatz fÃ¼r die durch die BÃ¼rgerkriegshandlungen, insbesondere durch terroristische Straftaten nach Â§Â 278c AbsÂ 1 StGB, zerstÃ¶rte Zivilgesellschaft mitzuwirken und als KÃ¤mpfer der terroristischen Vereinigung an dem als â€žDschihadâ€œ bezeichneten BÃ¼rgerkrieg zur Errichtung eines radikal islamistischen Gottesstaates teilzunehmen, nÃ¤mlich
1./Â Mag.Â HÃ¼seyin G*****, der an einem nicht nÃ¤her bekannten Tag im FrÃ¼hjahr oder SommerÂ 2014 die Reise nach Syrien antrat und sich seither â€“ sofern er nicht getÃ¶tet wurde â€“ an der terroristischen Vereinigung Islamischer Staat (IS) als Mitglied beteiligt,
2./Â Nermin S*****, Ammar S***** und Naila Sk***** (mit ihren unmÃ¼ndigen Kindern Umejr und Musab S*****), Sejad Z***** und Sadika Z***** (mit ihren mÃ¼ndigen und unmÃ¼ndigen Kindern Merjem, Aisa, Muhamed und Hadera Z*****), Salih Z*****, Cazima Ho***** (mit ihren unmÃ¼ndigen Kindern Ismail, Merjem, Sumeja und Tejmullah Ho*****) sowie Muharem D***** und Ajisa D*****, die Ende AugustÂ 2014 die Reise nach Syrien antraten und sich seither â€“ sofern sie nicht getÃ¶tet wurden â€“ an der terroristischen Vereinigung Islamischer Staat (IS) als Mitglieder beteiligen,
3./Â Enes S***** und Michaela Su***** (mit ihren unmÃ¼ndigen Kindern Sarah, Ajla, Nail, Kenan und Enisa S*****), Hasan O***** und Katka O***** (mit ihren unmÃ¼ndigen Kindern Edis, Amina und Ammar O*****) sowie Muharem Sm***** und Munira Sm***** (mit ihren mÃ¼ndigen und unmÃ¼ndigen Kindern Benjamin, Davud, Selman und Ajsa Sm*****), die am 20.Â DezemberÂ 2014 die Reise nach Syrien antraten und sich bis zu ihrer Ausreise aus Syrien im OktoberÂ 2015 bzw im MÃ¤rzÂ 2016 an der terroristischen Vereinigung Islamischer Staat (IS) als Mitglieder beteiligten;
VI./Â Arzija J*****, indem sie im Verein T***** als die maÃŸgebliche weibliche FÃ¼hrungsperson in Umsetzung der von Nermin S*****, Sejad Z*****, Nihad J*****, Fuat I*****, Agim A***** und Evrim Ba***** nach den ideologischen Vorgaben von Nedzad B***** und Farhad Q***** vorgegebenen Ausrichtung, den Verein T***** zu einem der Standorte und StÃ¼tzpunkte der terroristischen Vereinigungen â€žJabhat al-Nusraâ€œ und â€žIslamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS)â€œ bzw â€žIslamischer Staat (IS)â€œ in Ã–sterreich zu formen,
1./Â die weiblichen Mitglieder und Besucherinnen des Vereins aufforderte, nach ihrem Vorbild die LebensfÃ¼hrung in ihren Familien und die Erziehung ihrer Kinder nach den das Vereinsleben bestimmenden radikal islamistischen GrundsÃ¤tzen der genannten terroristischen Vereinigungen zu gestalten,
2./Â fÃ¼r ihre Kinder und die Kinder der Mitglieder und Besucher des Vereins am Unterricht nach dieser radikal islamistischen Ideologie als Gegenerziehung zum staatlichen Unterricht mitwirkte;
VII./Â Nedzad B*****, indem er als Vordenker der als Takfirismus bezeichneten radikal islamistischen Ideologie in Ã–sterreich in den RÃ¤umen des von ihm gegrÃ¼ndeten â€žIslamischen Kulturvereins Wien fÃ¼r alle Muslimeâ€œ und der darin gefÃ¼hrten â€žM***** I***** Moscheeâ€œ gegenÃ¼ber den Mitgliedern und Besuchern sowie den zu seiner Gemeinde zÃ¤hlenden Mitgliedern und Besuchern des Vereins T***** in G***** in VortrÃ¤gen, Predigten und persÃ¶nlichen GesprÃ¤chen sowie in Ã¶sterreichweit verbreiteten BÃ¼chern, Skripten und Audiodateien (CD) den als â€žDschihadâ€œ bezeichneten bewaffneten Glaubenskampf zur Errichtung des als â€žKalifatâ€œ bezeichneten nach radikal islamistischen GrundsÃ¤tzen gestalteten Gottesstaates und die Teilnahme an diesem â€žDschihadâ€œ zur Errichtung eines radikal islamistischen Gottesstaates als religiÃ¶se Pflicht jedes Muslims darstellte und nachgenannte Personen dazu aufforderte oder zumindest darin bestÃ¤rkte, nachfolgende Handlungen zu begehen, und zwar
1./Â bis Ende AugustÂ 2014 die abgesondert verfolgten Nermin S***** und Sejad Z***** zu den unter PunktÂ I./ dargestellten Handlungen,
2./Â bis 26.Â JÃ¤nnerÂ 2017 Nihad J*****, Fuat I***** und den abgesondert verfolgten Agim A***** zu den unter PunktÂ I./ dargestellten Handlungen,
4./Â bis 20.Â DezemberÂ 2014 Nihad J*****, Fuat I***** und Arzija J***** sowie die abgesondert verfolgten Agim A***** und Evrim Ba***** zu den unter PunktÂ II./ dargestellten Handlungen,
5./Â die abgesondert verfolgten Evrim Ba***** und Samir Haktan Sa***** dazu, im Umfeld des â€žIslamischen Kulturvereins Wien fÃ¼r alle Muslimeâ€œ und der darin gefÃ¼hrten â€žM***** I***** Moscheeâ€œ neue Mitglieder fÃ¼r die terroristische Vereinigung Islamischer Staat (IS) zur DurchfÃ¼hrung von TerroranschlÃ¤gen in Europa, insbesondere auch in Ã–sterreich, anzuwerben,
6./Â nachgenannte Mitglieder des Vereins T***** dazu, von G***** nach Syrien in das Herrschaftsgebiet der terroristischen Vereinigung â€žIslamischer Staat (IS)â€œ zu reisen und sich als Mitglied an dieser terroristischen Vereinigung zu beteiligen, nÃ¤mlich
a./Â Ende AugustÂ 2014 Nermin S*****, Ammar S***** und Naila Sk***** (mit ihren unmÃ¼ndigen Kindern Umejr und Musab S*****), Sejad Z***** und Sadika Z***** (mit ihren mÃ¼ndigen und unmÃ¼ndigen Kindern Merjem, Aisa, Muhamed und Hadera Z*****), Salih Z*****, Cazima Ho***** (mit ihren unmÃ¼ndigen Kindern Ismail, Merjem, Sumeja und Tejmullah Ho*****) sowie Muharem D***** und Ajisa D*****,
