Document Number: JJT_20201015_OGH0002_0120OS00115_20H0000_000
ECLI: ECLI:AT:OGH0002:2020:0120OS00115.20H.1015.000
Case Number: 12Os115/20h
Application Type: Justiz
Court: OGH
Decision Date: 1602720000000
Word Count: 775

Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat am 15.Â OktoberÂ 2020 durch den SenatsprÃ¤sidenten des Obersten Gerichtshofs Dr.Â SolÃ© als Vorsitzenden sowie den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Hon.-Prof.Â Dr.Â Oshidari, die HofrÃ¤tinnen des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Michel-Kwapinski und Dr.Â Brenner und den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Haslwanter in Gegenwart des SchriftfÃ¼hrers Mag.Â Nikolic in der Strafsache gegen Youssef K***** und andere Angeklagte wegen Verbrechen des schweren Raubes nach Â§Â§Â 142 AbsÂ 1, 143 AbsÂ 1 zweiter Fall StGB, AZÂ 64Â HvÂ 6/20h des Landesgerichts Klagenfurt, Ã¼ber die von der Generalprokuratur gegen das Urteil dieses Gerichts als JugendschÃ¶ffengericht vom 15.Â MaiÂ 2020 (ONÂ 54) ergriffene Nichtigkeitsbeschwerde zur Wahrung des Gesetzes nach Ã¶ffentlicher Verhandlung in Anwesenheit des Vertreters der Generalprokuratur, Generalanwalt Mag.Â Schneider zu Recht erkannt:
Spruch
In der Strafsache AZÂ 64Â HvÂ 6/20h des Landesgerichts Klagenfurt verletzt das Urteil dieses Gerichts als JugendschÃ¶ffengericht vom 15.Â MaiÂ 2020 (ONÂ 54) in seinem nachtrÃ¤glichen Strafausspruch zum Urteil des Landesgerichts Klagenfurt vom 22.Â AugustÂ 2016, GZÂ 38Â HvÂ 26/16b-19, den im 16.Â HauptstÃ¼ck der Strafprozessordnung verankerten Grundsatz der Bindungswirkung gerichtlicher Entscheidungen, das in ArtÂ 4 AbsÂ 1 7.Â ZPMRK und in Â§Â 17 AbsÂ 1 StPO normierte Verbot der Doppelbestrafung sowie Â§Â 15 AbsÂ 1 JGG.
Dieses Urteil, das im Ãœbrigen unberÃ¼hrt bleibt, wird in seinem Strafausspruch ebenso wie die zugleich ergangenen BeschlÃ¼sse gemÃ¤ÃŸ Â§Â 494a AbsÂ 1 ZÂ 3 zweiter Halbsatz StPO und gemÃ¤ÃŸ Â§Â 494a AbsÂ 1 ZÂ 2 StPO aufgehoben und die Sache in diesem Umfang zu neuer Verhandlung und Entscheidung an das Landesgericht Klagenfurt verwiesen.
Text
GrÃ¼nde:
Mit Urteil des Einzelrichters des Landesgerichts Klagenfurt vom 22.Â AugustÂ 2016, GZÂ 38Â HvÂ 26/16b-19, wurde der am 3.Â JÃ¤nnerÂ 2001 geborene Alvi I***** des Vergehens der schweren KÃ¶rperverletzung nach Â§Â§Â 83 AbsÂ 1, 84 AbsÂ 1 StGB idF vor BGBlÂ IÂ 2015/112 schuldig erkannt und zu einer bedingt nachgesehenen Freiheitsstrafe von zwei Monaten verurteilt. In Stattgebung der dagegen gerichteten Berufung des Angeklagten wegen des Ausspruchs Ã¼ber die Strafe (ONÂ 21) hob das Oberlandesgericht Graz als Berufungsgericht mit Urteil vom 11.Â NovemberÂ 2016, AZÂ 10Â BsÂ 289/16z (ONÂ 26 in AZÂ 38Â HvÂ 26/16b), den erstinstanzlichen Strafausspruch auf und behielt gemÃ¤ÃŸ Â§Â 13 AbsÂ 1 JGG den Ausspruch der zu verhÃ¤ngenden Strafe fÃ¼r eine Probezeit von drei Jahren vor.
Mit Urteil des Einzelrichters des Landesgerichts Klagenfurt vom 10.Â JÃ¤nnerÂ 2018, GZÂ 79Â HvÂ 85/17g-55 (ONÂ 37 in AZÂ 64Â HvÂ 6/20h dieses Gerichts), wurde â€“ soweit hier von Bedeutung â€“ Alvi I***** des Vergehens der KÃ¶rperverletzung nach Â§Â§Â 15, 83 AbsÂ 1 StGB und des Verbrechens der schweren KÃ¶rperverletzung nach Â§Â§Â 83 AbsÂ 1, 84 AbsÂ 5 ZÂ 2 StGB schuldig erkannt und hiefÃ¼r â€žunter Straffestsetzung zum Urteil des Landesgerichts Klagenfurt vom 22.Â AugustÂ 2016, 38Â HvÂ 26/16bâ€œ (USÂ 3) zu einer unter Bestimmung einer Probezeit von drei Jahren bedingt nachgesehenen Freiheitsstrafe von sieben Monaten verurteilt. Ein beschlussmÃ¤ÃŸiger Ausspruch gemÃ¤ÃŸ Â§Â 494a AbsÂ 1 ZÂ 3 zweiter Halbsatz StPO unterblieb.
