Document Number: JWT_2017220047_20200115L00
ECLI: ECLI:AT:VWGH:2020:RA2017220047.L00
Case Number: Ra 2017/22/0047
Application Type: Vwgh
Court: Verwaltungsgerichtshof (VwGH)
Decision Date: 1579046400000
Word Count: 2716

Spruch
Das angefochtene Erkenntnis wird wegen Rechtswidrigkeit infolge Verletzung von Verfahrensvorschriften aufgehoben.
Der Bund hat der revisionswerbenden Partei Aufwendungen in der HÃ¶he von EURÂ 1.346,40 binnen zweiÂ Wochen bei sonstiger Exekution zu ersetzen.
BegrÃ¼ndung
1.1. Die belangte BehÃ¶rde wies mit Bescheid vom 28.Â OktoberÂ 2016 den Antrag der Revisionswerberin, einer mongolischen StaatsangehÃ¶rigen, vom 29.Â FebruarÂ 2016 auf Erteilung eines Aufenthaltstitels aus GrÃ¼nden des Art.Â 8Â EMRK gemÃ¤ÃŸ Â§Â 55Â AsylgesetzÂ 2005 (AsylGÂ 2005) ab. Weiters erlieÃŸ sie gemÃ¤ÃŸ Â§Â 10 Abs.Â 3Â AsylGÂ 2005 in Verbindung mit Â§Â 9Â BFA-Verfahrensgesetz (BFA-VG) eine RÃ¼ckkehrentscheidung nach Â§Â 52 Abs.Â 3Â FremdenpolizeigesetzÂ 2005Â (FPG), stellte gemÃ¤ÃŸ Â§Â 52 Abs.Â 9Â FPG die ZulÃ¤ssigkeit der Abschiebung nach Â§Â 46Â FPG fest und setzte gemÃ¤ÃŸ Â§Â 55 Abs.Â 1Â bisÂ 3Â FPG die Frist fÃ¼r die freiwillige Ausreise mit 14Â Tagen fest.
1.2. Die belangte BehÃ¶rde fÃ¼hrte begrÃ¼ndend im Wesentlichen aus, der Antrag der (erstmals) am 21.Â DezemberÂ 2005 illegal nach Ã–sterreich eingereisten Revisionswerberin auf internationalen Schutz sei im Instanzenzug mit Erkenntnis des Asylgerichtshofs vom 29.Â DezemberÂ 2011, in Rechtskraft erwachsen am 2.Â JÃ¤nnerÂ 2012,-Â verbunden mit einer AusweisungÂ - abgewiesen worden. Die Revisionswerberin habe (nach Abschiebung in den Heimatstaat am 10.Â JuliÂ 2012 und neuerlicher illegaler Einreise) am 17.Â JÃ¤nnerÂ 2013 einen weiteren Antrag auf internationalen Schutz gestellt, der mit Bescheid vom 20.Â FebruarÂ 2013, in Rechtskraft erwachsen am 5.Â MÃ¤rzÂ 2013, wegen entschiedener Sache -Â verbunden mit einer AusweisungÂ - zurÃ¼ckgewiesen worden sei. Die Revisionswerberin halte sich seitdem rechtswidrig im Bundesgebiet auf, wobei sie sich am 1.Â FebruarÂ 2013 "nach unbekannt entfernt" habe und "in die AnonymitÃ¤t in Ã–sterreich abgetaucht" sei. Am 29.Â FebruarÂ 2016 habe sie schlieÃŸlich den hier gegenstÃ¤ndlichen Antrag gestellt; sie habe dazu diverse Beweismittel vorgelegt und sei am 10.Â MaiÂ 2016 von der belangten BehÃ¶rde niederschriftlich einvernommen worden.
