Document Number: JJT_20200304_OGH0002_0150OS00105_19H0000_000
ECLI: ECLI:AT:OGH0002:2020:0150OS00105.19H.0304.000
Case Number: 15Os105/19h
Application Type: Justiz
Court: OGH
Decision Date: 1583280000000
Word Count: 1337

Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat am 4.Â MÃ¤rzÂ 2020 durch den SenatsprÃ¤sidenten des Obersten Gerichtshofs Hon.-Prof.Â Dr.Â Kirchbacher als Vorsitzenden sowie den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Mag.Â Lendl und die HofrÃ¤tinnen des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Michel-Kwapinksi, Mag.Â FÃ¼rnkranz und Dr.Â Mann in Gegenwart des Rechtspraktikanten Dr.Â SchÃ¶ll als SchriftfÃ¼hrer in der Strafsache gegen Franz K***** und andere Angeklagte wegen des Verbrechens der Untreue nach Â§Â§Â 12 zweiter Fall, 153 AbsÂ 1 und AbsÂ 3 zweiter Fall StGB und weiterer strafbarer Handlungen Ã¼ber die Nichtigkeitsbeschwerden und die Berufungen der Angeklagten Franz K*****, Gabriele K***** und Denise H***** gegen das Urteil des Landesgerichts Wels als SchÃ¶ffengericht vom 5.Â AprilÂ 2019, GZÂ 15Â HvÂ 85/18w-123, nach AnhÃ¶rung der Generalprokuratur in nichtÃ¶ffentlicher Sitzung zu Recht erkannt:
Spruch
Aus Anlass der Nichtigkeitsbeschwerden wird das angefochtene Urteil, das im Freispruch betreffend Franz K***** und Denise H***** unberÃ¼hrt bleibt, im Ãœbrigen aufgehoben und die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung an das Landesgericht Wels verwiesen.
Mit ihren Nichtigkeitsbeschwerden und ihren Berufungen werden die Angeklagten auf diese Entscheidung verwiesen.
Text
GrÃ¼nde:
Mit dem angefochtenen Urteil, das auch rechtskrÃ¤ftige FreisprÃ¼che (II./) enthÃ¤lt, wurden Franz K***** des Verbrechens der Untreue als Beteiligter nach Â§Â§Â 12 zweiter Fall,Â 153 AbsÂ 1 und AbsÂ 3 zweiterÂ Fall StGB (I./A./) sowie Gabriele K***** (I./B./) und Denise H***** (I./C./) des Verbrechens der Untreue als Beteiligte nach Â§Â§Â 12 dritter Fall, Â§Â 153 AbsÂ 1 und AbsÂ 3 ersterÂ Fall StGB schuldig erkannt.
Danach haben in R***** [I./]
â€žA./Â Franz K***** im Zeitraum EndeÂ 2014 bis etwa Mitte MaiÂ 2015 durch das stÃ¤ndige Andringen auf KreditgewÃ¤hrung und unter eindringlicher Schilderung seiner Notlage [...] Christian Ã–***** dazu bestimmt, als Filialdirektor der A***** AG, *****, die ihm eingerÃ¤umte Befugnis, Ã¼ber fremdes VermÃ¶gen zu verfÃ¼gen, wissentlich zu missbrauchen und dadurch die A***** AG in HÃ¶he von 353.859,32Â Euro am VermÃ¶gen geschÃ¤digt, indem dieser Franz K***** unter Missachtung seines Betragspouvoirs und entgegen der internen Anweisung, fÃ¼r die Bewilligung eines Kredits bei vorliegender Risikoklasse ein positives Votum des