b./Â am 20.Â DezemberÂ 2014 Enes S***** und Michaela Su***** (mit ihren unmÃ¼ndigen Kindern Sarah, Ajla, Nail, Kenan und Enisa S*****), Hasan O***** und Katka O***** (mit ihren unmÃ¼ndigen Kindern Edis, Amina und Ammar O*****) sowie Muharem Sm***** und Munira Sm***** (mit ihren mÃ¼ndigen und unmÃ¼ndigen Kindern Benjamin, Davud, Selman und Ajsa Sm*****),
B./Â in W*****, G***** und anderen Orten des Bundesgebietes sich an den international agierenden kriminellen Organisationen â€žJabhat al-Nusraâ€œ (bis SommerÂ 2013) und â€žIslamischer Staat (IS)â€œ, somit jeweils an einer auf lÃ¤ngere Zeit angelegten unternehmensÃ¤hnlichen Verbindung einer grÃ¶ÃŸeren Zahl von Personen, die, wenn auch nicht ausschlieÃŸlich, auf die wiederkehrende und geplante Begehung schwerwiegender strafbarer Handlungen, die das Leben, die kÃ¶rperliche Unversehrtheit, die Freiheit oder das VermÃ¶gen bedrohen, ausgerichtet ist, indem sie seit SommerÂ 2011 in Syrien und im Irak unter Anwendung besonderer Grausamkeit ihrer KÃ¤mpfer durch terroristische Straftaten nach Â§Â 278c AbsÂ 1 StGB die ZerstÃ¶rung des syrischen Staates und des irakischen Staates betreibt, in den eroberten Gebieten in Syrien und im Irak die sich nicht ihren Zielen unterordnende ZivilbevÃ¶lkerung tÃ¶tet oder vertreibt und sich deren VermÃ¶gen aneignet, durch Geiselnahme groÃŸe Geldsummen erpresst, die vorgefundenen KunstschÃ¤tze verÃ¤uÃŸert und BodenschÃ¤tze, insbesondere ErdÃ¶l und Phosphat, zu ihrer Bereicherung ausbeutet, die dadurch eine Bereicherung in groÃŸem Umfang anstrebt und die andere durch angedrohte und ausgefÃ¼hrte TerroranschlÃ¤ge in Syrien und im Irak einschÃ¼chtert und sich auf besondere Weise, nÃ¤mlich durch Geheimhaltung ihres Aufbaus, ihrer Finanzierungsstruktur, der personellen Zusammensetzung der Organisation und der internen Kommunikation gegen StrafverfolgungsmaÃŸnahmen abzuschirmen sucht, als Mitglieder (Â§Â 278 AbsÂ 3 [dritter Fall] StGB) an deren AktivitÃ¤ten in dem Wissen (Â§Â 5 AbsÂ 3 StGB) beteiligt, dadurch diese kriminellen Organisationen in deren Ziel, vorerst in Syrien und im Irak und schlieÃŸlich weltweit einen radikal islamistischen Gottesstaat (Kalifat) zu errichten, und deren strafbaren Handlungen, nÃ¤mlich die zur Erreichung dieses Ziels als erforderlich angesehenen terroristischen Straftaten nach Â§Â 278c AbsÂ 1 StGB, zu fÃ¶rdern, und zwar
I./Â Nedzad B***** durch die zu PunktÂ A./VII./ bezeichneten Taten,
III./Â Nihad J***** durch die zu den PunktenÂ A./I./ und A./II./ bezeichneten Taten,
IV./Â Fuat I***** durch die zu den PunktenÂ A./I./ und A./II./ bezeichneten Taten,
IX./Â Arzija J***** durch die zu den PunktenÂ A./II./ und A./VI./ bezeichneten Taten,
C./Â in W*****, G***** und anderen Orten des Bundesgebietes sich in einer Verbindung, nÃ¤mlich der radikal islamistisch ausgerichteten terroristischen Vereinigung â€žIslamischer Staat (IS)â€œ, deren wenn auch nicht ausschlieÃŸlicher Zweck es ist, auf gesetzwidrige Weise, nÃ¤mlich durch den als â€žDschihadâ€œ bezeichneten bewaffneten Kampf, einen nach radikal islamistischen GrundsÃ¤tzen (Scharia) ausgerichteten als â€žIslamischer Staatâ€œ (Kalifat) bezeichneten Gottesstaat vorerst in Syrien und im Irak und schlieÃŸlich weltweit zu errichten (vgl Wahrspruch USÂ 10, USÂ 25, USÂ 44), und damit die UnabhÃ¤ngigkeit der Republik Ã–sterreich, die in der Verfassung festgelegte Staatsform der Republik Ã–sterreich, die in den Â§Â§Â 249, 250, 251 und 259 StGB angefÃ¼hrten verfassungsmÃ¤ÃŸigen Einrichtungen der Republik Ã–sterreich, nÃ¤mlich den BundesprÃ¤sidenten, den Nationalrat, den Bundesrat, die Bundesversammlung, die Bundesregierung, die neun Landtage, die neun Landesregierungen, den Verfassungsgerichtshof, den Verwaltungsgerichtshof, den Obersten Gerichtshof, den Rechnungshof, die neun LandesrechnungshÃ¶fe und das Bundesheer, zu erschÃ¼ttern, fÃ¼hrend betÃ¤tigt und fÃ¼r sie Mitglieder geworben, und zwar
I./Â Nedzad B***** durch die zu den PunktenÂ A./VII./ und B./I./ bezeichneten Taten,
III./Â Nihad J***** durch die zu den PunktenÂ A./I./, A./II./ und B./III./ bezeichneten Taten,
IV./Â Fuat I***** durch die zu den PunktenÂ A./I./, A./II./ und B./IV./ bezeichneten Taten,
IX./Â Arzija J***** durch die zu den PunktenÂ A./II./, A./VI./ und B./IX./ bezeichneten Taten.
Die Geschworenen hatten
hinsichtlich Nedzad B***** die HauptfragenÂ 1./1./ nach Â§Â 278b AbsÂ 2 StGB, 1./2./ nach Â§Â 278a StGB und 1./3./ nach Â§Â 246 AbsÂ 2 erster und zweiter Fall (iVm AbsÂ 1) StGB bejaht,
hinsichtlich Nihad J***** die HauptfragenÂ 3./1./ nach Â§Â 278b AbsÂ 2 StGB, 3./2./ nach Â§Â 278a StGB und 3./3./ nach Â§Â 246 AbsÂ 2 erster und zweiter Fall (iVm AbsÂ 1) StGB bejaht,
hinsichtlich Fuat I***** die HauptfragenÂ 4./1./ nach Â§Â 278b AbsÂ 2 StGB, 4./2./ nach Â§Â 278a StGB und 4./3./ nach Â§Â 246 AbsÂ 2 erster und zweiter Fall (iVm AbsÂ 1) Fall StGB bejaht und
hinsichtlich Arzija J***** die HauptfragenÂ 9./1./ nach Â§Â 278b AbsÂ 2 StGB, 9./2./ nach Â§Â 278a StGB und 9./3./ nach Â§Â 246 AbsÂ 2 erster und zweiter Fall (iVm AbsÂ 1) StGB bejaht.