1.3. Die belangte BehÃ¶rde ging (ergÃ¤nzend zum Vorgesagten) von folgenden Feststellungen aus:
Die Revisionswerberin sei strafrechtlich unbescholten. Sie habe den Ã¼berwiegenden Teil ihres Lebens im Herkunftsstaat verbracht, sei dort sozialisiert worden, mit den dortigen Sitten und GebrÃ¤uchen vertraut, spreche die Landessprache, habe dort eine Schulausbildung abgeschlossen und sei als VerkÃ¤uferin berufstÃ¤tig gewesen; sie habe auch regelmÃ¤ÃŸig Kontakt mit ihrem dort lebenden Vater. Zum Herkunftsstaat bestehe somit eine soziale und familiÃ¤re Vernetzung.Â Im Fall der Abschiebung sei von keiner (vÃ¶lligen) sozialen Isolation im Heimatstaat auszugehen, die Revisionswerberin kÃ¶nne vielmehr wieder einer ErwerbstÃ¤tigkeit nachgehen und sich eine Lebensgrundlage schaffen. Es bestÃ¼nden auch keine GrÃ¼nde fÃ¼r die Annahme einer Gefahr im Sinn des Â§Â 50Â FPG.
Die Revisionswerberin habe zwei in Ã–sterreich lebende volljÃ¤hrige Kinder, die ebenso mongolische StaatsangehÃ¶rige seien. Die in Wien lebende Tochter sei im Bundesgebiet aufenthaltsberechtigt, der in Graz lebende Sohn befinde sich im internationalen Schutzverfahren. Die Kinder fÃ¼hrten ein eigenstÃ¤ndiges Leben, es bestehe kein gemeinsamer Haushalt mit der Revisionswerberin, es liege auch kein sonstiges AbhÃ¤ngigkeitsverhÃ¤ltnis vor. Anderweitige familiÃ¤re Bindungen seien in Ã–sterreich nicht vorhanden.
Die Revisionswerberin sei gesund und arbeitsfÃ¤hig. Sie habe bisher keine ErwerbstÃ¤tigkeit in Ã–sterreich ausgeÃ¼bt, sie verfÃ¼ge jedoch Ã¼ber einen Arbeitsvorvertrag als Reinigungskraft vom 27.Â JÃ¤nnerÂ 2016 und eine weitere AbsichtserklÃ¤rung einer Reinigungsfirma (vom 29.Â SeptemberÂ 2015) betreffend eine stundenweise BeschÃ¤ftigung.
Die Revisionswerberin habe sich wÃ¤hrend ihres Aufenthalts in Ã–sterreich Kenntnisse der deutschen Sprache auf A2-Niveau angeeignet und eine diesbezÃ¼gliche PrÃ¼fung am 6.Â JuniÂ 2015 abgelegt.
Die Revisionswerberin habe eine Taufbescheinigung (vom 28.Â FebruarÂ 2016) sowie UnterstÃ¼tzungs- bzw.Â Empfehlungsschreiben diverser Privatpersonen vorgelegt, wobei diese Unterlagen ebenso im gewissen MaÃŸ von einer gelungenen sozialen Integration in Ã–sterreich zeugten.
1.4. Rechtlich folgerte die belangte BehÃ¶rde im Wesentlichen:
Eine AntragszurÃ¼ckweisung gemÃ¤ÃŸ Â§Â 58 Abs.Â 10 AsylG 2005 komme -Â trotz rechtskrÃ¤ftiger Ausweisung zuletzt mit 5.Â MÃ¤rzÂ 2013Â - nicht in Betracht, weil auf Grund des zwischenzeitig geÃ¤nderten Sachverhalts eine neue AbwÃ¤gung im Sinn des Art.Â 8Â EMRK erforderlich sei.
Nach Â§Â 55Â AsylGÂ 2005 sei ein Aufenthaltstitel zu erteilen, wenn dies (bei ErfÃ¼llung der sonstigen Voraussetzungen) gemÃ¤ÃŸ Â§Â 9 Abs.Â 2Â BFA-VG zur Aufrechterhaltung des Privat- und Familienlebens im Sinn des Art.Â 8Â EMRK geboten sei. Vorliegend ergebe die diesbezÃ¼gliche Beurteilung, dass der beantragte Aufenthaltstitel zu versagen sei.
