Document Number: JJT_20200917_OGH0002_0140NS00048_20Z0000_000
ECLI: ECLI:AT:OGH0002:2020:0140NS00048.20Z.0917.000
Case Number: 14Ns48/20z
Application Type: Justiz
Court: OGH
Decision Date: 1600300800000
Word Count: 781

Kopf
Der Oberste Gerichtshof hat am 17.Â SeptemberÂ 2020 durch die SenatsprÃ¤sidentin des Obersten Gerichtshofs Mag.Â Hetlinger als Vorsitzende, den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Nordmeyer, die HofrÃ¤tinnen des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Mann und Dr.Â Setz-Hummel sowie den Hofrat des Obersten Gerichtshofs Dr.Â Haslwanter in der Strafvollzugssache der ***** V***** wegen bedingter Entlassung aus Freiheitsstrafen in dem zu AZÂ 182 BEÂ 177/20k des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Wien und zu AZÂ 75Â BEÂ 158/20p des Landesgerichts Klagenfurt zwischen diesen Gerichten gefÃ¼hrten ZustÃ¤ndigkeitsstreit nach AnhÃ¶rung der Generalprokuratur nichtÃ¶ffentlich (Â§Â 62 AbsÂ 1 zweiter Satz OGH-GeoÂ 2019) den
Beschluss
gefasst:
Spruch
Das Verfahren Ã¼ber die bedingte Entlassung der ***** V***** aus Freiheitsstrafen nach Â§Â 46 AbsÂ 1 StGB ist vom Landesgericht Klagenfurt zu fÃ¼hren.
Text
GrÃ¼nde:
***** V***** verbÃ¼ÃŸt derzeit zwei mit Urteilen des Landesgerichts fÃ¼r Strafsachen Wien vom 22.Â OktoberÂ 2018, AZÂ 66Â HvÂ 54/18w, und vom 14.Â NovemberÂ 2018, AZÂ 31Â HvÂ 48/18f, Ã¼ber sie verhÃ¤ngte Freiheitsstrafen in der Gesamtdauer von 16Â Monaten mit Strafende am 27.Â FebruarÂ 2021. Diese Strafen wurden zunÃ¤chst in der Justizanstalt Wien-Josefstadt vollzogen.
Mit Bescheid vom 27.Â FebruarÂ 2020, AZÂ 147145/01-II3/2020, ordnete die Generaldirektion beim Bundesministerium fÃ¼r Justiz gemÃ¤ÃŸ Â§Â 10 StVG die ZustÃ¤ndigkeit der Justizanstalt Klagenfurt fÃ¼r den weiteren Vollzug der Ã¼ber V***** verhÃ¤ngten Freiheitsstrafen an (ONÂ 2 SÂ 33). Dem unter einem erfolgten Ersuchen, die Ãœberstellung der Strafgefangenen in die Justizanstalt Klagenfurt zu veranlassen, entsprach die Justizanstalt Wien-Josefstadt bislang nicht (unjournalisierte Ã„uÃŸerung des Leiters der Justizanstalt Wien-Josefstadt in ONÂ 5, Einsicht in IVV).
Am 16.Â JuniÂ 2020 langten beim Landesgericht Klagenfurt die von der Justizanstalt Wien-Josefstadt vorgelegten Akten zur Entscheidung Ã¼ber die bedingte Entlassung der ***** V***** aus den angefÃ¼hrten Freiheitsstrafen ein (ONÂ 2; AZÂ 75Â BEÂ 153/20p).
Mit Beschluss des Landesgerichts Klagenfurt vom 3.Â JuliÂ 2020 (vgl jedoch Â§Â 38 erster Satz StPO) wurde die bedingte Entlassung der Strafgefangenen gemÃ¤ÃŸ Â§Â 46 AbsÂ 1 StGB iVm Â§Â 152 AbsÂ 1 ZÂ 2 StVG â€žwegen Ã¶rtlicher UnzustÃ¤ndigkeit zurÃ¼ckgewiesenâ€œ, weil die Ã¼ber V***** verhÃ¤ngten Freiheitsstrafen zum Zeitpunkt der Einleitung des Verfahrens am 16.Â JuniÂ 2020 in der Justizanstalt Wien-Josefstadt vollzogen worden seien und das Landesgericht Klagenfurt daher nicht Vollzugsgericht gemÃ¤ÃŸ Â§Â 16 AbsÂ 1 StVG sei (ONÂ 3). In der Folge Ã¼bermittelte das Landesgericht Klagenfurt die Akten dem Landesgericht fÃ¼r Strafsachen Wien â€žzustÃ¤ndigkeitshalberâ€œ (ONÂ 1 unjournalisierte VerfÃ¼gung vom 4.Â AugustÂ 2020), die beim letztgenannten Landesgericht am 10.Â AugustÂ 2020 einlangten (ONÂ 1 unjournalisierte S; AZÂ 182Â BEÂ 177/20k).
Mit Beschluss vom 12.Â AugustÂ 2020 verneinte das Landesgericht fÃ¼r Strafsachen Wien seine ZustÃ¤ndigkeit (erkennbar) aufgrund der bereits vor Einleitung des Verfahrens am 27.Â FebruarÂ 2020 angeordneten VollzugsortsÃ¤nderung und Ã¼berwies die Strafvollzugssache dem Landesgericht Klagenfurt (ONÂ 6).
