Document Number: JWT_2020190133_20201001L00
ECLI: ECLI:AT:VWGH:2020:RA2020190133.L00
Case Number: Ra 2020/19/0133
Application Type: Vwgh
Court: Verwaltungsgerichtshof (VwGH)
Decision Date: 1601510400000
Word Count: 2386

Spruch
I. den Beschluss gefasst:
Die Revision wird, soweit sie sich gegen die Abweisung der Beschwerde in Bezug auf den Status des Asylberechtigten richtet, zurÃ¼ckgewiesen.
II. zu Recht erkannt:
In seinem Ã¼brigen Umfang wird das angefochtene Erkenntnis wegen Rechtswidrigkeit infolge Verletzung von Verfahrensvorschriften aufgehoben.
Der Bund hat dem Revisionswerber Aufwendungen in der HÃ¶he von EURÂ 1.106,40 binnen zweiÂ Wochen bei sonstiger Exekution zu ersetzen.
BegrÃ¼ndung
1Â Der Revisionswerber, ein StaatsangehÃ¶riger Afghanistans, stellte am 26.Â OktoberÂ 2015 einen Antrag auf internationalen Schutz. Als Fluchtgrund gab er an, die Sicherheitslage sei aufgrund der Taliban prekÃ¤r. Sein Onkel sei Polizist gewesen und ermordet worden. Der Islamische Staat habe versucht, den Revisionswerber zu entfÃ¼hren und zu rekrutieren. Sein Freund sei dabei ermordet worden, er selbst habe eine massive Verletzung infolge von SchlÃ¤gen auf den Kopf erlitten.
2Â Mit Bescheid vom 23.Â NovemberÂ 2017 wies das Bundesamt fÃ¼r Fremdenwesen und Asyl (BFA) diesen Antrag ab, erteilte dem Revisionswerber keinen Aufenthaltstitel gemÃ¤ÃŸ Â§Â 57 AsylgesetzÂ 2005, erlieÃŸ gegen ihn eine RÃ¼ckkehrentscheidung, stellte fest, dass seine Abschiebung nach Afghanistan zulÃ¤ssig sei, undÂ legte eine Frist fÃ¼r die freiwillige Ausreise fest.
3Â Gegen diesen Bescheid erhob der Revisionswerber fristgerecht Beschwerde. In BeschwerdeergÃ¤nzungen brachte er unter anderem vor, dass er an einer reduzierten Auffassungsgabe, MerkfÃ¤higkeit und Konzentrationsleistung im Hinblick auf die in Afghanistan erlittene Kopfverletzung leide. Er beantragte die Einholung eines fachÃ¤rztlichen Gutachtens undÂ legte eine BestÃ¤tigung betreffend den Besuch einer Psychotherapie wegen einer Posttraumatischen BelastungsstÃ¶rung (PTBS) vor. WeitersÂ legte der Revisionswerber Dokumente betreffend seinen Gesundheitszustand vor, die angaben, dass er an Depressionen, Schlaf-, Konzentrations- sowie ErinnerungsstÃ¶rungen und an Kopfschmerzen bis hin zu KollapszustÃ¤nden und Bewusstlosigkeit leide. In einer weiteren Stellungnahme erfolgte eine Beweismittelvorlage betreffend eine Verletzung des Sprunggelenks, sowie ein Attest einer aktuell bestehenden EinschrÃ¤nkung der ArbeitsfÃ¤higkeit des Revisionswerbers.
4Â Am 16.Â JÃ¤nnerÂ 2020 fÃ¼hrte das Bundesverwaltungsgericht (BVwG) eine mÃ¼ndliche Verhandlung durch, in der auch ein Arzt befragt wurde, der den Revisionswerber psychotherapeutisch betreut hatte.