Kreditrisikomanagements einzuholen, einen wirtschaftlich unvertretbaren Kredit ohne Bestellung von Sicherheiten Ã¼ber fingierte Bau- und Wohnkonten (Kontonummer ***** und *****) vergab, wobei die KreditvertrÃ¤ge mit fingierten Finanzierungszwecken von der Mutter des Franz K*****, Gabriele K***** (Ã¼ber einen Betrag von 200.000Â Euro) und dessen Stieftochter Denise H***** (Ã¼ber einen Betrag von 150.000Â Euro) unterfertigt wurden, die Kreditvaluten jedoch nach ZuzÃ¤hlung mittels Barbehebungen und Ãœberweisungen auf das GeschÃ¤ftskonto lautend auf Franz K*****, Kontonummer *****, abflossen;
B./Â Gabriele K***** am 13.Â MaiÂ 2015 dadurch, dass sie â€“ in Umgehung des Umstands, dass Franz K***** der Kredit mangels KreditwÃ¼rdigkeit nicht bewilligt worden wÃ¤reÂ â€“ einen Bau- und Wohnkreditvertrag (Kontonummer *****) mit fingierten Finanzierungszwecken Ã¼ber einen Betrag von 200.000Â Euro unterfertigte, wobei die Kreditvaluta jedoch nach ZuzÃ¤hlung mittels Barbehebungen und Ãœberweisungen auf das GeschÃ¤ftskonto lautend auf Franz K*****, Kontonummer *****, abflossen, einen Beitrag zu der unter I./A./ angefÃ¼hrten Tathandlung des Christian Ã–***** geleistet;
C./Â Denise H***** am 13.Â MÃ¤rzÂ 2013 dadurch, dass sie â€“ in Umgehung des Umstands, dass Franz K***** der Kredit mangels KreditwÃ¼rdigkeit nicht bewilligt worden
wÃ¤re â€“, einen Bau- und Wohnkreditvertrag (Kontonummer *****) mit fingierten Finanzierungszwecken Ã¼ber einen Betrag von 150.000Â Euro unterfertigte, wobei die Kreditvaluta je nach ZuzÃ¤hlung mittels Barbehebungen und Ãœberweisungen auf das GeschÃ¤ftskonto lautend auf Franz K*****, Kontonummer *****, abflossen, einen Beitrag zu der unter I./A./ beschriebenen Tathandlung des Christian Ã–***** geleistet.â€œ
Rechtliche Beurteilung
Gegen dieses Urteil wenden sich die auf
Â§Â 281 AbsÂ 1 ZÂ 5 und 9Â litÂ a StPO gestÃ¼tzte Nichtigkeitsbeschwerde des Angeklagten Franz K***** und die gemeinsam ausgefÃ¼hrten, auf Â§Â 281 AbsÂ 1 ZÂ 5, 9 lit a und 10a StPO gegrÃ¼ndeten Nichtigkeitsbeschwerden der Angeklagten Gabriele K***** und Denise H*****.
Nach den Urteilsfeststellungen verfÃ¼gte Christian Ã–***** im Tatzeitraum als Filialdirektor einer im Urteil nÃ¤her bezeichneten Bank bei Kreditvergaben Ã¼ber ein Pouvoir von 500.000Â Euro, welches sich bei schlechter BonitÃ¤t des Antragstellers auf 250.000Â Euro reduzierte. Im Zuge von FinanzierungsbemÃ¼hungen des bereits in finanziellen Schwierigkeiten steckenden Unternehmers Franz K***** (bankinterne BonitÃ¤tsstufeÂ 7/8 von 9Â Stufen) wurde Ã–***** zudem von seinem Vorsitzenden explizit mitgeteilt, dass die Vergabe eines (weiteren) Kredits an den Genannten â€žnicht mÃ¶glichâ€œ sei.