Der Revisionswerberin sei zwar eine gewisse Integration zuzugestehen, deren Gewicht sei aber erheblich dadurch gemindert, dass ihr Aufenthalt nur auf Grund der AsylantrÃ¤ge vorÃ¼bergehend berechtigt und daher unsicher gewesen sei. Sie habe nicht damit rechnen dÃ¼rfen, nach Abweisung der AsylantrÃ¤ge in Ã–sterreich bleiben zu kÃ¶nnen, woran die lange Verfahrensdauer nichts Ã¤ndere. Der Revisionswerberin sei weiters schwer anzulasten, dass sie nach der rechtskrÃ¤ftigen Abweisung der AsylantrÃ¤ge illegal in Ã–sterreich verblieben und insbesondere mit 1.Â FebruarÂ 2013 "in die AnonymitÃ¤t abgetaucht" sei, um sich der Abschiebung zu entziehen. Sie habe dadurch gravierend gegen die fremdenpolizeilichen Vorschriften verstoÃŸen und die Ã¶ffentliche Ordnung schwer beeintrÃ¤chtigt, sie habe zudem erkennen lassen, dass sie die Ã¶sterreichische Rechtsordnung nicht einhalten wolle. Was die einzelnen Kriterien der AbwÃ¤gung gemÃ¤ÃŸ Art.Â 8Â EMRK betreffe, so sei von einem Familienleben in Ã–sterreich nicht auszugehen, weil zwischen der Revisionswerberin und den erwachsenen Kindern kein gemeinsamer Haushalt bzw.Â kein sonstiges AbhÃ¤ngigkeitsverhÃ¤ltnis bestehe. Es seien auch keine anderweitigen familiÃ¤ren AnknÃ¼pfungspunkte in Ã–sterreich gegeben. Was das Privatleben betreffe, so komme zwar das BemÃ¼hen der Revisionswerberin um eine BeschÃ¤ftigung in dem vorliegenden Arbeitsvorvertrag und der weiteren Einstellungszusage zum Ausdruck. Daraus kÃ¶nne aber nicht auf eine "eventuelle fixe Anstellung nach Abschluss des Probemonats" geschlossen werden. Die Revisionswerberin sei auch nie einer sozialversicherungspflichtigen
BeschÃ¤ftigung in Ã–sterreich nachgegangen und habe keine Ambitionen zur Erlangung einer beruflichen Integration gezeigt. Das nunmehrige BemÃ¼hen sei daher als relativiert zu erachten und nur mit der Absicht zu erklÃ¤ren, den Aufenthalt (doch noch) zuÂ legalisieren.
Soweit sich die Revisionswerberin wÃ¤hrend ihres langjÃ¤hrigen Aufenthalts Sprachkenntnisse angeeignet und eine PrÃ¼fung auf A2- Niveau abgelegt habe, werde dadurch allein die Integration nicht entscheidend gestÃ¤rkt.
Die Taufurkunde sowie die UnterstÃ¼tzungs- und Empfehlungsschreiben diverser Privatpersonen zeugten zwar ebenso im gewissen MaÃŸ von einer sozialen Integration. Der Umstand relativiere sich aber dadurch, dass die Kontakte in einem Zeitraum geschaffen worden seien, als der Aufenthalt an das Abwarten der Entscheidung im Asylverfahren geknÃ¼pft bzw.Â bereits illegal gewesen sei. Was die strafrechtliche Unbescholtenheit anbelange, so habe diese weder eine StÃ¤rkung der persÃ¶nlichen Interessen noch eine SchwÃ¤chung der die Ausweisung gebietenden Ã¶ffentlichen Interessen zur Folge.
Da die Revisionswerberin den Ã¼berwiegenden Teil ihres Lebens im Herkunftsstaat verbracht habe, dort aufgewachsen sei, eine Schulausbildung abgeschlossen und einen Beruf ausgeÃ¼bt habe, und dort auch ihr Vater lebe, mit dem sie Kontakt pflege, sei vom Fortbestehen eines sozialen Netzwerks bzw.Â einer Bindung zum Heimatstaat und damit von der Zumutbarkeit einer Reintegration (mit Aufnahme einer ErwerbstÃ¤tigkeit und Schaffung einer Existenzgrundlage) auszugehen.
Insgesamt ergebe sich daher bei einer GesamtabwÃ¤gung, dass das der Revisionswerberin vorzuwerfende Fehlverhalten und die dadurch beeintrÃ¤chtigten Ã¶ffentlichen Interessen die durch das Privatleben begrÃ¼ndeten persÃ¶nlichen Interessen an einem weiteren Verbleib in Ã–sterreich deutlich Ã¼berwÃ¶gen. Folglich sei die Erteilung des beantragten Aufenthaltstitels zu versagen, eine RÃ¼ckkehrentscheidung zu fÃ¤llen und die ZulÃ¤ssigkeit der Abschiebung auszusprechen (gewesen).