5Â Im FebruarÂ 2020 wurden weitere Beweismittel zum Gesundheitszustand des Revisionswerbers vorgelegt. Es wurde darauf hingewiesen, dass aufgrund der Verschlechterung des Zustands des Revisionswerbers eine stationÃ¤re Aufnahme in einem Krankenhaus geplant sei. Dem beigefÃ¼gten psychologischen Befund war eine deutlich herabgesetzte LeistungsfÃ¤higkeit, eine PTBS, eine schwere depressive Episode und eine generalisierte AngststÃ¶rung zu entnehmen. Zudem wurde ein MRT-Befund betreffend das Sprunggelenk vorgelegt.
6Â Mit dem angefochtenen Erkenntnis wies das BVwG die Beschwerde des Revisionswerbers als unbegrÃ¼ndet ab. Das Fluchtvorbringen des Revisionswerbers wurde mit nÃ¤herer BegrÃ¼ndung als unglaubwÃ¼rdig beurteilt. Hinsichtlich der Nichtzuerkennung von subsidiÃ¤rem Schutz erachtete es eine RÃ¼ckkehr in die Herkunftsprovinz des Revisionswerbers fÃ¼r nicht mÃ¶glich, nahm aber eine innerstaatliche Fluchtalternative (IFA) in Kabul, Herat und Mazar-e Sharif an. BegrÃ¼ndend fÃ¼hrte es aus, der Revisionswerber sei ein Mann im erwerbsfÃ¤higen Alter mit Erfahrung im Baugewerbe, der zwar an einer PTBS leide, welche seine ArbeitsfÃ¤higkeit jedoch nicht hindere. Der Revisionswerber kÃ¶nne sich in Kabul, Mazar-e Sharif und Herat allenfalls durch GelegenheitstÃ¤tigkeiten aus Eigenem eine Existenzgrundlage sichern.
7Â Aus den LÃ¤nderberichten werde zwar deutlich, dass die Versorgungslage in den drei StÃ¤dten angespannt, eine Versorgung in einem lebensnotwendigen AusmaÃŸ jedoch mÃ¶glich sei. Die Sicherheitslage sei volatil, wobei sie seitÂ 2014 in etwa gleichgeblieben sei. Es sei daher nicht von vornherein ausgeschlossen, dass es dem Revisionswerber mÃ¶glich sein werde, eine Unterkunft und Arbeit zu finden und sich ernÃ¤hren zu kÃ¶nnen.
8Â Trotz seiner eingeschrÃ¤nkten kognitiven KapazitÃ¤ten habe der Revisionswerber Deutschkurse besuchen kÃ¶nnen, an sportlichen AktivitÃ¤ten teilgenommen und ehrenamtlich gearbeitet. Zwar sei seine Leistungs- und MerkfÃ¤higkeit den medizinischen Unterlagen zufolge deutlich herabgesetzt, sie fehle aber nicht gÃ¤nzlich. Es sei davon auszugehen, dass er zumindest einfache HilfstÃ¤tigkeiten durchfÃ¼hren kÃ¶nne. Die soziale Anpassung sei den Unterlagen nach gut vorhanden, wofÃ¼r auch die Beziehung zu seiner Verlobten spreche. Aus diesem Grund habe festgestellt werden kÃ¶nnen, dass der Revisionswerber trotz seiner PTBS arbeitsfÃ¤hig sei. Auch der einvernommene Psychotherapeut habe eine teilweise ArbeitsfÃ¤higkeit in gewissen Bereichen nicht ausgeschlossen und angegeben, dass der Revisionswerber durchaus lernfÃ¤hig sei. Zudem habe er angegeben, dass ein geregelter Alltag und das Nachgehen einer BeschÃ¤ftigung bei der AusprÃ¤gung der PTBS des Revisionswerbers eher fÃ¶rderlich seien. Der Revisionswerber stelle sich nicht als qualifiziert schutzbedÃ¼rftiger dar, als die Ã¼brige afghanische BevÃ¶lkerung, von welcher ebenfalls 50% an Symptomen einer PTBS leiden wÃ¼rde. Der Revisionswerber erfÃ¼lle daher die von der Judikatur geforderten Merkmale eines alleinstehenden, leistungsfÃ¤higen Mannes im berufsfÃ¤higen Alter ohne spezifische VulnerabilitÃ¤t. Es werde nicht verkannt, dass die Arbeitsplatz- und Wohnraumsuche sowie die wirtschaftlichen LebensumstÃ¤nde bei