Das Landesgericht Klagenfurt verwies auf die bereits mit â€žBeschluss vom 3.Â JuliÂ 2020 ausgesprochene UnzustÃ¤ndigkeitâ€œ sowie auf Â§Â 38 StPO und Ã¼bermittelte die Akten erneut dem Landesgericht fÃ¼r Strafsachen Wien (ONÂ 7).
Das Landesgericht fÃ¼r Strafsachen Wien bezweifelte (weiterhin) seine ZustÃ¤ndigkeit und legte mit VerfÃ¼gung vom 31.Â AugustÂ 2020 die Akten gemÃ¤ÃŸ Â§Â 38 letzter Satz StPO iVm Â§Â 17 AbsÂ 1 ZÂ 3 StVG dem Obersten Gerichtshof zur Entscheidung des negativen Kompetenzkonflikts vor.
Rechtliche Beurteilung
GemÃ¤ÃŸ Â§Â 16 AbsÂ 2 ZÂ 12 StVG entscheidet das Vollzugsgericht unter anderem Ã¼ber die bedingte Entlassung und die damit zusammenhÃ¤ngenden Anordnungen (Â§Â§Â 46, 48 bis 53 und 56Â StGB). Vollzugsgericht ist gemÃ¤ÃŸ Â§Â 16 AbsÂ 1 erster Satz StVG das in Strafsachen tÃ¤tige Landesgericht, in dessen Sprengel die Freiheitsstrafe vollzogen wird. MaÃŸgeblich ist der Zeitpunkt der Einleitung des Verfahrens (des Einlangens des Antrags bei Gericht; RIS-Justiz RS0087500 [T2]).
â€žVollzogenâ€œ im Sinn dieser Bestimmung wird die Freiheitsstrafe in der hiefÃ¼r zustÃ¤ndigen Justizanstalt, nicht in jener, in der sich der Strafgefangene bloÃŸ vorÃ¼bergehend â€“ wie hier â€žaufgrund der Covid-Krise sowie aus medizinischen GrÃ¼ndenâ€œ noch nicht durchgefÃ¼hrter Ãœberstellung an die Justizanstalt Klagenfurt (ONÂ 5) â€“ aufhÃ¤lt (14Â NsÂ 10/11y; Drexler/Weger, StVG4 Â§Â 16 RzÂ 3).
Die ZustÃ¤ndigkeit der Justizanstalt ergibt sich allgemein aus Â§Â 9 StVG. Bei Vorliegen der Voraussetzungen des Â§Â 10 AbsÂ 1 ZÂ 1 und 2 StVG hat das Bundesministerium fÃ¼r Justiz allgemein oder im Einzelfall die ZustÃ¤ndigkeit einer anderen als der nach Â§Â 9 StVG zustÃ¤ndigen Anstalt anzuordnen. Die vom Bundesministerium fÃ¼r Justiz gemÃ¤ÃŸ Â§Â 10 AbsÂ 1 StVG als zustÃ¤ndig bestimmte Anstalt ist auch dann schon zustÃ¤ndig, wenn noch keine Ãœberstellung des Strafgefangenen von jener Justizanstalt, in der die Strafe angetreten worden war, erfolgt ist (vgl Pieber in WK2 StVG Â§Â 16 RzÂ 4 mwN).
Entgegen der Ansicht des Landesgerichts Klagenfurt kommt es demnach fÃ¼r die Beurteilung der Ã¶rtlichen ZustÃ¤ndigkeit des Vollzugsgerichts in den FÃ¤llen einer StrafvollzugsortsÃ¤nderung gemÃ¤ÃŸ Â§Â 10 AbsÂ 1 StVG â€“ anders als bei Einleitung des Strafvollzugs (vgl RIS-Justiz RS0087254 [T3]; Drexler/Weger, StVG4 Â§Â 16 RzÂ 2 mwN) â€“ nicht auf das tatsÃ¤chliche Eintreffen des Strafgefangenen in der zustÃ¤ndigen Justizanstalt, sondern darauf an, welche Justizanstalt zum Zeitpunkt der Einleitung des Verfahrens nach der Entscheidung der Generaldirektion beim Bundesministerium fÃ¼r Justiz fÃ¼r den Strafvollzug zustÃ¤ndig war.
Das Verfahren Ã¼ber die bedingte Entlassung der ***** V***** wurde am 16.Â JuniÂ 2020 (Vorlage der Akten an das Gericht durch die Justizanstalt) eingeleitet. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Generaldirektion beim Bundesministerium fÃ¼r Justiz mit dem oben angefÃ¼hrten Bescheid vom 27.Â FebruarÂ 2020 bereits gemÃ¤ÃŸ Â§Â 10 StVG die ZustÃ¤ndigkeit der Justizanstalt Klagenfurt fÃ¼r den weiteren Strafvollzug angeordnet. Damit fÃ¤llt die Entscheidung Ã¼ber die bedingte Entlassung der Strafgefangenen in die Kompetenz des Landesgerichts Klagenfurt.