2.1. Die Revisionswerberin erhob Beschwerde gegen den Bescheid. Sie wandte sich darin vor allem gegen die InteressenabwÃ¤gung der belangten BehÃ¶rde, indem sie bemÃ¤ngelte, ihre weitgehende Integration in Ã–sterreich bzw.Â ihre nicht mÃ¶gliche Reintegration im Herkunftsstaat seien nicht entsprechend gewÃ¼rdigt worden. Weiters behauptete sie diverse der Entscheidung anhaftende Fehler, unter anderem eine unzureichende BerÃ¼cksichtigung der vorgelegten Urkunden. Ferner beantragte sie die DurchfÃ¼hrung einer mÃ¼ndlichen Verhandlung.
2.2. Mit Eingabe vom 26.Â JÃ¤nnerÂ 2017Â legte die Revisionswerberin weitere Urkunden vor, und zwar einen Arbeitsvorvertrag vom 14.Â DezemberÂ 2016 (der inhaltlich im Wesentlichen jenem vom 27.Â JÃ¤nnerÂ 2016 entsprach) sowie ein Schreiben der Baptistengemeinde Linz vom 7.Â JÃ¤nnerÂ 2017Â mit einer (von 35Â Personen gefertigten) Unterschriftenliste. In dem zuletzt genannten Schreiben wurde um ein "Bleiberecht" fÃ¼r die Revisionswerberin ersucht und deren TÃ¤tigkeit seit dem JahrÂ 2013 -Â etwa durch regelmÃ¤ÃŸige Teilnahme an Veranstaltungen, durch Mithilfe bei AktivitÃ¤ten und durch Betreuung hilfsbedÃ¼rftiger MenschenÂ - hervorgehoben.
3.1. Mit dem nunmehr angefochtenen Erkenntnis wies das Bundesverwaltungsgericht die Beschwerde -Â ohne DurchfÃ¼hrung einer mÃ¼ndlichen VerhandlungÂ - als unbegrÃ¼ndet ab.
3.2. Das Verwaltungsgericht ging im Wesentlichen von dem bereits durch die belangte BehÃ¶rde festgestellten Sachverhalt aus, wobei es ergÃ¤nzend (unter anderem) festhielt:
Die Revisionswerberin habe sich nach ihrem Untertauchen (am 1.Â FebruarÂ 2013) erst wieder ab dem 7.Â SeptemberÂ 2015 im Bundesgebiet amtlich gemeldet.
Gegen den Sohn der Revisionswerberin bestehe seit SeptemberÂ 2012 eine rechtskrÃ¤ftige RÃ¼ckkehrentscheidung samt einem auf zehn Jahre befristeten Einreiseverbot. Von der Tochter werde die Revisionswerberin mit monatlich EURÂ 500,-- finanziell unterstÃ¼tzt. Die Revisionswerberin habe sich als ein im FebruarÂ 2016 getauftes Mitglied der Baptistengemeinde sozial integriert und verfÃ¼ge Ã¼ber einen entsprechenden Freundes-Â und Bekanntenkreis.
3.3. Das Verwaltungsgericht schloss sich im Wesentlichen auch der rechtlichen WÃ¼rdigung der belangten BehÃ¶rde an, wobei es ergÃ¤nzend (unter anderem) ausfÃ¼hrte:
Die Dauer des unrechtmÃ¤ÃŸigen Aufenthalts resultiere nicht aus den BehÃ¶rden zuzurechnenden VerfahrensverzÃ¶gerungen. Die Revisionswerberin sei vielmehr zuletzt im JÃ¤nnerÂ 2013 illegal eingereist und trotz rechtskrÃ¤ftiger Abweisung des weiteren Asylantrags und Ausweisung illegal im Bundesgebiet verblieben und dabei zeitweise (von FebruarÂ 2013 bis zur neuerlichen Meldung im SeptemberÂ 2015) auch untergetaucht.