einer Neuansiedlung schwierig sein kÃ¶nnten, dies reiche jedoch nicht, um eine IFA zu verneinen. Zudem kÃ¶nne der Revisionswerber durch die Inanspruchnahme von RÃ¼ckkehrhilfe vorÃ¼bergehend ein Auslangen finden. Dem Revisionswerber sei es mÃ¶glich, sich in den als IFA angenommenen Gebieten etwa durch Hilfs- und Gelegenheitsarbeiten eine Existenz aufzubauen, diese zu sichern und eine einfache Unterkunft zu finden. DafÃ¼r, dass er in Ansehung existentieller GrundbedÃ¼rfnisse in eine lebensbedrohende Situation geraten wÃ¼rde, gebe es keine hinreichenden Anhaltspunkte. Faktoren, die gegen eine Zumutbarkeit der IFA sprechen wÃ¼rden, seien im Verfahren weder hervorgekommen, noch vom Revisionswerber vorgebracht worden. Dem Revisionswerber sei es mÃ¶glich, in den als IFA angenommenen Gebieten nach allfÃ¤lligen anfÃ¤nglichen Schwierigkeiten FuÃŸ zu fassen und ein Leben ohne unbillige HÃ¤rten zu fÃ¼hren, wie es auch andere Landsleute fÃ¼hren kÃ¶nnten. Dies entspreche der EinschÃ¤tzung von UNHCR und EASO zu â€žsingle abled-bodied menâ€œ.
9Â Gegen dieses Erkenntnis richtet sich die auÃŸerordentliche Revision, die vorbringt, das BVwG sei von der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes zur IFA und zur Indizwirkung der UNHCR-Richtlinien abgewichen. Das BVwG habe auf die entfernte MÃ¶glichkeit des Zugangs zu den fÃ¼r die Annahme einer IFA erforderlichen Ressourcen abgestellt und nicht -Â wie von der hg.Â Judikatur gefordertÂ - vor dem Hintergrund der persÃ¶nlichen Merkmale des Revisionswerbers und der Sicherheits- und Versorgungslage geprÃ¼ft, ob ihm der Aufbau einer Existenz ohne unbillige HÃ¤rten mÃ¶glich sei. Dies sei angesichts der persÃ¶nlichen UmstÃ¤nde des Revisionswerbers zu verneinen.
10Â Zudem habe das BVwG Teile des Vorbringens (etwa zu den Kopfschmerzen und dem Umstand, dass aufgrund der Verschlechterung der Symptomatik eine stationÃ¤re Unterbringung geplant gewesen sei) Ã¼bergangen. Es habe zwar die reduzierte LeistungsfÃ¤higkeit des Revisionswerbers festgestellt, allerdings ohne weitere Feststellungen zum Gesundheitszustand, zu den Behandlungen, dem tatsÃ¤chlichen Zugang zu den erforderlichen Medikamenten und zu den Auswirkungen der Krankheitsbilder auf die ArbeitsfÃ¤higkeit des Revisionswerbers zu treffen. Das BVwG hÃ¤tte nicht ohne entsprechende medizinische Expertise als Entscheidungsgrundlage von den vorgelegten Befunden abweichen dÃ¼rfen, sondern ein SachverstÃ¤ndigengutachten einholen und nachvollziehbare Feststellungen zum Gesundheitszustand des Revisionswerbers treffen mÃ¼ssen. Diese UmstÃ¤nde wÃ¼rden sich aufgrund ihrer Auswirkungen auf die Zumutbarkeit der Inanspruchnahme einer IFA als relevant erweisen. Zudem kÃ¶nne aus der einfachen, kÃ¶rperlich nicht belastenden, ehrenamtlichen TÃ¤tigkeit nicht auf die ArbeitsfÃ¤higkeit in Afghanistan geschlossen werden. Der Revisionswerber sei kein â€žable bodied manâ€œ iSd EASO Guidelines bzw.Â der UNHCR-Richtlinien. Zudem wÃ¼rden die herangezogenen LÃ¤nderfeststellungen keine taugliche Entscheidungsgrundlage fÃ¼r die tatsÃ¤chliche VerfÃ¼gbarkeit von RÃ¼ckkehrhilfe darstellen, insbesondere sei das Programm â€žRESTARTÂ IIâ€œ den LÃ¤nderfeststellungen nach beendet worden und unterstÃ¼tze IOM nur am Flughafen.