Der Angeklagte Nedzad B***** befindet sich seit 27.Â JuliÂ 2019 wieder durchgehend in Untersuchungshaft (vgl ONÂ 1450, ONÂ 1453, ONÂ 1568, ONÂ 1597, ONÂ 1636; vgl auch USÂ 194). Die Angeklagten Nihad J*****, Fuat I***** und Arzija J***** hingegen wurden aufgrund des Beschlusses des Oberlandesgerichts Graz als Beschwerdegericht vom 12.Â SeptemberÂ 2019, AZÂ 9Â BsÂ 305/19z ua (ONÂ 1568), am 13.Â SeptemberÂ 2019 enthaftet (ONÂ 1591, ONÂ 1593, ONÂ 1594; vgl auch USÂ 194Â f) und befinden sich seitdem auf freiem FuÃŸ.
Unmittelbar nach UrteilsverkÃ¼ndung am 12.Â MÃ¤rzÂ 2020 meldeten die Angeklagten Nedzad B*****, Nihad J***** und Arzija J***** nach RÃ¼cksprache mit ihrem Verteidiger Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung an, wobei sie keine NichtigkeitsgrÃ¼nde (einzeln und bestimmt) bezeichneten (ONÂ 1720 SÂ 4). Der Angeklagte Fuat I***** meldete mit Schriftsatz seines Verteidigers (ONÂ 1723) am 16.Â MÃ¤rzÂ 2020 Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung an, wobei auch er keine NichtigkeitsgrÃ¼nde (einzeln und bestimmt) bezeichnete (ONÂ 1723 SÂ 4).
Die schriftliche Urteilsausfertigung wurde den Verteidigern jeweils am 2.Â AprilÂ 2020 zugestellt (vgl ERV-Zustellnachweis).
Der Angeklagte Fuat I***** brachte am 28.Â MaiÂ 2020 eine RechtsmittelausfÃ¼hrung ein, in der er die NichtigkeitsgrÃ¼nde des Â§Â 345 AbsÂ 1 ZÂ 6 und 10a StPO geltend macht (ONÂ 1731).
Der Angeklagte Nihad J***** brachte am 29.Â MaiÂ 2020 eine AusfÃ¼hrung der Nichtigkeitsbeschwerde ein, wobei er sich auf Â§Â 345 AbsÂ 1 ZÂ 6, 9, 10a, 11 litÂ a und 12 StPO stÃ¼tzt (ONÂ 1733).
Der Angeklagte Nedzad B***** brachte gleichfalls am 29.Â MaiÂ 2020 eine AusfÃ¼hrung der Nichtigkeitsbeschwerde ein, in der er die NichtigkeitsgrÃ¼nde des Â§Â 345 AbsÂ 1 ZÂ 6, 10a und 12 StPO geltend macht (ONÂ 1734).
Der Verteidiger der Arzija J***** Ã¼bermittelte am 29.Â MaiÂ 2020 im ERV eine als â€žNichtigkeitsbeschwerde und Berufungâ€œ titulierte Eingabe, welche allerdings lediglich aus dem ERV-Deckblatt bestand und keine AnhÃ¤nge (mit einer RechtsmittelausfÃ¼hrung) enthielt (ONÂ 1732 SÂ 1Â f, ONÂ 1 SÂ 385Â ff). Ãœber telefonische Nachfrage durch die Gerichtskanzlei (ONÂ 1732 SÂ 1, ONÂ 1 SÂ 385) Ã¼bermittelte der Verteidiger sodann am 4.Â JuniÂ 2020 im ERV eine als â€žAntragâ€œ bezeichnete Eingabe, die im Anhang eine AusfÃ¼hrung der Nichtigkeitsbeschwerde und der Berufung wegen des Ausspruchs Ã¼ber die Strafe enthÃ¤lt, wobei die NichtigkeitsgrÃ¼nde des Â§Â 345 AbsÂ 1 ZÂ 6, 9, 10a, 11 litÂ a und 12 StPO geltend gemacht werden (ONÂ 1732 SÂ 3Â ff, ONÂ 1 SÂ 387Â f).
Mit Beschluss vom 16.Â JuniÂ 2020, GZÂ 6Â HvÂ 59/19d-1738, wies der Vorsitzende des Geschworenengerichts die Nichtigkeitsbeschwerde des Nedzad B***** gemÃ¤ÃŸ â€žÂ§Â 285a ZÂ 1 StPOâ€œ, jene der Arzija J***** gemÃ¤ÃŸ Â§Â 285a ZÂ 2 StPO (zu ergÃ¤nzen: jeweils iVm Â§Â 344 StPO) zurÃ¼ck, und zwar im Wesentlichen mit der BegrÃ¼ndung, dass hinsichtlich Nedzad B***** die (gemÃ¤ÃŸ der COVID-19-Gesetzgebung unterbrochene) vierwÃ¶chige RechtsmittelausfÃ¼hrungsfrist bereits mit 14.Â AprilÂ 2020 neu zu laufen begonnen habe und die erst am 29.Â MaiÂ 2020 eingebrachte RechtsmittelausfÃ¼hrung somit verspÃ¤tet sei, und dass in dem vom Verteidiger der Arzija J***** am 29.Â MaiÂ 2020 eingebrachten Schriftsatz keine NichtigkeitsgrÃ¼nde deutlich und bestimmt bezeichnet werden.
Dieser Beschluss wurde dem (gemeinsamen) Verteidiger der beiden Angeklagten am 23.Â JuniÂ 2020 zugestellt (vgl ERV-Zustellnachweis).
Mit am 29.Â JuniÂ 2020 im ERV eingebrachtem Schriftsatz seines Verteidigers erhebt Nedzad B***** Beschwerde gegen den ZurÃ¼ckweisungsbeschluss des Vorsitzenden vom 16.Â JuniÂ 2020 und begehrt weiters die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand â€žgegen die VersÃ¤umung der fristgerechten Einbringung der schriftlichen Ausfertigung der Nichtigkeitsbeschwerdeâ€œ unter Anschluss einer â€“ mit der am 29.Â MaiÂ 2020 Ã¼berreichten RechtsmittelausfÃ¼hrung identen â€“ AusfÃ¼hrung der Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung (ONÂ 1740a).
Die Angeklagte Arzija J***** beantragt mit am 28.Â JuniÂ 2020 per ERV eingelangtem Schriftsatz ihres Verteidigers die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand â€žgegen die VersÃ¤umung der fristgerechten Einbringung der schriftlichen Ausfertigung der Nichtigkeitsbeschwerdeâ€œ unter Anschluss einer â€“ mit der am 4.Â JuniÂ 2020 eingebrachten Rechtsmittelschrift identen â€“ AusfÃ¼hrung der Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung (ONÂ 1740).