Fanz K***** drÃ¤ngte Ã–***** im Wissen, dass dieser â€žÃ¼ber kein Pouvoir verfÃ¼gte und ihm keinerlei Finanzierung geben konnteâ€œ weiterhin zur KreditgewÃ¤hrung, weshalb Ã–*****Â letztlich nach alternativen MÃ¶glichkeiten suchte. Um die Problematik der fehlenden internen Erlaubnis zu umgehen, wÃ¤hlte Ã–***** eine â€žStrohmannkonstruktionâ€œ, bei welcher â€žnach auÃŸen hinâ€œ mit deren EinverstÃ¤ndnis Gabriele K***** und Denise H***** â€žals Kreditnehmer auftretenâ€œ sollten. Franz K***** wurde von Ã–***** in diesem Zusammenhang beauftragt, einen Lohnzettel mit einem â€žfiktiven Nettogehalt von ca.Â 2000Â Euroâ€œ betreffend H***** zu beschaffen, â€žum die KreditwÃ¼rdigkeit derselben zu dokumentierenâ€œ.
Unter der Angabe von â€žfingierten Finanzierungszweckenâ€œ wurden von Ã–***** schlieÃŸlich je ein â€žBau- und Wohnkontoâ€œ fÃ¼r Gabriele K***** und Denise H***** eingerichtet. H***** unterzeichnete im MÃ¤rzÂ 2015 einen Kreditvertrag Ã¼ber 150.000Â Euro, Gabriele K***** im MaiÂ 2015 einen solchen Ã¼ber 200.000Â Euro. Unmittelbar nach ZuzÃ¤hlung der jeweiligen Kreditvaluten auf diese Bau- und Wohnkonten flossen die Mittel durch Bartransaktionen und Ãœberweisungen auf das GeschÃ¤ftskonto des Franz K*****, der nahezu den gesamten Betrag zur Bezahlung andrÃ¤ngender Lieferanten, zur Aufrechterhaltung des laufenden Betriebs und zur Begleichung von RÃ¼ckstÃ¤nden bei einer Gebietskrankenkasse verwendete.
Im MÃ¤rzÂ 2016 wurde gegen Franz K***** ein Insolvenzverfahren eingeleitet. Auf den oben beschriebenen Kreditkonten der Gabriele K***** und der Denise H***** hafteten im Urteilszeitpunkt die jeweiligen Kreditsummen Ã¼bersteigende BetrÃ¤ge (insgesamt 353.859,32Â Euro) aus.
Die drei Angeklagten hielten es (zu den Tatzeitpunkten) fÃ¼r gewiss, dass Ã–***** (vorsÃ¤tzlich) seine ihm eingerÃ¤umte Befugnis, Ã¼ber fremdes VermÃ¶gen zu verfÃ¼gen, dadurch missbrauchte, dass er unter Missachtung seines Kreditpouvoirs und entgegen der Anordnung seines Vorgesetzten dem Franz K***** einen wirtschaftlich unvertretbaren Kredit bewilligte und die Kreditvaluta im Weg fingierter Bau- und Wohnkonten dem Genannten â€žzuzÃ¤hlteâ€œ, handelten jedoch trotzdem. Sie hielten es zudem ernstlich fÃ¼r mÃ¶glich und fanden sich billigend damit ab, dass die Bank dadurch einen Schaden erlitt, und zwar Gabriele K***** und Denise H***** jeweils hinsichtlich eines 5.000Â Euro, Franz K***** hinsichtlich eines 300.000Â Euro Ã¼bersteigenden Betrages. Franz K***** hielt es ernstlich fÃ¼r mÃ¶glich und fand sich billigend damit ab, dass sich Ã–***** vorwiegend aufgrund seines stÃ¤ndigen AndrÃ¤ngens auf KreditgewÃ¤hrung zur Tat entschloss, er diesen also zur Tat bestimmte. Gabriele K***** und Denise H***** wiederum hielten es ernstlich fÃ¼r mÃ¶glich und fanden sich billigend damit ab, dass sie durch ihre Bereitschaft zum Abschluss eines Kreditvertrags und durch ihre Unterschriftsleistung zum Befugnismissbrauch des Ã–***** beitrugen.