11Â Der Verwaltungsgerichtshof hat Ã¼ber die Revision nach Einleitung des Vorverfahrens, in dem eine Revisionsbeantwortung nicht erstattet wurde, erwogen:
12Â Die Revision ist teilweise zulÃ¤ssig und begrÃ¼ndet.
Zu I.
13Â Die Revision enthÃ¤lt kein Vorbringen in Bezug auf die Abweisung der Beschwerde gegen die NichtgewÃ¤hrung des Status eines Asylberechtigten. Insoweit war sie daher schon mangels Darlegung einer Rechtsfrage von grundsÃ¤tzlicher Bedeutung gemÃ¤ÃŸ Â§Â 34 Abs.Â 1 und 3Â VwGG zurÃ¼ckzuweisen.
Zu II.:
14Â Im Recht ist die Revision allerdings mit ihrem Vorbringen zur NichtgewÃ¤hrung des Status des subsidiÃ¤r Schutzberechtigten.
15Â GemÃ¤ÃŸ Â§Â 11 Abs.Â 1 AsylGÂ 2005 liegt eine IFA dann vor, wenn Asylwerbern in einem Teil ihres Herkunftsstaates vom Staat oder sonstigen Akteuren, die den Herkunftsstaat oder einen wesentlichen Teil des Staatsgebietes beherrschen, Schutz gewÃ¤hrleistet werden kann, und ihnen der Aufenthalt in diesem Teil des Staatsgebietes zugemutet werden kann. Um von einer zumutbaren innerstaatlichen Fluchtalternative sprechen zu kÃ¶nnen, reicht es nicht aus, dem Asylwerber entgegen zu halten, dass er in diesem Gebiet keine Folter oder unmenschliche oder erniedrigende Behandlung zu erwarten hat. Es muss ihm vielmehr mÃ¶glich sein, im Gebiet der innerstaatlichen Fluchtalternative nach allfÃ¤lligen anfÃ¤nglichen Schwierigkeiten FuÃŸ zu fassen und dort ein Leben ohne unbillige HÃ¤rten zu fÃ¼hren, wie es auch andere Landsleute fÃ¼hren kÃ¶nnen. Ob dies der Fall ist, erfordert eine Beurteilung der allgemeinen Gegebenheiten im Herkunftsstaat und der persÃ¶nlichen UmstÃ¤nde des Asylwerbers. Es handelt sich letztlich um eine Entscheidung im Einzelfall, die auf der Grundlage ausreichender Feststellungen Ã¼ber die zu erwartende Lage des Asylwerbers in dem in Frage kommenden Gebiet sowie dessen sichere undÂ legale Erreichbarkeit getroffen werden muss (vgl.Â grundlegend zur IFA VwGHÂ 23.1.2018, RaÂ 2018/18/0001 sowie aus jÃ¼ngerer Zeit VwGHÂ 23.10.2019, RaÂ 2019/19/0221 und -Â ebenfalls einen afghanischen Asylwerber mit psychischen Problemen betreffendÂ - VwGHÂ 11.3.2020, RaÂ 2019/18/0443, je mwN).