Rechtliche Beurteilung
Zum Lauf der Fristen zur AusfÃ¼hrung der angemeldeten Nichtigkeitsbeschwerden:
Nach Anmeldung einer Nichtigkeitsbeschwerde hat der BeschwerdefÃ¼hrer das Recht, binnen vier Wochen nach Zustellung einer Urteilsabschrift eine AusfÃ¼hrung seiner BeschwerdegrÃ¼nde beim Gericht zu Ã¼berreichen (Â§Â§Â 344, 285 AbsÂ 1 erster Satz StPO).
Â§Â 9 ZÂ 3 1.Â COVID-19-JuBG idF BGBlÂ IÂ 2020/16, der vom 22.Â MÃ¤rzÂ 2020 bis zum 4.Â AprilÂ 2020 in Kraft stand, enthÃ¤lt eine ErmÃ¤chtigung der Bundesministerin fÃ¼r Justiz, wonach diese â€“ soweit hier relevant â€“ fÃ¼r die Dauer von MaÃŸnahmen, die zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19 nach dem COVID-19-MaÃŸnahmengesetz, BGBlÂ IÂ 2020/12, getroffen wurden, durch Verordnung anordnen kann, dass (unter anderem) die Frist zur AusfÃ¼hrung der Nichtigkeitsbeschwerde nach Â§Â 285 AbsÂ 1 StPO fÃ¼r die Dauer der angeordneten Betretungsverbote unterbrochen wird (Â§Â 9 ZÂ 3). Â§Â 3 der auf diesem Gesetz beruhenden Verordnung der Bundesministerin fÃ¼r Justiz, mit der zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19 besondere Vorkehrungen in Strafsachen getroffen werden (BGBlÂ IIÂ 2020/113), enthielt (in dieser Fassung in Geltung von 24.Â MÃ¤rzÂ 2020 bis 8.Â AprilÂ 2020) eine wortgleiche Anordnung.
Â§Â 9 ZÂ 3 1.Â COVID-19-JuBG idF BGBlÂ IÂ 2020/24 (in Kraft seit 5. April 2020), sah vor, dass (unter anderem) die Frist zur AusfÃ¼hrung der Nichtigkeitsbeschwerde (Â§Â 285 AbsÂ 1 StPO) bis zum Ablauf des 30.Â AprilÂ 2020 unterbrochen wird und mit 1.Â MaiÂ 2020 neu zu laufen beginnt, â€žwobei diese Unterbrechung mit Ausnahme der in Â§Â 276a zweiter Satz StPO bezeichneten Frist nicht fÃ¼r Fristen in Verfahren gilt, in denen der Beschuldigte in Haft angehalten wirdâ€œ. Mit der Verordnung der Bundesministerin fÃ¼r Justiz, mit der zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19 besondere Vorkehrungen in Strafsachen getroffen werden, BGBlÂ IIÂ 2020/138 (in Kraft ab 9.Â AprilÂ 2020), wurde sodann Â§Â 3 der Verordnung BGBlÂ IIÂ 2020/113 dahingehend neu gefasst, dass er wÃ¶rtlich der novellierten Bestimmung des Â§Â 9 ZÂ 3 1.Â COVID-19-JuBG entspricht.
Zufolge Â§Â 12 AbsÂ 2 zweiter Satz 1.Â COVID-19-JuBG idF BGBlÂ IÂ 2020/24 beginnen â€žin Verfahren, in denen der Beschuldigte in Haft angehalten wirdâ€œ, Fristen, die aufgrund einer gemÃ¤ÃŸ Â§Â 9 ZÂ 3 erlassenen Verordnung unterbrochen waren, mit 14.Â AprilÂ 2020 neu zu laufen.
Der weiteren Behandlung der Rechtsmittel voranzustellen ist, dass die Fristen fÃ¼r die AusfÃ¼hrung der Nichtigkeitsbeschwerde in Ansehung der nicht in Haft befindlichen Angeklagten Arzija J*****, Nihad J***** und Fuat I***** â€“ entgegen der Stellungnahme der Generalprokuratur â€“ nicht (wie fÃ¼r den in Haft befindlichen Angeklagten Nedzad B*****; siehe dazu die AusfÃ¼hrungen zu dessen Beschwerde) am 14.Â AprilÂ 2020, sondern erst am 1.Â MaiÂ 2020 (neu) zu laufen begannen und daher mit Ablauf des 29.Â MaiÂ 2020 endeten.
Zwar enthalten die dargestellten, aus Anlass der COVID-19-Pandemie mittels Gesetz und Verordnung getroffenen MaÃŸnahmen keine ausdrÃ¼ckliche Regelung fÃ¼r gemeinsam gefÃ¼hrte Verfahren betreffend Angeklagte, die sich in Haft befinden, und solche, auf die dies nicht zutrifft, doch spricht schon der Wortlaut der anzuwendenden Verordnung (â€žâ€¦ der Beschuldigte â€¦â€œ; vgl im Gegensatz dazu Â§Â 9 AbsÂ 2 StPO â€žâ€¦ ein Beschuldigter ...â€œ) fÃ¼r diese Auslegung. Sie ermÃ¶glicht es dem nicht inhaftierten BeschwerdefÃ¼hrer Ã¼berdies, den Beginn der fÃ¼r ihn geltenden AusfÃ¼hrungsfrist â€“ ohne dass er den Haftstatus allfÃ¤lliger weiterer Rechtsmittelwerber in concreto erheben mÃ¼sste â€“ eindeutig zu erkennen (vgl zur verfassungsrechtlichen Anforderung, wonach der Inhalt einer Regelung soweit bestimmbar sein muss, dass der Normunterworfene sein Verhalten danach einrichten kann: VfSlgÂ 13.460). Zudem waren die COVID-19-MaÃŸnahmen im Justizbereich ganz allgemein von dem Ziel getragen, den Auswirkungen der damaligen EinschrÃ¤nkungen des Ã¶ffentlichen Lebens auf Gerichtsverfahren und den insbesondere krankheits- und maÃŸnahmenbedingten AusfÃ¤llen sowohl des Gerichtspersonals als auch der rechtsberatenden Berufe und der Parteien Rechnung zu tragen, weil ein TÃ¤tigwerden innerhalb der gesetzlich vorgesehenen Fristen nicht immer mÃ¶glich oder tunlich war (397/AÂ XXVII.Â GPÂ SÂ 34,Â 37). Nur deshalb kam es Ã¼berhaupt zu einem Eingriff in das Fristenregime (unter anderem) der StPO.