Was die familiÃ¤ren Bindungen betreffe, so bestehe gegenÃ¼ber dem Sohn eine rechtskrÃ¤ftige RÃ¼ckkehrentscheidung und ein Einreiseverbot. Eine allfÃ¤llige AbhÃ¤ngigkeit von der finanziellen UnterstÃ¼tzung durch die Tochter sei insofern relativiert, als die UnterstÃ¼tzung auch durch Ãœberweisungen in den Herkunftsstaat bewirkt werden kÃ¶nne. Im Ãœbrigen sei die Revisionswerberin gesund und arbeitsfÃ¤hig und somit grundsÃ¤tzlich selbsterhaltungsfÃ¤hig. Die Revisionswerberin sei (neben ihrer losen Beziehung zu den erwachsenen Kindern) auch als getauftes Mitglied der Baptistengemeinde in Ã–sterreich sozial integriert.
Was die zeitliche Komponente des Aufenthalts betreffe, so sei zwar bei einer mehr als zehnjÃ¤hrigen Aufenthaltsdauer regelmÃ¤ÃŸig von einem Ãœberwiegen der persÃ¶nlichen Interessen an einem Verbleib in Ã–sterreich auszugehen, auÃŸer der Fremde hÃ¤tte die im Bundesgebiet verbrachte Zeit Ã¼berhaupt nicht genÃ¼tzt, um sich sozial und beruflich zu integrieren. Vorliegend sei jedoch -Â selbst wenn man den Aufenthalt wÃ¤hrend des ersten Asylverfahrens hinzurechnete und damit zu einer mehr als zehnjÃ¤hrigen Gesamtdauer gelangteÂ - zu berÃ¼cksichtigen, dass die Revisionswerberin seit der Wiedereinreise im JÃ¤nnerÂ 2013 bloÃŸ eine soziale -Â nicht auch eine beruflicheÂ - Integration erlangt habe und ihr ein erhebliches fremdenrechtliches Fehlverhalten (infolge der wiederholten unbegrÃ¼ndeten AsylantrÃ¤ge, der illegalen Einreise und des illegalen Verbleibs in Ã–sterreich) anzulasten sei.
Insgesamt stellten sich daher die von der Revisionswerberin geltend gemachten UmstÃ¤nde in Summe nicht als derart auÃŸergewÃ¶hnlich und gewichtig dar, dass die privaten Interessen an einem Verbleib in Ã–sterreich die Ã¶ffentlichen Interessen im Sinn des Art.Â 8Â EMRK Ã¼berwÃ¶gen.
3.4. Eine mÃ¼ndliche Verhandlung habe -Â so das Verwaltungsgericht weiterÂ - gemÃ¤ÃŸ Â§Â 21 Abs.Â 7Â BFA-VG unterbleiben kÃ¶nnen, weil der Sachverhalt als geklÃ¤rt anzusehen sei. Die Integrationskriterien seien bereits durch die belangte BehÃ¶rde festgestellt worden, darÃ¼ber hinausgehende neue klÃ¤rungsbedÃ¼rftige Sachverhaltselemente seien im Beschwerdeverfahren nicht aufgezeigt worden, das Verwaltungsgericht habe bloÃŸ eine andere Gewichtung der schon festgestellten UmstÃ¤nde vorgenommen. Auch sonst habe sich kein Anlass ergeben, den Sachverhalt im Rahmen einer mÃ¼ndlichen Verhandlung zu erÃ¶rtern.
3.5. Das Verwaltungsgericht sprach ferner aus, dass die Revision nach Art.Â 133 Abs.Â 4Â B-VG nicht zulÃ¤ssig sei.
4.1. Gegen dieses Erkenntnis wendet sich die auÃŸerordentliche Revision, in der unter anderem bemÃ¤ngelt wird, das Verwaltungsgericht habe keine mÃ¼ndliche Verhandlung durchgefÃ¼hrt. Bei Abhaltung einer Verhandlung hÃ¤tte sich das Verwaltungsgericht einen persÃ¶nlichen Eindruck von der Revisionswerberin verschaffen kÃ¶nnen und hÃ¤tte diese ihre weitgehende soziale Integration nachweisen kÃ¶nnen.