Aus Anlass der Nichtigkeitsbeschwerden Ã¼berzeugte sich der Oberste Gerichtshof davon, dass dem Urteil ein zum Nachteil der drei Angeklagten wirkender, von diesen nicht geltend gemachter Rechtsfehler mangels Feststellungen anhaftet (Â§ 290 AbsÂ 1 zweiterÂ Satz iVm Â§Â 281 Abs 1 ZÂ 9 litÂ a StPO), der eine Aufhebung des Urteils im Schuldspruch und in den davon abhÃ¤ngenden AussprÃ¼chen gebietet:
Nach den Urteilsfeststellungen waren Gabriele K***** und Denise H*****Â â€“Â ungeachtet der Urteilspassagen zu einer â€žStrohmannkonstruktionâ€œ fÃ¼r Franz K*****Â â€“Â (â€žformaleâ€œ) Kreditnehmerinnen der Bank, sodass Letzterer im Zeitpunkt der KreditgewÃ¤hrung gegen diese Vertragspartnerinnen (je) eine Forderung auf RÃ¼ckzahlung der Kreditsumme entstand. Aussagen zur BonitÃ¤t der (â€žformalenâ€œ) Kreditschuldnerinnen und zur Einbringlichkeit des gegen die beiden Frauen bestehenden RÃ¼ckzahlungsanspruchs im Zeitpunkt der Kreditschuldentstehung trifft das Urteil nicht, obwohl die ausbezahlten Kreditsummen dem Anschein nach innerhalb der dargestellten Pouvoirgrenze des Filialleiters Christian Ã–***** lagen und sich die konkrete Weisung des Vorgesetzten auf Versagung eines Kredits auf Franz K*****, nicht aber auf Gabriele K***** und Denise H***** als Kreditnehmer bezog (USÂ 6Â f). Inwiefern diese Weisung auf Kreditvergaben an die beiden Frauen durchschlagen sollte, lÃ¤sst das Urteil gleichfalls offen.
Auf Basis der Urteilsfeststellungen lÃ¤sst sich somit die (Rechts-)Frage (vgl 13Â OsÂ 55/17p; 11Â OsÂ 34/17k; 11Â OsÂ 7/17i; 12Â OsÂ 34/18v) nach der (objektiven) wirtschaftlichen Vertretbarkeit oder Unvertretbarkeit der Kreditvergaben an Gabriele K***** und Denise H***** derzeit nicht abschlieÃŸend beurteilen. Auch in Bezug auf H***** trifft das Urteil keine klare Aussage dazu, ob eine (mit einem Lohnzettel Ã¼ber ein â€žfiktives Nettogehaltâ€œ â€ždokumentierteâ€œ) KreditwÃ¼rdigkeit (USÂ 7) im Zeitpunkt der der Kreditvergabe tatsÃ¤chlich (objektiv) bestand oder nicht.
Die Feststellungen zur subjektiven Tatseite gehen deshalb ins Leere, weil sie sich auf eine Kreditvergabe an Franz K***** und nicht auf eine solche an die vertraglichen Kreditnehmerinnen beziehen, gegen die allein sich der RÃ¼ckzahlungsanspruch der Bank richtet.
Aus Anlass der Nichtigkeitsbeschwerden war das angefochtene Urteil somit bereits in nichtÃ¶ffentlicher Sitzung im aus dem Spruch ersichtlichen Umfang aufzuheben (Â§Â 285e StPO) und die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung an das Erstgericht zu verweisen.
Mit ihren Nichtigkeitsbeschwerden und Berufungen waren die Angeklagten auf die kassatorische Entscheidung zu verweisen.
Da die Nichtigkeitsbeschwerden der Angeklagten aufgrund einer amtswegigen MaÃŸnahme gegenstandslos geworden sind, trifft sie keine Verpflichtung zum Kostenersatz (Lendl, WK-StPO Â§Â 390a RzÂ 12; RIS-Justiz RS0101558Â [T1]).