Diese Auslegung berÃ¼cksichtigt ferner den in den Materialien zu ArtÂ 32 des 4.Â Covid-19-Gesetz (BGBlÂ IÂ 2020/24; IAÂ 403/A XXVII.Â GP SÂ 34) zum Ausdruck gebrachten Gesetzeszweck, â€žHaftsachenâ€œ nicht weiter durch die COVID-19-MaÃŸnahmen zu verzÃ¶gern (hier in Ansehung von rund zwei Wochen [vgl zum Begriff der ins Gewicht fallenden VerzÃ¶gerung aber Kier, WK-StPO Â§Â 9 RzÂ 49Â f]), weil inhaftierte Angeklagte gemÃ¤ÃŸ Â§Â 3 der Verordnung BGBlÂ IIÂ 2020/113 idF BGBlÂ IIÂ 2020/138 ausgenommen sind, selbst wenn sich Mitangeklagte auf freiem FuÃŸ befinden. Dass somit die Fristen zur AusfÃ¼hrung eines Rechtsmittels in Bezug auf ein Urteil nicht fÃ¼r sÃ¤mtliche Rechtsmittelwerber gleichzeitig ablaufen, sieht das Gesetz auch in anderem Zusammenhang vor (vgl etwa Â§Â 63 AbsÂ 1 oder Â§Â 285 AbsÂ 2 StPO; RIS-Justiz RS0098845). In diesen FÃ¤llen ist dem besonderen Beschleunigungsgebot in Haftsachen (Â§Â 9 AbsÂ 2 StPO) einzelfallbezogen Rechnung zu tragen, etwa durch gesonderte Vorlage der Rechtsmittel (vgl dazu Danzl, Geo8 Â§Â 179 RzÂ 4b). Im Ãœbrigen steht Â§Â 290 AbsÂ 1 zweiter Satz StPO auch einer gesonderten Entscheidung durch den Obersten Gerichtshof nicht grundsÃ¤tzlich entgegen.
Die Nichtigkeitsbeschwerden der Angeklagten Nihad J***** und Fuat I***** wurden daher rechtzeitig ausgefÃ¼hrt, zur Angeklagten Arzija J***** siehe die AusfÃ¼hrungen zu deren Wiedereinsetzungsantrag.
Zur Beschwerde des Angeklagten Nedzad B*****:
Der Ansicht des Rechtsmittelwerbers zuwider begann die vierwÃ¶chige Frist zur AusfÃ¼hrung der Nichtigkeitsbeschwerde fÃ¼r den in Haft befindlichen BeschwerdefÃ¼hrer schon nach dem unmissverstÃ¤ndlichen Wortlaut des Â§Â 12 AbsÂ 2 zweiter Satz 1.Â COVID-19-JuBG idF BGBlÂ IÂ 2020/24 bereits am 14.Â AprilÂ 2020 neu zu laufen und endete folglich mit Ablauf des 12.Â MaiÂ 2020. Die erst am 29.Â MaiÂ 2020 eingebrachte Rechtsmittelschrift des Nedzad B***** ist daher verspÃ¤tet (Â§Â§Â 344, 285 AbsÂ 1 zweiter Satz StPO).
Da der Angeklagte Nedzad B***** demnach weder bei der Anmeldung der Nichtigkeitsbeschwerde noch in einer rechtzeitig Ã¼berreichten AusfÃ¼hrung derselben NichtigkeitsgrÃ¼nde deutlich und bestimmt bezeichnet hat, erfolgte die ZurÃ¼ckweisung der Nichtigkeitsbeschwerde durch den Vorsitzenden des Geschworenengerichts gemÃ¤ÃŸ den Â§Â§Â 344, 285a (richtig:) ZÂ 2 StPO zu Recht.
Der Beschwerde des Angeklagten Nedzad B***** war daher â€“ in Ãœbereinstimmung mit der Stellungnahme der Generalprokuratur â€“ nicht Folge zu geben.
Mit dem Antrag, die Bestimmung â€ždes Â§Â 3 der VerordnungÂ 2020/138 hinsichtlich seines letzten Teilsatzesâ€œ wegen sachlich nicht gerechtfertigter Ungleichbehandlung von in Haft und auf freiem FuÃŸ befindlichen Angeklagten und VerstoÃŸes gegen ArtÂ 2 B-VG beim Verfassungsgerichtshof anzufechten, wird verkannt, dass in Hinblick auf die mit 1.Â JÃ¤nnerÂ 2015 in Kraft getretene Gesetzeslage (ArtÂ 139 AbsÂ 1 ZÂ 4 B-VG iVm Â§Â 57a VfGG, ArtÂ 140 AbsÂ 1 litÂ d B-VG iVm Â§Â 62a VfGG) ein subjektives Recht auf Normenkontrolle durch die Strafgerichte nicht (mehr) besteht (RIS-Justiz RS0130514).
Auch amtswegiges Vorgehen (ArtÂ 89 AbsÂ 2 B-VG) ist nicht indiziert, weil das â€“ verfassungsrechtlich vorgegebene (vgl ArtÂ 5 AbsÂ 1 PersFrG und ArtÂ 5 AbsÂ 3 zweiter Satz MRK) â€“ besondere Beschleunigungsgebot in Haftsachen (Â§Â 9 AbsÂ 2 StPO) eine sachliche Differenzierung bei der Reichweite des der COVID-19-Pandemie geschuldeten Eingriffs in das Fristenregime der StPO ermÃ¶glicht, sodass keine Bedenken hinsichtlich der VerfassungsmÃ¤ÃŸigkeit der Regelung des Â§Â 3 der Verordnung BGBlÂ IIÂ 2020/113 idF BGBlÂ IIÂ 2020/138 bestehen.
Zum Antrag des Nedzad B***** auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand:
Nach dem Antragsvorbringen sei der Verteidiger des Nedzad B***** davon ausgegangen, â€ždass angesichts des der Bestimmung des Â§Â 3 gemÃ¤ÃŸ der Verordnung BGBlÂ IIÂ 2020/138 zugrunde liegenden Telos dieser Bestimmung, wonach in Haftsachen das Beschleunigungsgebot gilt und in einem Rechtsmittelverfahren sÃ¤mtliche Angeklagte gleich zu behandeln sind und bei einer Mehrzahl von Beschuldigten, welche teils in Haft, teils auf freiem FuÃŸ befindlich sind, es sich eben nicht um 'ein Verfahren handelt, in denen der Beschuldigte in Haft angehalten wird' und fÃ¼r den in Haft befindlichen Angeklagten eine eklatante Schlechterstellung bewirkt wird, da er zwar um die Unterbrechung des Fristenlaufs gebracht wird, aber daraus keinerlei Vorteile zieht, da vor Vorlage an den Obersten Gerichtshof auf die RechtsmittelausfÃ¼hrungen der nicht in Haft befindlichen Beschuldigten mangels Ausscheidung derer Verfahren zuzuwarten ist und in diesem Sinne auch fÃ¼r den in Untersuchungshaft befindlichen Angeklagten Nedzad B***** die gleichen FristunterbrechungsmodalitÃ¤ten gelten wie fÃ¼r die im gleichen Verfahren nicht in Haft befindlichen weiteren Angeklagtenâ€œ. Diese Ungleichbehandlung erscheine sachlich in keiner Weise gerechtfertigt zu sein, insbesondere â€žda durch die Fristunterbrechung die beeintrÃ¤chtigten Kanzleiapparate der Vertreter der Angeklagten geschÃ¼tzt werden sollten und nicht ein Lippenbekenntnis eines Beschleunigungsgebotes geschÃ¼tzt werden sollte, das in der RealitÃ¤t nicht schlagend wird, da es im Verfahren eben mehrere Angeklagte gibt, welche die jeweils gleichen Rechtsmittelfristvoraussetzungen haben solltenâ€œ.