4.2. Eine Revisionsbeantwortung wurde nicht erstattet.
5. Der Verwaltungsgerichtshof hat -Â in einem gemÃ¤ÃŸ Â§Â 12 Abs.Â 1 ZÂ 2Â VwGG gebildeten SenatÂ - erwogen:
Die Revision ist -Â entgegen dem den Verwaltungsgerichtshof nicht bindenden Ausspruch des Verwaltungsgerichts (Â§Â 34 Abs.Â 1aÂ VwGG)Â - aus dem von der Revisionswerberin geltend gemachten Grund (Punkt 4.1.) zulÃ¤ssig und im Sinn der nachstehenden ErwÃ¤gungen auch berechtigt.
6.1. GemÃ¤ÃŸ Â§Â 21 Abs.Â 7Â BFA-VG -Â die Bestimmung geht der bloÃŸ subsidiÃ¤r anwendbaren Norm des Â§Â 24 Abs.Â 4Â VwGVG vorÂ - kann selbst bei Vorliegen eines ausdrÃ¼cklichen Antrags eine mÃ¼ndliche Verhandlung dann unterbleiben, wenn der Sachverhalt aus der Aktenlage in Verbindung mit der Beschwerde geklÃ¤rt erscheint oder sich aus den bisherigen Ermittlungen zweifelsfrei ergibt, dass das Vorbringen nicht den Tatsachen entspricht.
6.2. Vorliegend stÃ¼tzte sich das Verwaltungsgericht beim Absehen von der DurchfÃ¼hrung einer mÃ¼ndlichen Verhandlung auf den erstgenannten Tatbestand des Â§Â 21 Abs.Â 7Â BFA-VG. Mit diesem hat sich der Verwaltungsgerichtshof bereits im Erkenntnis vom 28.Â MaiÂ 2014, RaÂ 2014/20/0017Â undÂ 0018, eingehend befasst. Demnach muss der wesentliche Sachverhalt von der VerwaltungsbehÃ¶rde vollstÃ¤ndig in einem ordnungsgemÃ¤ÃŸen Ermittlungsverfahren erhoben worden sein und bezogen auf den Entscheidungszeitpunkt des Verwaltungsgerichts noch immer die gesetzlich gebotene AktualitÃ¤t und VollstÃ¤ndigkeit aufweisen. Die BehÃ¶rde muss die die maÃŸgeblichen Feststellungen tragende BeweiswÃ¼rdigung in gesetzmÃ¤ÃŸiger Weise offen gelegt haben und das Verwaltungsgericht die tragenden ErwÃ¤gungen der behÃ¶rdlichen BeweiswÃ¼rdigung teilen. In der Beschwerde darf kein dem Ergebnis des behÃ¶rdlichen Ermittlungsverfahrens entgegenstehender oder darÃ¼ber hinaus gehender relevanter Sachverhalt behauptet werden, wobei bloÃŸ unsubstanziiertes Bestreiten des von der BehÃ¶rde festgestellten Sachverhalts auÃŸer Betracht bleiben kann (vgl.Â VwGHÂ 23.6.2015, RaÂ 2014/22/0181; 18.2.2019, RaÂ 2016/22/0115).
Wie der Verwaltungsgerichtshof ferner in stÃ¤ndiger Rechtsprechung (im Zusammenhang mit den Voraussetzungen fÃ¼r ein Absehen von einer mÃ¼ndlichen Verhandlung) vertritt, kann die Frage der IntensitÃ¤t der privaten und familiÃ¤ren Bindungen in Ã–sterreich nicht auf die bloÃŸe Beurteilung von Rechtsfragen reduziert werden. Vielmehr kommt der Verschaffung eines persÃ¶nlichen Eindrucks in Bezug auf die fÃ¼r die AbwÃ¤gung nach Art.Â 8Â EMRK relevanten UmstÃ¤nde besondere Bedeutung zu (vgl.Â VwGHÂ 12.11.2015, RaÂ 2015/21/0101; neuerlich RaÂ 2016/22/0115).