16Â Nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes ist zudem den Richtlinien des UNHCR besondere Beachtung zu schenken (â€žIndizwirkungâ€œ). Diese Indizwirkung bedeutet zwar nicht, dass die AsylbehÃ¶rden in Bindung an entsprechende Empfehlungen des UNHCR internationalen Schutz gewÃ¤hren mÃ¼ssten. Allerdings haben die AsylbehÃ¶rden (und dementsprechend auch das BVwG) sich mit den Stellungnahmen, Positionen und Empfehlungen des UNHCR auseinanderzusetzen und, wenn sie diesen nicht folgen, begrÃ¼ndet darzulegen, warum und gestÃ¼tzt auf welche entgegenstehenden Berichte sie zu einer anderen EinschÃ¤tzung der Lage im Herkunftsstaat gekommen sind. Auch den von EASO herausgegebenen Informationen ist bei der PrÃ¼fung, ob die RÃ¼ckfÃ¼hrung eines Asylwerbers in sein Heimatland zu einem VerstoÃŸ gegen Art.Â 3Â EMRK fÃ¼hren kann sowie ob eine innerstaatliche Fluchtalternative besteht, Beachtung zu schenken (VwGHÂ 17.12.2019, RaÂ 2019/18/0278, mwN).
17Â Diesen Anforderungen hat das BVwG im vorliegenden Fall nicht entsprochen.
18Â ZunÃ¤chst geht das BVwG, wenn es eine IFA fÃ¼r den Revisionswerber in Kabul bejaht, explizit von der in der UNHCR-Richtlinie zum Ausdruck gebrachten Position ab, wonach â€žangesichts der gegenwÃ¤rtigen Sicherheits-, Menschenrechts- und humanitÃ¤ren Lage in Kabul eine interne Schutzalternative in der Stadt grundsÃ¤tzlich nicht verfÃ¼gbarâ€œ sei. Eine tragfÃ¤hige BegrÃ¼ndung, welche alternativ herangezogenen LÃ¤nderberichte bzw.Â EinschÃ¤tzungen anderer internationaler Organisationen und welche besonderen, auÃŸergewÃ¶hnlichen UmstÃ¤nde im konkreten Fall einen gegenteiligen Schluss zulieÃŸen, bleibt das BVwG jedoch schuldig (vgl.Â VwGHÂ 11.3.2020, RaÂ 2019/18/0443). Das BVwG stÃ¼tzt sich vielmehr auf Ã¤ltere Judikatur des Verfassungsgerichtshofes, von welcher dieser mittlerweile allerdings wieder abgegangen ist (vgl.Â zBÂ VfGHÂ 11.12.2019, E 2438/2019) und auf Judikatur des Verwaltungsgerichtshofes vor Ergehen der aktuellen UNHCR-Richtlinien vom 30.Â AugustÂ 2018.
19Â Soweit das BVwG sich auf die Zumutbarkeit einer IFA in den StÃ¤dten Herat und Mazar-e Sharif stÃ¼tzt, ist der Revision zuzustimmen, dass sich das BVwG vor dem Hintergrund der LÃ¤nderberichte und der angespannten Versorgungs- und Arbeitsmarktsituation nicht ausreichend mit dem Gesundheitszustand und der ArbeitsfÃ¤higkeit des Revisionswerbers auseinandergesetzt und Parteivorbringen Ã¼bergangen hat.