Insofern sei der Verteidiger einem Rechtsirrtum unterlegen, der auf einem â€žGrad des minderen Versehensâ€œ beruhte, welcher den Angeklagten an der rechtzeitigen Einbringung der AusfÃ¼hrung der Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung hinderte. Dieser Rechtsirrtum sei mit der Zustellung des ZurÃ¼ckweisungsbeschlusses vom 16.Â JuniÂ 2020 aufgeklÃ¤rt worden.
GemÃ¤ÃŸ Â§Â 364 AbsÂ 1 StPO ist â€“ neben anderen, hier nicht aktuellen FÃ¤llen â€“ den Beteiligten des Verfahrens die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die VersÃ¤umung einer Frist zur AusfÃ¼hrung eines Rechtsmittels zu bewilligen, sofern sie â€“ soweit hier relevant â€“ (ZÂ 1) nachweisen, dass es ihnen durch unvorhersehbare oder unabwendbare Ereignisse unmÃ¶glich war, die Frist einzuhalten, es sei denn, dass ihnen oder ihren Vertretern ein Versehen nicht bloÃŸ minderen Grades zur Last liegt, und (ZÂ 2) die Wiedereinsetzung innerhalb von 14Â Tagen nach dem AufhÃ¶ren des Hindernisses beantragen.
Die Strafprozessordnung unterscheidet nicht, ob ein zur FristversÃ¤umnis fÃ¼hrendes â€“ die Wiedereinsetzung ausschlieÃŸendes â€“ Versehen nicht bloÃŸ minderen Grades dem Angeklagten oder seinem Verteidiger unterlaufen ist; letzterer unterliegt allerdings einem erhÃ¶hten SorgfaltsmaÃŸstab. Fehler des Verteidigers in der Handhabung des Fristenwesens schlieÃŸen eine Wiedereinsetzung in der Regel ebenso aus wie dessen mangelnde Rechtskenntnis (RIS-Justiz RS0103976, RS0101272 [T8, T10, T11], RS0123018; RS0101415; Lewisch, WK-StPO Â§Â 364 RzÂ 27Â f, 33).
Vorliegend beruft sich der Wahlverteidiger des in Untersuchungshaft angehaltenen Nedzad B*****, Rechtsanwalt Dr.Â Bl*****, auf einen Rechtsirrtum Ã¼ber die Dauer der durch die Verordnung BGBlÂ IIÂ 2020/138 bestimmten Unterbrechung der Rechtsmittelfristen; die vom Verteidiger intendierte Auslegung der â€“ nach der Zielrichtung des Vorbringens im Ãœbrigen im Kern gar nicht missverstandenen, sondern vielmehr kritisierten â€“ relevanten Bestimmungen ist allerdings mit deren Wortlaut und (bereits dargelegtem) Zweck nicht in Einklang zu bringen.
Insofern kann in dem konkret vorgebrachten anwaltlichen Rechtsirrtum Ã¼ber den Lauf der AusfÃ¼hrungsfrist, gemessen am Standard eines gewissenhaften und umsichtigen Rechtsanwalts (vgl dazu RIS-Justiz RS0131735), in Hinblick auf die bedeutenden Nachteile, die fÃ¼r den Angeklagten aus der VersÃ¤umung einer Rechtsmittelfrist entstehen kÃ¶nnen, kein Versehen bloÃŸ minderen Grades erblickt werden.
Die Wiedereinsetzung war daher â€“ in Ãœbereinstimmung mit der Stellungnahme der Generalprokuratur â€“ nicht zu bewilligen.
Zu den Nedzad B***** betreffenden SchuldsprÃ¼chenÂ A./VII./ und B./I./ sei mit Blick auf Â§Â 290 AbsÂ 1 zweiter Satz erster Fall StPO angemerkt, dass die im zugrundeliegenden Wahrspruch zu den HauptfragenÂ 1./1./ und 1./2./ (USÂ 3Â ff) hinsichtlich einzelner Beteiligungshandlungen (UnterpunkteÂ 1./, 2./ und 4./) erfolgte Bezugnahme auf die PunkteÂ A./I./ und A./II./ der Anklageschrift (vgl jedoch 11Â OsÂ 9/20p; LÃ¤ssig, WK-StPO Â§Â 317 RzÂ 5) unter dem Gesichtspunkt materieller Nichtigkeit (Â§Â 345 AbsÂ 1 ZÂ 11 litÂ a StPO) keinen Bedenken begegnet und im Ãœbrigen die weiteren, im Wahrspruch konstatierten â€“ von einem kontinuierlichen Mitwirkungsvorsatz getragenen (vgl RIS-Justiz RS0124166) â€“ Beteiligungshandlungen (Bewerbung des Dschihad bei Vereinsmitgliedern und Besuchern sowie UnterpunkteÂ 5./ und 6./) die vorgenommene Subsumtion unter Â§Â§Â 278b AbsÂ 2 und 278a StGB ohnehin tragen.
Zum Antrag der Arzija J***** auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand:
Nach dem Antragsvorbringen habe der als Wahlverteidiger einschreitende Rechtsanwalt Dr.Â Bl***** â€žunter BerÃ¼cksichtigung der Fristhemmung gemÃ¤ÃŸ des COVIDÂ 19 MaÃŸnahmengesetzesâ€œ den Fristablauf fÃ¼r die Einbringung der AusfÃ¼hrung der Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung mit 29.Â MaiÂ 2020 in Evidenz genommen, das Rechtsmittel am 27. und 29.Â MaiÂ 2020 ausgearbeitet, die fertiggestellte RechtsmittelausfÃ¼hrung am 29.Â MaiÂ 2020 als Schriftsatz ausgedruckt und als pdf-Datei eingescannt und sodann den Schriftsatz â€žNichtigkeitsbeschwerde und Berufungâ€œ an das Landesgericht fÃ¼r Strafsachen Graz expediert, wobei er am 29.Â MaiÂ 2020 um 23:24Â Uhr die Benachrichtigung Ã¼ber die erfolgreiche Einbringung erhalten habe. Aufgrund eines FlÃ¼chtigkeitsfehlers â€žbedingt durch die Vielzahl der Rechtsmitteleinbringungenâ€œ sei dem im ERV eingebrachten Dokument der unmittelbar davor eingescannte Schriftsatz mit der RechtsmittelausfÃ¼hrung nicht als pdf-Datei angeschlossen worden, wobei dies der Statusmitteilung Ã¼ber die Einbringung nicht habe entnommen werden kÃ¶nnen. Dieser Fehler sei erst aufgrund eines Anrufs der Leiterin der Gerichtskanzlei am 3.Â JuniÂ 2020 entdeckt worden. Der Verteidiger, der an diesem Tag eine ganztÃ¤gige Verhandlung in L***** und im Anschluss eine Besprechung in G***** verrichtete, habe der Kanzleileiterin die â€žNachÃ¼bermittlungâ€œ fÃ¼r den nÃ¤chsten Tag in Aussicht gestellt, was von dieser so zur Kenntnis genommen worden sei, und die RechtsmittelausfÃ¼hrung sodann am 4.Â JuniÂ 2020 dem Gericht Ã¼bermittelt. Aus Sicht des Verteidigers sei damit dem â€žNachreichungsersuchen des Gerichtsâ€œ GenÃ¼ge getan gewesen, und er habe keinen weiteren Handlungsbedarf gesehen. Dass die Einbringung der RechtsmittelausfÃ¼hrung verspÃ¤tet gewesen sei, sei ihm erst aufgrund des Beschlusses des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Graz vom 16.Â JuniÂ 2020 (ONÂ 1738) bewusst geworden.