7.1. Nach dem Vorgesagten kann somit das Verwaltungsgericht von einer mÃ¼ndlichen Verhandlung -Â trotz ausdrÃ¼cklichem AntragÂ - absehen, wenn der Sachverhalt aus der Aktenlage in Verbindung mit der Beschwerde geklÃ¤rt erscheint. Dies ist freilich dann nicht der Fall, wenn (unter anderem) der wesentliche Sachverhalt von der VerwaltungsbehÃ¶rde nicht vollstÃ¤ndig erhoben bzw.Â im Beschwerdeverfahren ein dem Ergebnis des behÃ¶rdlichen Ermittlungsverfahrens entgegenstehender oder darÃ¼ber hinaus gehender relevanter Sachverhalt behauptet wird. Von einer solchen Konstellation, in der der wesentliche Sachverhalt nicht als (gÃ¤nzlich) geklÃ¤rt erscheint, ist auch hier auszugehen.
7.2. Die Revisionswerberin beantragte im Beschwerdeverfahren ausdrÃ¼cklich die Abhaltung einer mÃ¼ndlichen Verhandlung, wobei sie unter anderem eine unzureichende BerÃ¼cksichtigung der vorgelegten Urkunden bemÃ¤ngelte und (mit Eingabe vom 26.Â JÃ¤nnerÂ 2017) weitere Urkunden in Vorlage brachte, darunter insbesondere ein von 35Â Personen unterstÃ¼tztes Schreiben der Baptistengemeinde Linz vom 7.Â JÃ¤nnerÂ 2017, in dem der Revisionswerberin die jahrelange AusÃ¼bung ehrenamtlicher TÃ¤tigkeiten (unter anderem auch durch Betreuung hilfsbedÃ¼rftiger Personen) bescheinigt wurde. Zu dieser -Â erstmals im Beschwerdeverfahren behauptetenÂ - ehrenamtlichen BetÃ¤tigung wurden aber im verwaltungsbehÃ¶rdlichen Verfahren keine Erhebungen durchgefÃ¼hrt, sodass der Sachverhalt insofern ungeklÃ¤rt erscheint.
Bei den betreffenden TÃ¤tigkeiten handelt es sich um einen mit Blick auf die vorzunehmenden InteressenabwÃ¤gung nach Art.Â 8Â EMRK durchaus wesentlichen Umstand, ist doch in einer jahrelangen ehrenamtlichen BetÃ¤tigung (unter anderem mit Betreuung hilfsbedÃ¼rftiger Menschen) ein deutlicher Hinweis auf das Bestehen einer weitgehenden sozialen Integration in Ã–sterreich zu erblicken. Eine derartige ehrenamtliche BetÃ¤tigung stellt zudem ein starkes Indiz fÃ¼r das -Â von der belangten BehÃ¶rde und vom Verwaltungsgericht in Zweifel gezogeneÂ - (grundsÃ¤tzliche) Vorliegen einer Arbeitsbereitschaft auf Seiten der Revisionswerberin dar.
Nach der schon aufgezeigten Rechtsprechung kommt bei den durchzufÃ¼hrenden Erhebungen -Â zumal es um die IntensitÃ¤t der sozialen Bindungen in Ã–sterreich gehtÂ - der Verschaffung eines persÃ¶nlichen Eindrucks im Rahmen einer mÃ¼ndlichen Verhandlung besondere Bedeutung zu.
7.3. Im Hinblick darauf hat jedoch das Verwaltungsgericht zu Unrecht von der beantragten DurchfÃ¼hrung einer mÃ¼ndlichen Verhandlung Abstand genommen. Das Verwaltungsgericht wird im fortgesetzten Verfahren die Abhaltung einer Verhandlung zur Vornahme der erforderlichen Erhebungen nachzuholen haben.