Mit gleichfalls unangefochten in Rechtskraft erwachsenem Urteil des Landesgerichts Klagenfurt als JugendschÃ¶ffengericht vom 15.Â MaiÂ 2020, GZÂ 64Â HvÂ 6/20h-54, wurde â€“ soweit hier von Relevanz â€“ Alvi I***** des Verbrechens des schweren Raubes nach Â§Â§Â 142 AbsÂ 1, 143 AbsÂ 1 zweiter Fall StGB schuldig erkannt und â€“ im Ãœbrigen ohne einen darauf gerichteten Antrag der Staatsanwaltschaft (vgl aber Â§Â 16 AbsÂ 1 erster Satz JGG) â€“ â€žunter gleichzeitiger nachtrÃ¤glicher Straffestsetzung zum Schuldspruch des Landesgerichts Klagenfurt AZÂ 38Â HvÂ 26/16bâ€œ sowie unter Bedachtnahme (Â§Â 31 StGB) auf das Urteil des Landesgerichts Klagenfurt vom 4.Â DezemberÂ 2018, AZÂ 38Â HvÂ 46/18x, zu einer Zusatzfreiheitsstrafe in der Dauer von 24Â Monaten verurteilt. Mit (deklarativem [vgl Schroll in WKÂ² JGG Â§Â 16 RzÂ 10]) Beschluss wurde ausgesprochen, dass ein nachtrÃ¤glicher Strafausspruch im Verfahren AZÂ 38Â HvÂ 26/16b des Landesgerichts Klagenfurt nicht mehr in Betracht kommt. Weiters wurde mit Beschluss gemÃ¤ÃŸ Â§Â 494a AbsÂ 1 ZÂ 2 StPO vom Widerruf der Alvi I***** mit Urteil des Landesgerichts Klagenfurt vom 10.Â JÃ¤nnerÂ 2018, GZÂ 79Â HvÂ 85/17g-55, gewÃ¤hrten bedingten Strafnachsicht abgesehen.
Rechtliche Beurteilung
Wie die Generalprokuratur zutreffend aufzeigt, steht das Urteil des Landesgerichts Klagenfurt als JugendschÃ¶ffengericht vom 15.Â MaiÂ 2020, GZÂ 64Â HvÂ 6/20h-54, in seinem Strafausspruch mit dem Gesetz nicht im Einklang:
Der mit Urteil des Einzelrichters des Landesgerichts Klagenfurt vom 10.Â JÃ¤nnerÂ 2018, GZÂ 79Â HvÂ 85/17g-55, erfolgte nachtrÃ¤gliche Strafausspruch zum Verfahren AZÂ 38Â HvÂ 26/16b des Landesgerichts Klagenfurt entfaltete Bindungswirkung (vgl RIS-Justiz RS0101270).
Indem das Landesgericht Klagenfurt mit Urteil vom 15.Â MaiÂ 2020, GZÂ 64Â HvÂ 6/20h-54, nochmals nachtrÃ¤glich die Strafe zum Urteil des Landesgerichts Klagenfurt vom 22.Â AugustÂ 2016, GZÂ 38Â HvÂ 26/16b-19, aussprach, verletzte es den im 16.Â HauptstÃ¼ck der Strafprozessordnung verankerten Grundsatz der Bindungs- bzw Sperrwirkung gerichtlicher Entscheidungen sowie Â§Â 15 AbsÂ 1 JGG (RIS-Justiz RS0075175, RS0086998). Zudem verstieÃŸ es durch die abermalige Sanktionierung einer bereits abgeurteilten Tat gegen das in ArtÂ 4 AbsÂ 1 7.Â ZPMRK und in Â§Â 17 AbsÂ 1 StPO normierte Verbot der Doppelbestrafung (RIS-Justiz RS0075175, RS0124619).
Der in Rede stehende Strafausspruch wirkte sich zum Nachteil des Verurteilten aus. GemÃ¤ÃŸ Â§Â 292 letzter Satz StPO sah sich der Oberste Gerichtshof daher veranlasst, den aufgezeigten Gesetzesverletzungen die im Spruch ersichtliche konkrete Wirkung zu verleihen.
HinzuzufÃ¼gen bleibt, dass der im Verfahren AZÂ 38Â HvÂ 26/16b des Landesgerichts Klagenfurt ergangene Beschluss vom 30.Â AprilÂ 2020 (ONÂ 40) auf endgÃ¼ltiges Absehen von der VerhÃ¤ngung einer Strafe (iSd Â§Â 15 AbsÂ 3 letzter Satz JGG) â€“ angesichts der bereits mit Urteil des Landesgerichts Klagenfurt vom 10.Â JÃ¤nnerÂ 2018, GZÂ 79Â HvÂ 85/17g-55, erfolgten nachtrÃ¤glichen Straffestsetzung â€“ Ã¼ber einen nicht mehr existenten Entscheidungsgegenstand ergangen ist und solcherart keine Wirksamkeit zu entfalten vermochte (vgl Jerabek, WK-StPO Â§Â 494a RzÂ 13). Einer klarstellenden Beseitigung dieses Beschlusses bedurfte es daher nicht (vgl 13Â OsÂ 64/09z).