Voranzustellen ist, dass nur eine AusfÃ¼hrung der Nichtigkeitsbeschwerde zulÃ¤ssig ist (RIS-Justiz RS0100170). Der â€žNachtragâ€œ vom 4.Â JuniÂ 2020 war daher unbeachtlich.
Schon nach dem Antragsvorbringen erlangte der Verteidiger bereits am 3.Â JuniÂ 2020 Kenntnis von der nicht erfolgten Ãœbertragung der RechtsmittelausfÃ¼hrung an das Landesgericht fÃ¼r Strafsachen Graz. Der Wiedereinsetzungsantrag erweist sich daher allein schon deshalb als unberechtigt, weil er nicht innerhalb von 14Â Tagen nach AufhÃ¶ren des Hindernisses gestellt wurde.
Zur Nichtigkeitsbeschwerde des Angeklagten Nihad J*****:
Mit dem Hinweis auf die FreisprÃ¼che Mitangeklagter wird betreffend A./ und B./ des Schuldspruchs ein innerer Widerspruch im Sinn der ZÂ 9 des Â§Â 345 AbsÂ 1 StPO nicht aufgezeigt (RIS-Justiz RS0123182).
Urteilsnichtigkeit nach Â§Â 345 AbsÂ 1 ZÂ 10a StPO ist gegeben, wenn die Geschworenen das ihnen nach Â§Â 258 AbsÂ 2 zweiter Satz StPO gesetzlich zustehende BeweiswÃ¼rdigungsermessen in geradezu unertrÃ¤glicher Weise gebraucht haben und damit eine Fehlentscheidung bei der BeweiswÃ¼rdigung qualifiziert nahe liegt (RIS-Justiz RS0119583 [T13]).
Durch die Bezugnahme auf die in der Hauptverhandlung als Zeugen vernommenen â€žRÃ¼ckkehrer aus Syrienâ€œ Enes S*****, Katka O*****, Michaela Su*****, Hasan O*****, Muharem Sm***** und Munira Sm*****, sie wÃ¤ren in ihrem Entschluss, nach Syrien zu reisen, nicht vom Rechtsmittelwerber beeinflusst worden, werden beim Obersten Gerichtshof erhebliche Bedenken gegen die Richtigkeit der im Wahrspruch der Geschworenen festgestellten entscheidenden Tatsachen nicht geweckt.
Soweit der BeschwerdefÃ¼hrer auf die Niederschrift der Geschworenen (Â§Â 331 AbsÂ 3 StPO) Bezug nimmt, geht er daran vorbei, dass diese nicht zum Wahrspruch der Geschworenen gehÃ¶rt und solcherart nicht AnknÃ¼pfungspunkt einer TatsachenrÃ¼ge (ZÂ 10a) sein kann (RIS-Justiz RS0115549 [T1]).
Die RechtsrÃ¼ge (ZÂ 11 litÂ a) bezieht sich bloÃŸ auf einzelne Beteiligungshandlungen, deren Wegfall aber die rechtliche Beurteilung gar nicht tangiert: Wiederholte, â€“ wie hier â€“ von einem kontinuierlichen â€žMitwirkungsvorsatzâ€œ getragene Beteiligungshandlungen an derselben terroristischen Vereinigung bzw kriminellen Organisation bilden nÃ¤mlich eine tatbestandliche Handlungseinheit (RIS-Justiz RS0124166, RS0127374).
Mit seinem auf C./ des Schuldspruchs bezogenen Vorbringen aus Â§Â 345 AbsÂ 1 ZÂ 6, ZÂ 9, ZÂ 10a, ZÂ 11 litÂ a und ZÂ 12 StPO wird der Rechtsmittelwerber auf die Kassation verwiesen.
Die Nichtigkeitsbeschwerde des Angeklagten J***** im Ãœbrigen war bei nichtÃ¶ffentlicher Beratung sofort zurÃ¼ckzuweisen (Â§Â§Â 344, 285d AbsÂ 1 StPO).
Zur Nichtigkeitsbeschwerde der Angeklagten Fuat I*****:
Die auf A./ und B./ des Schuldspruchs bezogene TatsachenrÃ¼ge (Â§Â 345 AbsÂ 1 ZÂ 10a StPO) bringt vor, die belastenden Angaben der â€žanonymen Zeugen 1 und 2â€œ wÃ¤ren durch das Beweisverfahren entkrÃ¤ftet worden. Der Rechtsmittelwerber wÃ¤re bloÃŸ â€žam Papierâ€œ Obmann des Glaubensvereins und anfangs eine â€žMarionetteâ€œ des sehr autoritÃ¤ren Nermin S***** gewesen und hÃ¤tte auch nach dessen Abreise im JahrÂ 2014 keine ideologische FÃ¼hrungsrolle innegehabt. Der BeschwerdefÃ¼hrer verweist dazu auf die Aussagen der Zeugen Asad Ja*****, Miralem Sm*****, Hasan O*****, Almir E*****, Vinzenz P*****, Dasmir A***** und Katka O***** sowie der Angeklagten Nedzad B*****, Nihad J*****, Mirzed Mu***** und Bedro Ju*****. Der Mitangeklagte Redzep K***** hÃ¤tte ihn bloÃŸ belastet, um â€žseine Rolle herunterzuspielenâ€œ. Damit verlÃ¤sst die Beschwerde den Anfechtungsrahmen des angesprochenen Nichtigkeitsgrundes. Eine Ã¼ber die PrÃ¼fung erheblicher Bedenken hinausgehende Auseinandersetzung mit der Ãœberzeugungskraft von Beweisergebnissen â€“ wie sie die Berufung wegen Schuld des Einzelrichterverfahrens einrÃ¤umt â€“ wird durch diesen nÃ¤mlich nicht erÃ¶ffnet (RIS-Justiz RS0119583).