20Â Der Verwaltungsgerichtshof hat zur BegrÃ¼ndungspflicht der Erkenntnisse der Verwaltungsgerichte gemÃ¤ÃŸ Â§Â 29Â VwGVG bereits wiederholt ausgesprochen, dass die BegrÃ¼ndung jenen Anforderungen zu entsprechen hat, die in seiner Rechtsprechung zu den Â§Â§Â 58 und 60Â AVG entwickelt wurden. Nach der Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes erfordert dies in einem ersten Schritt die eindeutige, eine Rechtsverfolgung durch die Partei ermÃ¶glichende und einer nachprÃ¼fenden Kontrolle durch die GerichtshÃ¶fe des Ã¶ffentlichen Rechts zugÃ¤ngliche konkrete Feststellung des der Entscheidung zugrunde gelegten Sachverhaltes, in einem zweiten Schritt die Angabe jener GrÃ¼nde, welche die BehÃ¶rde im Falle des Vorliegens widerstreitender Beweisergebnisse in AusÃ¼bung der freien BeweiswÃ¼rdigung dazu bewogen haben, gerade jenen Sachverhalt festzustellen, und in einem dritten Schritt die Darstellung der rechtlichen ErwÃ¤gungen, deren Ergebnisse zum Spruch des Bescheides gefÃ¼hrt haben. Diesen Erfordernissen werden die Verwaltungsgerichte dann gerecht, wenn sich die ihre Entscheidungen tragenden Ãœberlegungen zum maÃŸgeblichen Sachverhalt, zur BeweiswÃ¼rdigung sowie zur rechtlichen Beurteilung aus den verwaltungsgerichtlichen Entscheidungen selbst ergeben (vgl.Â etwa VwGHÂ 18.10.2018, RaÂ 2018/19/0433,Â mwN).
21Â Es entspricht auch der stÃ¤ndigen Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes, dass das Verwaltungsgericht neben der DurchfÃ¼hrung aller zur Klarstellung des Sachverhalts erforderlichen Beweise auch die Pflicht hat, auf das Parteivorbringen, soweit es fÃ¼r die Feststellung des Sachverhalts von Bedeutung sein kann, einzugehen. Das Verwaltungsgericht darf sich Ã¼ber erhebliche Behauptungen und BeweisantrÃ¤ge nicht ohne Ermittlungen und ohne BegrÃ¼ndung hinwegsetzen (vgl.Â etwa VwGHÂ 25.6.2019, RaÂ 2018/19/0705, mwN).
22Â Das BVwG hat festgestellt, dass der Revisionswerber an einer PTBS leide und eine Fissur am rechten Sprunggelenk habe. Er verfÃ¼ge Ã¼ber eine eingeschrÃ¤nkte Denk- und Konzentrationsleistung; seine MerkfÃ¤higkeit und LeistungsfÃ¤higkeit seien deutlich herabgesetzt. Er kÃ¶nne aber jedenfalls einfache HilfstÃ¤tigkeiten verrichten. Zu den vom Revisionswerber im Verfahren vorgebrachten massiven Kopfschmerzen, die offenbar regelmÃ¤ÃŸig zu einer Spitals-Behandlung gefÃ¼hrt und laut Ã¤rztlichen Befunden KollapszustÃ¤nde bis zur Bewusstlosigkeit hervorgerufen haben und mÃ¶glicherweise auf ein SchÃ¤del-Hirn-Trauma zurÃ¼ckzufÃ¼hren sein kÃ¶nnten, werden ebenso wenig Feststellungen getroffen wie zu dem nach der Verhandlung erstatteten Vorbringen hinsichtlich der Verschlechterung des Gesundheitszustandes. In die Beurteilung der Zumutbarkeit der IFA hat dieses Vorbringen dementsprechend auch keinen Eingang gefunden. Dieser Verfahrensfehler ist - wie die Revision zu Recht aufzeigt - auch relevant, weil nicht ausgeschlossen werden kann, dass das BVwG bei BerÃ¼cksichtigung des Vorbringens zu einer anderen Beurteilung der Zumutbarkeit der IFA gekommen wÃ¤re.