8.1. Dabei wird das Verwaltungsgericht auch zu beachten haben, dass bei der Beurteilung, ob die Erteilung eines Aufenthaltstitels nach Â§Â 55Â AsylGÂ 2005 zur Aufrechterhaltung des Privat-Â oder Familienlebens im Sinn des Art.Â 8Â EMRK geboten ist bzw.Â ob eine RÃ¼ckkehrentscheidung einen unverhÃ¤ltnismÃ¤ÃŸigen EingriffÂ in die nach Art.Â 8Â EMRK geschÃ¼tzten Rechte darstellt, grundsÃ¤tzlich davon auszugehen ist, dass die persÃ¶nlichen Interessen eines Fremden an seinem Verbleib in Ã–sterreich mit der Dauer seines bisherigen Aufenthalts zunehmen, dies selbst wenn die Aufenthaltsdauer nicht allein maÃŸgeblich ist, sondern anhand der UmstÃ¤nde des Einzelfalls zu prÃ¼fen ist, inwieweit der Fremde die Zeit genÃ¼tzt hat, um sich sozial und beruflich zu integrieren. Bei einem mehr als zehnÂ Jahre dauernden inlÃ¤ndischen Aufenthalt ist freilich regelmÃ¤ÃŸig von einem Ãœberwiegen der persÃ¶nlichen Interessen an einem Verbleib in Ã–sterreich auszugehen; nur wenn der Fremde die in Ã–sterreich verbrachte Zeit Ã¼berhaupt nicht genÃ¼tzt hat, um sich sozial und beruflich zu integrieren, sind Aufenthaltsbeendigungen ausnahmsweise auch nach einem so langen Inlandsaufenthalt noch fÃ¼r verhÃ¤ltnismÃ¤ÃŸig anzusehen (vgl.Â etwa VwGHÂ 8.11.2018, RaÂ 2016/22/0120; 17.3.2016, RoÂ 2015/22/0016).
Die MaÃŸgeblichkeit der soeben aufgezeigten Judikatur (zum regelmÃ¤ÃŸigen Ãœberwiegen der persÃ¶nlichen Interessen an einem Verbleib in Ã–sterreich bei einem mehr als zehnjÃ¤hrigen Aufenthalt) wird vom Verwaltungsgerichtshof der Sache nach auch fÃ¼r jene FÃ¤lle anerkannt, in denen ein Inlandsaufenthalt von insgesamt mehr als zehnjÃ¤hriger Dauer einmalig fÃ¼r wenige Monate unterbrochen wurde (vgl.Â abermals VwGHÂ RoÂ 2015/22/0016).
8.2. Vorliegend hielt sich die Revisionswerberin von ihrer erstmaligen Einreise im DezemberÂ 2005 bis zum Ergehen der (angefochtenen) Entscheidung des Verwaltungsgerichts -Â unterbrochen lediglich durch einen einmaligen ungefÃ¤hr sechsmonatigen Auslandsaufenthalt (von ihrer Abschiebung im JuliÂ 2012 bis zur neuerlichen Einreise im JÃ¤nnerÂ 2013)Â - in Ã–sterreich auf. Davon ausgehend war sie jedoch im Zeitpunkt der Entscheidung des Verwaltungsgerichts bereits ungefÃ¤hr zehneinhalb Jahre im Inland aufhÃ¤ltig.
Bei einem derart langen inlÃ¤ndischen Aufenthalt ist freilich nach der oben aufgezeigten Rechtsprechung regelmÃ¤ÃŸig von einem Ãœberwiegen der persÃ¶nlichen Interessen auszugehen. Dass die Revisionswerberin die im Inland verbrachte Zeit Ã¼berhaupt nicht genÃ¼tzt hÃ¤tte, um sich sozial und beruflich zu integrieren, kann vorliegend -Â vorbehaltlich allfÃ¤lliger gegenteiliger Tatsachenfeststellungen im fortgesetzten VerfahrenÂ - auf dem Boden des Beschwerdevorbringens nicht von vornherein angenommen werden.
9. Insgesamt ergibt sich daher, dass das Verwaltungsgericht zu Unrecht von der DurchfÃ¼hrung einer mÃ¼ndlichen Verhandlung abgesehen und dadurch seine Entscheidung mit Rechtswidrigkeit belastet hat.
Das angefochtene Erkenntnis war deshalb zur GÃ¤nze -Â die weiteren AussprÃ¼che allein kÃ¶nnen keinen Bestand habenÂ - nach Â§Â 42 Abs.Â 2 ZÂ 3Â lit.Â bÂ undÂ cÂ VwGG wegen Rechtswidrigkeit infolge Verletzung von Verfahrensvorschriften aufzuheben.
10. Die Entscheidung Ã¼ber den Aufwandersatz beruht auf den Â§Â§Â 47Â ffÂ VwGG in Verbindung mit der VwGH-AufwandersatzverordnungÂ 20
14.
Wien, am 15.Â JÃ¤nnerÂ 2020