In diesem Umfang war daher die Nichtigkeitsbeschwerde des Angeklagten I***** gemÃ¤ÃŸ Â§Â§Â 344, 285d AbsÂ 1 StPO bei nichtÃ¶ffentlicher Beratung sofort zurÃ¼ckzuweisen.
Mit seinem aus Â§Â 345 AbsÂ 1 ZÂ 6 StPO erstatteten Vorbringen wird der Nichtigkeitswerber auf die amtswegige Aufhebung des angesprochenen Teils des Schuldspruchs verwiesen.
Zur amtswegigen MaÃŸnahme:
Aus Anlass der Nichtigkeitsbeschwerden Ã¼berzeugte sich der Oberste Gerichtshof davon, dass den die Angeklagten Nedzad B*****, Nihad J*****, Fuat I***** und Arzija J***** betreffenden SchuldsprÃ¼chenÂ C./I./, III./, IV./ und IX./ â€“ worauf auch die Generalprokuratur in ihrer Stellungnahme hinweist â€“ jeweils ein Nichtigkeit gemÃ¤ÃŸ Â§Â 345 AbsÂ 1 ZÂ 12 StPO begrÃ¼ndender Rechtsfehler mangels Feststellungen anhaftet (Â§Â§Â 344, 290 AbsÂ 1 zweiter Satz erster Fall StPO).
Die nach Â§Â 246 AbsÂ 1 StGB maÃŸgebliche ErschÃ¼tterung muss sich auf die UnabhÃ¤ngigkeit der Republik Ã–sterreich, deren in der Verfassung festgelegte Staatsform oder eine verfassungsmÃ¤ÃŸige Einrichtung derselben beziehen. Die UnabhÃ¤ngigkeit Ã–sterreichs ist erschÃ¼ttert, wenn ein Eingreifen fremder MÃ¤chte zur Regelung Ã¶sterreichischer Angelegenheiten oder Ã„hnliches ernstlich zu besorgen ist. Die Staatsform ist erschÃ¼ttert, wenn zu befÃ¼rchten ist, dass auf gesetzwidrige Weise die Staatsform einer demokratischen parlamentarischen Republik beseitigt wird. VerfassungsmÃ¤ÃŸige Einrichtungen im Sinn des Â§Â 246 AbsÂ 1 StGB sind jene, die fÃ¼r den Staatsaufbau wesentlich sind. Diese Einrichtungen werden erschÃ¼ttert, wenn ihre Missachtung um sich greift und von vielen nach ihrer Abschaffung gerufen wird (11Â OsÂ 9/20p; Bachner-Foregger in WKÂ² StGB Â§Â 246 RzÂ 3; Salimi/Tipold, SbgK Â§Â 246 RzÂ 24Â ff; Leukauf/Steininger/Tipold, StGB4 Â§Â 246 RzÂ 7a).
Dem die Feststellungsgrundlage fÃ¼r die rechtliche Beurteilung bildenden Wahrspruch der Geschworenen zur Nedzad B***** betreffenden HauptfrageÂ 1./3./ (vgl SchuldspruchÂ C./I./), zur Nihad J***** betreffenden HauptfrageÂ 3./3./ (vgl SchuldspruchÂ C./III./), zur Fuat I***** betreffenden HauptfrageÂ 4./3./ (vgl SchuldspruchÂ C./IV./) und zur Arzija J***** betreffenden HauptfrageÂ 9./3./ (vgl SchuldspruchÂ C./IX./) ist jeweils kein Sachverhaltssubstrat zu entnehmen (vgl USÂ 10Â ff, 25Â ff, 44Â ff, 119Â ff), wonach die AktivitÃ¤ten der Vereinigung â€žIslamischer Staatâ€œ ungeachtet deren konstatierten Ziels, durch den als â€žDschihadâ€œ bezeichneten bewaffneten Kampf einen nach radikal islamistischen GrundsÃ¤tzen ausgerichteten Gottesstaat vorerst in Syrien und im Irak und â€žschlieÃŸlich weltweitâ€œ zu errichten, eine ernste Gefahr fÃ¼r die Grundfeste der Republik Ã–sterreich darstellen wÃ¼rden (vgl neuerlich 11Â OsÂ 9/20p).
Insofern vermag der Wahrspruch der Geschworenen die rechtliche Annahme der Verwirklichung eines Verbrechens nach Â§Â 246 AbsÂ 2 StGB nicht zu tragen und haftet diesem somit ein Subsumtionsfehler (mangels Feststellungen) an.
Dies erfordert die Aufhebung des Wahrspruchs der Geschworenen sowie der darauf beruhenden SchuldsprÃ¼che wie aus dem Spruch ersichtlich und folglich auch der StrafaussprÃ¼che, des Nihad J***** betreffenden Ausspruchs nach Â§Â 446a StPO sowie des Konfiskationsausspruchs, der sich undifferenziert auf alle SchuldsprÃ¼che bezieht (USÂ 195Â f, USÂ 206).
Zu diesem sei im Ãœbrigen angemerkt, dass nach Â§Â 19a StGB nur zum Zeitpunkt der Entscheidung im Eigentum des TÃ¤ters stehende GegenstÃ¤nde konfisziert werden kÃ¶nnen, die dieser zur Begehung einer vorsÃ¤tzlichen Straftat verwendet hat, die von ihm dazu bestimmt worden waren, bei der Begehung dieser Straftat verwendet zu werden, oder die durch diese Handlung hervorgebracht worden sind. Vorliegend erschÃ¶pfen sich die diesbezÃ¼glichen Urteilsfeststellungen in der Annahme, Nedzad B*****, Nihad J*****, Fuat I***** und Arzija J***** hÃ¤tten â€žalle sichergestellten und beschlagnahmten GegenstÃ¤nde (ONÂ 1342)â€œ zur Begehung der ihnen angelasteten vorsÃ¤tzlichen Straftaten verwendet â€žoderâ€œ/â€žbzwâ€œ seien diese von ihnen dazu bestimmt worden, bei der Begehung dieser Straftaten verwendet zu werden â€žoderâ€œ/â€žbzwâ€œ durch diese Handlungen hervorgebracht worden (USÂ 196, USÂ 206). Damit ist jedoch nichts zu den EigentumsverhÃ¤ltnissen gesagt.
Die Kostenentscheidung beruht auf Â§Â 390a AbsÂ 1 StPO. Die Ersatzpflicht erstreckt sich nicht auf die mit dem amtswegigen Vorgehen verbundenen Kosten (RIS-Justiz RS0101558). Betreffend die Angeklagten Nedzad B***** und Arzija J***** hatte ein Kostenausspruch zu unterbleiben, weil es nicht zu einem Rechtsmittelverfahren im Sinn des Â§Â 390a StPO gekommen ist und ein erfolgloser Antrag auf Wiedereinsetzung keine Kostenersatzpflicht auslÃ¶st (Lendl, WK-StPO Â§Â 390a RzÂ 11 und 19).