23Â Soweit das BVwG weiters vermeint, der Revisionswerber habe selbst seine ArbeitsfÃ¤higkeit bestÃ¤tigt, weil er in der Lage war, Deutschkurse zu besuchen, einer sportlichen BetÃ¤tigung nachzugehen und eine ehrenamtliche TÃ¤tigkeit auszuÃ¼ben, ist darauf zu verweisen, dass sich daraus noch nicht ergibt, dass der Revisionswerber nach den derzeitigen VerhÃ¤ltnissen in den als IFA angenommenen StÃ¤dten Afghanistans sich seine Existenz sichern kÃ¶nne. Soweit das BVwG angibt, der sachverstÃ¤ndige Zeuge, bei dem es sich um einen Psychotherapeuten in Ausbildung unter Supervision handelt, habe bestÃ¤tigt, dass der Revisionswerber nicht generell arbeitsunfÃ¤hig sei, lÃ¤sst es auÃŸer Acht, dass der Zeuge auf die Frage des BVwG, wie er die FÃ¤higkeit des Revisionswerbers einschÃ¤tze, unter angespannten VerhÃ¤ltnissen in einer ihm nicht bekannten afghanischen Stadt Arbeit zu suchen und welche Auswirkungen dies auf seine Erkrankung haben kÃ¶nne, geantwortet hat, dass dies spekulativ sei, er sich aber schwer vorstellen kÃ¶nne, wie das fÃ¼r den Revisionswerber funktionieren solle.
24Â Auch scheint das BVwG den BeurteilungsmaÃŸstab zu verkennen, wenn es ausfÃ¼hrt, aus einer Gesamtschau ergebe sich, dass es nicht von vorneherein ausgeschlossen sei, dass es dem Revisionswerber mÃ¶glich sein werde, eine Unterkunft und Arbeit in den als IFA angenommenen Gebieten zu finden und sich ernÃ¤hren zu kÃ¶nnen.
25Â Das BVwG hat wesentliches Parteivorbringen Ã¼bergangen und seine Entscheidung mangelhaft begrÃ¼ndet. Die Beurteilung, bei dem Revisionswerber handle es sich um einen â€žsingle able-bodied manâ€œ ohne spezifische VulnerabilitÃ¤ten nach den UNHCR-Richtlinien und den EASO-Guidelines, kann ohne Auseinandersetzung mit dem Parteivorbringen vom Verwaltungsgerichtshof nicht auf seine SchlÃ¼ssigkeit Ã¼berprÃ¼ft werden. Das BVwG wird sich mit dem Vorbringen des Revisionswerbers -Â unter Einholung eines SachverstÃ¤ndigengutachtens zu seiner ArbeitsfÃ¤higkeitÂ - auseinandersetzen mÃ¼ssen und dabei zu beachten haben, dass es bei der Beurteilung der Zumutbarkeit einer innerstaatlichen Fluchtalternative darauf ankommt, ob es dem Revisionswerber mÃ¶glich sein werde, nach allfÃ¤lligen Anfangsschwierigkeiten in dem als IFA angenommen Gebiet FuÃŸ zu fassen und dort ein Leben ohne unbillige HÃ¤rten zu fÃ¼hren, wie es auch andere Landsleute fÃ¼hren kÃ¶nnen, und nicht, ob dies vollkommen ausgeschlossen werden kann.
26Â Sohin war das angefochtene Erkenntnis, soweit es die Abweisung des Antrages auf internationalen Schutz hinsichtlich des Status des subsidiÃ¤r Schutzberechtigten und die rechtlich davon abhÃ¤ngigen Entscheidungen betrifft, gemÃ¤ÃŸ Â§Â 42 Abs.Â 2 ZÂ 3Â VwGG wegen Rechtswidrigkeit infolge Verletzung von Verfahrensvorschriften aufzuheben.
27Â Der Ausspruch Ã¼ber den Aufwandersatz grÃ¼ndet sich auf die Â§Â§Â 47Â ffÂ VwGG in Verbindung mit der VwGH-AufwandersatzverordnungÂ 2014.
Wien, am 1.Â OktoberÂ 2020